Vortrag der mexikanischen Übersetzerin Claudia Cabrera am International Center der Leuphana
29.06.2026
©Willie Schumann
Am 29. Juni sprach die mexikanische Übersetzerin und Dolmetscherin Claudia Cabrera mit Studierenden der Leuphana. Claudia – die sich auf Übersetzungen vom Deutschen ins mexikanische Spanisch spezialisiert – erzählte von ihrem Werdegang sowie den Herausforderungen und Freuden eines Lebens, das dem Übersetzen gewidmet ist. Ihre zentrale Botschaft: Beim Übersetzen geht es nicht einfach darum, Wörter von einer Sprache direkt in eine andere zu übertragen, sondern die kulturellen, politischen und sozialen Kontexte zu verstehen, in denen sie stehen. Die Studierenden waren fasziniert von der Arbeit der Berufsübersetzerin, besonders davon, wie anschaulich sie zeigte, dass Übersetzungen Brücken zwischen Kulturen bauen, indem sie genau diese kulturellen Kontexte greifbar machen.
Cabrera kam als Autodidaktin zum Übersetzen. Sie begann im Alter von 22 Jahren mit Sachbüchern wie „Cien años de cine", das sie 1995 übersetzte, und fertigte 2005 ihre erste literarische Übersetzung an: den Roman „Animal triste" von Monika Maron. Seitdem arbeitete sie mit vielfältigen Texten, war aber auch als Dolmetscherin für Dirigenten und Architekten, Autoren und Künstler in interkulturellen Kontexten tätig. Diese Vielfalt im Beruf einer Übersetzerin, erklärte sie, erfordere die Fähigkeit, sich täglich neu zu erfinden. Belohnt wird dies durch einen nie endenden Lernprozess und die Gelegenheit, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die sie sonst niemals erforscht hätte.
So konnte sie etwa tief in das Leben und die Erfahrungswelten deutscher Autoren einzutauchen, die während der Zeit des Dritten Reiches im Exil in Mexiko lebten – etwa im Fall ihrer Übersetzung der Werke von Anna Seghers. Cabrera erklärte, dass diese Arbeit sie veranlasste, sich mit der Umgangssprache des Dritten Reiches vertraut zu machen, Ausstellungen zu besuchen und sich mit der Terminologie, den Orten und den Quellen auseinanderzusetzen. Sie kritisierte, dass ein Großteil dieser Arbeit in den Verlagsstrukturen nicht vergütet wird, obwohl genau dies eine gute Übersetzung erst ermöglicht.
Sie sprach auch über die politische Komponente ihrer Arbeit. Erst durch das Übersetzen dieser Texte kann sie Autorinnen im Exil eine Stimme geben – wie etwa Anna Seghers und ihrem antifaschistischen Roman „Das siebte Kreuz", in dessen Mittelpunkt die Flucht von Häftlingen aus einem nationalsozialistischen Konzentrationslager steht. Diese Werke einem größeren Publikum zugänglich zu machen, gewinne angesichts des aktuellen Aufschwungs rechtsextremer Strömungen an Bedeutung.
Sie gab viele spannende Einblicke in die konkreten Herausforderungen der Arbeitsrealität des Übersetzens: die Fristen, die Anforderungen der Verlage und das ständige Wechseln zwischen Übersetzen und Dolmetschen. Beim Dolmetschen, so unterschied sie, muss man die soziale Situation einschätzen und schnell reagieren; das Übersetzen hingegen erfordert Disziplin und tägliche Zielsetzung. Sie übte auch Kritik an den Strukturen der großen Verlage und stellte die Illusion eines „neutralen Spanisch" in Frage, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Im Gegenteil betonte sie die Notwendigkeit, aus ihrer eigenen Stimme und Erfahrung als Mexikanerin heraus zu übersetzen. Sie kritisierte deswegen auch die Praxis der großen Verlage, die weltweiten Übersetzungsrechte ins Spanische aufzukaufen, was den Zugang zu den Werken in anderen Ländern einschränkt. Auf Nachfrage aus dem Publikum sprach sie auch über die Herausforderung durch künstliche Intelligenz. Diese werde bereits für technische Post-Editing-Aufgaben eingesetzt – wobei Post-Editing schlechter bezahlt ist als echte Übersetzerarbeit. Dennoch war sie optimistisch, dass das literarische Übersetzen ein Beruf bleiben wird: Künstliche Intelligenz sei nicht in der Lage, genau diese Unterschiede im kulturellen Kontext zu lesen oder zu verstehen, erfasse die Nuancen nicht und hinterlasse deswegen einen zu großen Korrekturaufwand. Zumindest vorerst also lässt sich Literatur durch künstliche Intelligenz nicht ersetzen.
Wie man an den Reaktionen der Studierenden sehen konnte, war Claudias Einblick in die Welt des Übersetzens insgesamt eine Bestätigung dafür, was das Sprachenlernen so faszinierend macht: Man erschließt sich neue Welten – und wird selbst zum/zur Brückenbauer*in.