Zum Hauptinhalt springen

Neue Studie: Mathe ist mehr als Rechnen - Sprache und Interesse am Aufgabenkontext sind wichtig

21.10.2026 Ob Schüler eine mathematische Sachaufgabe richtig lösen, hängt nicht nur von ihren mathematischen Fähigkeiten ab. Sprachlicher Aufbau und ein interessanter Aufgabenkontext beeinflussen die Lösungsquote der Schüler:innen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Leuphana Universität Lüneburg und der Ruhr-Universität Bochum. Die neuen Erkenntnisse sind sowohl für die Schulpraxis als auch für die Bildungsforschung von großem Interesse. Fast 800 Jugendliche der Sekundarstufe I aus drei Gesamtschulen nahmen an der Studie teil. Die Ergebnisse wurden nun in der international renommierten Zeitschrift Learning and Instruction veröffentlicht.

Ehmke und Leiss ©Leuphana
Prof. Dr. Timo Ehmke (l.) und Prof. Dr. Dominik Leiß

Ein Mathematikunterricht, in dem Schülerinnen und Schüler lernen sollen, reale Probleme zu erfassen und zu lösen, erfordert die Bezugnahme auf Alltagskontexte. Vor diesem Hintergrund hat ein Forschungsteam untersucht, inwiefern sprachliche Fähigkeiten und das Interesse am Aufgabenkontext neben den mathematischen Fähigkeiten die erfolgreiche Bearbeitung von Aufgaben beeinflussen. 

„Die Auswirkungen beider Aspekte auf den Lösungserfolg sind im Einzelfall nicht gewaltig, summieren sich aber im Laufe mehrerer Schuljahre“, so Prof. Dr. Timo Ehmke von der Leuphana Universität Lüneburg, der die Studie zusammen mit Prof. Dr. Dominik Leiss, ebenfalls Leuphana Universität Lüneburg und Prof. Dr. Lena Heine von der Ruhr-Universität Bochum leitete.  

Mathematikaufgaben so zu vereinfachen, dass die Effekte überhaupt keine Rolle mehr spielen, halten die Forschenden dennoch für den falschen Weg: „Wenn Schüler*innen mit den komplexen Anforderungen der Gesellschaft zurechtkommen sollen, dann reicht es nicht aus, im Mathematikunterricht nur mathematisches Fachwissen zu vermitteln. Für Fragestellungen im Alltag braucht es gleichermaßen fachliches Wissen, Sprachkompetenzen und den Willen zur Problemlösung. Die Welt kennt keine Disziplingrenzen.“, so Prof. Dr. Dominik Leiss. 

Sprachlich einfach ist nicht gleich verständlich

Hinzu kommt: Sprachlich einfacher formulierte Aufgaben sind für die Schüler:innen nicht automatisch besser verständlich. Wichtig für den Lösungserfolg sind hingegen sprachliche Verknüpfungen, die Zusammenhänge zwischen den Sätzen eines Textes herstellen. Nach Einschätzung der Forschenden gilt in der Praxis des Mathematikunterrichts aber häufig die Devise, Sätze möglichst einfach zu formulieren. 

Aufgaben mit interessanten Alltagskontexten werden besser gelöst 

Mathematikaufgaben egal ob in Schulbüchern oder Leistungstests sollten künftig auch lebensnahe Inhalte thematisieren, die für Schüler:innen interessant und relevant sind: Das wären zum Beispiel Aufgaben, die aktuelle Themen aufgreifen wie etwa die Diskussion um den Tankrabatt oder Alltagspraktisches wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung einer Bahncard. Eine der Aufgaben in der Studie bezog sich auf die Serie „Haus des Geldes“. Diese war von allen Aufgaben diejenige, die die Schüler:innen am meisten interessierte – mit einem positiven Effekt auf den Lösungserfolg.

Kein direkter Einflussfaktor: der Migrationshintergrund 

Die Studie zeigt außerdem, dass das häufig zur Deutung von Leistungsunterschieden herangezogene demografische Merkmal Migrationshintergrund keinen direkten Einfluss hat. Vielmehr ist es die – auch bei Schüler:innen ohne Migrationshintergrund – unterschiedlich vorhandene sprachliche Kompetenz, die einen Einfluss auf die Lösungsquote hat. Für die schulische Praxis empfiehlt es sich deshalb, auch im Mathematikunterricht alle Schüler:innen sprachlich gezielt zu unterstützen und passende Lesestrategien zu vermitteln. 


Hintergrund

Für die Studie entwickelte das Team maßgeschneiderte Mathematikaufgaben. Insgesamt wurden drei verschiedene Sprachversionen und drei sich unterscheidende mathematische Komplexitätsgrade für 15 lebensweltliche Sachtexte entwickelt und in schriftlichen Tests mit einem Rotationsdesign eingesetzt. Zukünftig wollen sich die Forschenden genauer damit auseinandersetzen, welche Aufgabeninhalte im Mathematikunterricht vorkommen, welche Inhalte Mädchen und Jungen interessieren oder welche weiteren Heterogenitätsmerkmale das Interesse und damit den Lösungserfolg beeinflussen könnten. 

Nachzulesen ist die vollständige Studie in Learning and Instruction.