Blickverstehen ist über Kulturen hinweg universell
10.02.2026 Lüneburg/Leipzig. Zu erkennen, wohin andere Menschen schauen und worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten, gehört zu den grundlegendsten Fähigkeiten menschlicher Kommunikation. Eine neue internationale Studie unter Leitung der Leuphana Universität Lüneburg und des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, Leipzig liefert nun deutliche Hinweise darauf, dass diese Fähigkeit kulturübergreifend auf denselben kognitiven Mechanismen beruht.
©Manuel Bohn
Die frei zugängliche Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Child Development, zeigt: Auch wenn Kinder in sehr unterschiedlichen kulturellen Kontexten aufwachsen, verarbeiten sie Blickinformationen anderer Menschen auf die gleiche grundlegende Weise.
Bislang stützten sich viele Annahmen über grundlegende Muster der sozialen Kognition oft auf kleinere Stichproben aus westlichen, wohlhabenden und städtischen Bevölkerungsgruppen. Die neue Studie erweitert diese Perspektive erheblich. Untersucht wurden mehr als 1.300 Kinder zwischen drei und zehn Jahren aus 17 Gemeinschaften in 14 Ländern auf fünf Kontinenten.
In dem Experiment spielten die Kinder ein Tablet-basiertes Spiel: Auf dem Bildschirm flog ein Ballon hinter eine Hecke. Eine Figur verfolgte den Flug des Ballons ausschließlich mit den Augen. Die Kinder sollten anschließend die Stelle auf der Hecke berühren, an der sie den Ballon vermuteten – allein auf Grundlage der Blickrichtung der Figur. Die Forschenden maßen, wie genau die Kinder den tatsächlichen Landepunkt des Ballons trafen.
Ergänzend nutzte das internationale Forschungsteam ein computergestütztes Modell, das Blickfolgen als eine Form mentaler „Richtungsschätzung“ beschreibt: Kinder leiten demnach aus den Augenbewegungen anderer eine soziale Blickrichtung ab.
Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild: Zwar unterschieden sich Kinder und Gemeinschaften darin, wie präzise sie dem Blick folgten, doch in allen untersuchten Kulturen zeigte sich dieselbe grundlegende kognitive Verarbeitungsstruktur.
„Über alle 17 Gemeinschaften hinweg sehen wir genau die Verarbeitungssignatur, die unser Modell vorhersagt. Das spricht stark dafür, dass der Blickverarbeitung ein gemeinsamer kognitiver Mechanismus zugrunde liegt“, erklärt Manuel Bohn, Professor für Entwicklungspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg und Hauptautor der Studie. Manuel Bohn war bis 2023 Senior Scientist am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und ist dort weiter als Gastwissenschaftler tätig.
Individuelle Unterschiede erklärten sich vor allem durch methodische Faktoren – insbesondere durch die Vertrautheit der Kinder mit Tabletcomputern. In allen untersuchten Gemeinschaften schnitten ältere Kinder im Durchschnitt besser ab als jüngere.
Um faire und vergleichbare Messungen in den unterschiedlichen kulturellen, sprachlichen und sozioökonomischen Kontexten zu ermöglichen, haben die Forschenden gemeinsam mit lokalen Partnerinnen und Partnern alle visuellen und auditiven Elemente der Aufgabe an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst. „Diese Studie zeigt, wie erfolgreiche internationale Zusammenarbeit in der entwicklungspsychologischen Forschung aussehen kann“, sagt Roman Stengelin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, ebenfalls ein leitender Autor.
Die vollständige Studie steht hier zur Verfügung: https://academic.oup.com/chidev/advance-article/doi/10.1093/chidev/aacaf017/8439672
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- Prof. Dr. Manuel Bohn