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GFPM-Jahrestagung an der Leuphana: Musik unter Beobachtung

Prof. Michael Ahlers im Interview

08.10.2026 Musikschaffende im Spannungsfeld zwischen Kontrolle und kreativem Ausdruck. Darum geht es bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Popularmusikforschung (GFPM), die jedes Jahr internationale Forschende aus unterschiedlichsten Disziplinen anzieht und erstmals an der Leuphana stattfindet. Im Interview erzählt Michal Ahlers, Professor an der Leuphana für Musikdidaktik (Popularmusik) und GFPM-Vorstandsmitglied von einer Musikszene zwischen subtiler Lenkung durch Algorithmen, ökonomischer Disziplinierung und Authentizität – und warum er sich mehr Poptheorie in Schulen wünscht.

Veranstaltungsbanner GFPM-Jahrestagung ©Gesellschaft für Popularmusikforschung
Die GFPM-Jahrestagung findet vom 16.-18. Oktober an der Leuphana Universität Lüneburg statt.

Prof. Dr. Michael Ahlers, der diesjährige Kongress steht unter dem Motto: Musik unter Beobachtung. Warum dieser Fokus? 

Es ist vor den aktuellen politischen Entwicklungen natürlich ein sehr aktuelles Thema. In Bezug auf die fortschreitende globale Überwachung von Musikkulturen in nicht-demokratischen Systemen ist das Beobachtungsthema zum einen ein sehr klar politisch aufgeladenes, auf der anderen Seite ein extrem wirtschaftliches, weil Plattform-Algorithmen in Zusammenarbeit mit Big Data-Unternehmen Daten sammeln, nutzen und auswerten. Für die Musikszene geht es also bei dem Thema um Handlungsmacht und die Frage, wie subversiv Musik noch sein kann.

Was reagieren Musikschaffende drauf? 

Viele passen ihre kreative Arbeit immer mehr den Plattformlogiken an. Quantitativ explodiert der Musikmarkt seit einigen Jahren sogar, seit die Songs nur hochgeladen werden müssen und die klassische Gatekeeper-Funktion beispielsweise der Labels entfällt. Was geblieben ist, ist der Mythos, dass Du irgendwann von irgendjemandem entdeckt wirst. Das ist aber eigentlich schier unmöglich bei 70.000 Uploads allein von KI-Titeln pro Tag auf den Streaming-Plattformen, plus die anderen 150.000, die jeden Tag hochgeladen werden. Wer nicht in der Lage ist, irgendeine Art von Partnerin oder Partner mit Multiplikationseffekt zu finden, wird schlichtweg nicht gefunden.

Wie viel Originalität, Kreativität und auch Subversion sind in diesen Zeiten dann überhaupt noch möglich?

Die Musikschaffenden können sich natürlich diesen Marktlogiken entziehen. Es gibt Kreative, die ihre Musik nicht auf den großen Plattformen anbieten, sich zusammentun, offene Bühne veranstalten, eigenen Merchandise herstellen, Fanzines drucken oder Kassetten oder selbstgebrannte CDs verkaufen. Das ist kein Riesenmarkt, aber die Musikschaffenden behalten ihre Handlungsmacht. Und bisweilen zahlt sich diese Strategie sogar besser aus.

Indem sie nicht digital unterwegs sind, entziehen sie sich auch der politischen Beobachtung. Wir sehen das in repressiven Systemen, wie beispielsweise Russland, wo sich subversive Gegenkulturen – unter großer Aufopferung und teilweise massiver Unterdrückung – weiterhin erhalten können. 

Mit Blick auf die von Ihnen angesprochenen Beobachtungs- und Kontrollmechanismen - sind wir da global betrachtet gerade auf einem Höhepunkt? 

Wir sind auf jeden Fall auf dem Peak der Kontrolle angekommen, wenn wir uns anschauen, wie einige Musikkulturen heute funktionieren. Zum Beispiel im K-Pop, wo Bands auf dem Reißbrett entworfen werden, mit eigenen Trainings- und Rekrutierungszentren. 

So etwas wie Retorten-Stars hat es in den vergangenen Jahrzehnten zwar immer schon gegeben, aber jetzt geht es nicht mehr nur um die Musik. Es gibt sogenannte 360-Grad-Deals. Da geht es um die Social-Media-Vermarktung, die Geschichten, die Persona, die Analysen drumherum, die Tourplanung, Merchandise. Früher waren das viele Beteiligte entlang der Wertschöpfungskette. Heut ist alles in der Hand einer Firma, was die Mitsprachemöglichkeiten sehr begrenzt – wenn man nicht gerade ein Standing hat wie U2 oder Taylor Swift.

Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist auch die Musikdidaktik, besonders von populärer Musik.  Schulen fokussieren aber noch sehr den klassischen Musikunterricht. Ein Fehler? 

Ja, unbedingt! Pop verfügt über eine wirklich elaborierte Theorie aus diversen Wissenschaften, von Cultural Studies, über Soziologie bis zur Philosophie. Trotzdem hat es die Poptheorie noch nicht in den Musikunterricht  geschafft. Genauso vermisse ich eine Offenheit anderen als den klassischen mitteleuropäischen Musikkulturen gegenüber. Diese wäre in Anbetracht der großen Diversität in den Schulen aber angebracht. Techniken elektronischer Musikkulturen, aus dem Rap oder auch Beats sind bei Jugendlichen super verbreitet. Viele finden über solche Zugänge erst ihre Stimme und Kreativität. Zudem können sie dabei so viel lernen über Referenzialitäten: Wenn beispielsweise ein Sample immer wieder genutzt wird, weil es in der Soul-Musikkultur der späten 1960er Jahre für afroamerikanische Musiker*innen eine extrem wichtige Platte war und später dann weitere Bedeutungen im Hip-Hop erhalten hat.

Ich setze mich sehr dafür an, dass sich der Musikunterricht in Schulen mehr in diese Richtung entwickelt. Und ich würde behaupten, dass wir hier ein Standort sind, der sich auch in der Qualifizierung zukünftiger Lehrkräfte das sehr auf die Fahne geschrieben hat. 

Vielen Dank für das Gespräch

 

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