Mut entwickeln. Erkenntnisse und Erinnerungen zum internationalen Holocaust-Gedenktag
81 Jahre nach der Befreiung der Opfer von Auschwitz
30.01.2026 Die Leuphana war Gastgeberin der zentralen niedersächsischen Veranstaltung zum 81. Internationalen Holocaust-Gedenktag. Die Schirmherrschaft übernahm Ministerpräsident Olaf Lies. Zur Veranstaltung luden der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, die Stadt Lüneburg und die Leuphana Universität Lüneburg gemeinsam ein. Anwesend waren unter anderem hochrangige Vertreter*innen aus dem Landtag, der Landesregierung, der Justiz, der Polizei und Bundeswehr, der Religionsgemeinschaften und der Sinti und Roma in Niedersachsen sowie Studierende, Mitarbeitende und Professor:innen der Universität. Musikalisch wurde der Abend von den „Hannover Harmonists“ begleitet; die Acapella-Gruppe führt Traditionen der im Nationalsozialismus verbotenen „Comedian Harmonists“ weiter.
©Leuphana/Teresa Halbreiter
Studierende zeichnen Lebenswerke nach
Vier studentische Vertreter*innen des Arbeitskreises Campusgeschichte des AStA, der sich aktiv mit der Geschichte des Universitätsstandortes auseinandersetzt, stellten vier Schicksale und Wege von Lüneburger Bürger*innen, vor, die in der Mitte der Gesellschaft lebten als Nachbarn, als Kaufleute, als engagierte Persönlichkeiten für das Stadtleben und wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Eine von ihnen war die Buchhändlerin Henny Dublon. Sie wurde 1893 geboren und 1943 in Auschwitz ermordet. Henny Dublon lebte im Wilschenbrucher Weg, in Sichtweite des heutigen Campus am Roten Feld.
Das studentische Team setzte sich das Ziel, den Stolpersteinen, mit denen an die Buchhändlerin und die anderen Opfer erinnert wird, mit vertieftem Wissen über individuelle Schicksale und mit Details aus deren Lebensläufen der Geschichte ein Gesicht zu geben. Und sie konnten erklären, warum so viele Wege Lüneburger Jüdinnen und Juden nach Auschwitz führten. „Wir sind darüber bestürzt, dass Antisemitismus weiterhin existiert und sogar noch zugenommen hat“, sagte eine Vertreterin des Arbeitskreises. Und weiter: „Wir sehen es als unsere persönliche und kollektive Verantwortung, die Erinnerungsarbeit voranzutreiben. Es gibt weiterhin dringenden Bedarf an lokaler Aufarbeitung in Lüneburg.“
Mahnende Erinnerung im Landtag
Blickwechsel nach Hannover. Gegenüber der Bürotür der Präsidentin des Niedersächsischen Landtags, Hanna Naber, hängt ein Foto des Kunstwerks „Objekt Rampe Bergen Belsen“ von Almut und Hans-Jürgen Breuste. Es erinnert nicht nur sie selbst mahnend an die Güterverladerampe, an der zehntausende Häftlinge im Konzentrationslager in der Nähe der Lüneburger Heide ankamen. Naber zitierte den Schriftsteller Günter Eich: ‚Bleibt bei uns, Ihr Toten, helft uns vor neuer Schuld.‘ „Für mich ist dieser Satz Mahnung und Aufgabe zugleich“, sagte die Landtagspräsidentin, „staatliche Macht darf niemals wieder dazu gebraucht werden, Menschen zu entwürdigen.“ Naber gab zu bedenken, dass der Holocaust nicht mit Konzentrationslagern, wie dem KZ Bergen-Belsen, begann, sondern mit Ausgrenzung, Schweigen und Vorurteilen. „Es gibt in Niedersachen viele Menschen“, schloss sie ihre Rede, „die daran arbeiten, dass Erinnerung lebendig bleibt. Ihnen möchte ich, auch im Namen des Landetages, meinen Dank aussprechen.“
Weltbilder prägende Wirkung von Sprache
Der Präsident des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst, las aus den Tätigkeitsberichten des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie den Überschriften der „Nationalzeitung“ vor – jeweils aus den sechziger Jahren. Fürst kam zum dem Schluss: beides hätte genauso auch heute erscheinen können. Die gleichen Hinweise auf Vorurteile und die unkritisch vorgetragenen Vorurteile selbst. „Und täglich grüßt das Murmeltier. The same procedure as every year”, pointierte Fürst. Immer wieder komme es zu antisemitischen Vorfällen, denen Floskeln des Bedauerns folgten, ‚nie wieder´höre man und es bessere sich trotzdem nichts. „Die Jahre und die Jahrzehnte wiederholen sich, nur die Namen ändern sich“, sagte Fürst. „Terror beginnt mit Worten, die verharmlosen“, führte er fort mit Bezug zu der Weltbilder prägenden Wirkung von Sprache. In einem Artikel über den US-Unternehmer Ronald Lauder wies eine große deutsche Tageszeitung – gänzlich grundlos und ohne Bezug zum eigentlichen Thema des Artikels – im letzten Satz darauf hin, dass Lauder Präsident des jüdischen Weltkongresses ist. Er halte dagegen: „Ich bin kein Alarmist und auch kein Pessimist“, betonte Fürst. Immerhin 75 Prozent aller Deutschen seien für die Brandmauer gegenüber rechtsextremer Politik. Von seinem Vater, dessen gesamte Familie im Holocaust ermordet wurde, übernahm er dessen kämpferische Widerstandskraft: „Wir stehen wieder auf und wir werden uns nicht unterkriegen lassen.“
(Bildzeile unten, von links nach rechts: Studentische Vertreter*innen des Arbeitskreises Campusgeschichte, Präsidentin des Niedersächsischen Landtags Hanna Naber, Präsident des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen Michael Fürst)
Aufklärung im digitalen Raum
Aufklärung im digitalen Raum. Der niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur Falko Mohrs lenkte die Aufmerksamkeit auf ein ebenso schleichend wie unaufhaltsam größer werdendes Problem: „Wir erleben, wie erfundene Geschichten über Konzentrationslager auf Social Media kursieren.“ Insbesondere mit künstlicher Intelligenz (KI) erzeugte Fotos und Videos werden, weil sie für Klickzahlen sorgen, in Massen erstellt. Diese ‚Gegenerzählungen‘ sind höchst fragwürdig, erläuterte der Minister. „Das Erinnern an die Shoah ist keine Selbstverständlichkeit. Wie erinnern wir an den Holocaust? Was erinnern wir? Wer wird zukünftig für die Zeitzeugen sprechen?“ Mohrs führte weiter an, dass die KI früher oder später für die meisten Menschen die erste und einzige Quelle sein wird, um sich zu informieren. Allein daran, welche verkürzten Antworten alle gängigen KI-Instrumente auf die Frage ‚Welche KZs gab es in Niedersachsen?‘ geben, lässt sich die Verengung des Erinnerns ablesen. „Antisemitische Antworten bleiben oft unwidersprochen. Sichtbarmachen, ist unsere Aufgabe – gerade im digitalen Raum.“
Holocaust war ein komplexer sozialer Prozess
Leuphana Präsident Sascha Spoun stellte die Frage, was neben der Erinnerung noch hinzukommen muss, um eine Wiederholung des Geschehenen zu verhindern. Gerade heute stelle sich diese Frage neu vor dem Hintergrund, dass die mühsam wachgehaltene Erinnerung in jüngerer Zeit oft relativiert werde. Für Spoun liegt die Herausforderung wie folgt: Das Wort ‚Holocaust‘ findet fast schon inflationär Verwendung für unterschiedlichste Formen der Gewalt, wobei der Holocaust selbst als ‚schon so lange her‘ wahrgenommen wird, dass die Notwendigkeit, hierfür die Verantwortung zu übernehmen, an Präsenz verliert. Wichtig sei ihm daher, vor allen Dingen Aufklärung. Spoun sagte: „ Aufklärung ist im Kern nicht nur eine Aufklärung über das Geschehene als historische Tatsache, sie ist auch eine Antwort auf die Frage, wie das Geschehene überhaupt möglich war. Es geht dann um ein Verstehen: Wie war der Holocaust denkbar, und wie war er durchführbar?“ Dank der jüngeren Holocaust-Forschung wurde deutlich, dass es für die Planung und Durchführung des Holocaust nicht nur darum ging, genügend Täter zu rekrutieren. „Ohne das Zuschauen Unzähliger, ohne das Dabeistehen, Hinnehmen, Wegsehen, Verdrängen, womöglich sogar Gutheißen in der Mehrheit einer Gesellschaft wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Der Holocaust war ein komplexer sozialer Prozess.“ Spoun lud dazu ein, eine bestimmte Haltung anzunehmen: „Damit vom völlig berechtigten ‚Wehret den Anfängen!‘ kein bloßer Alarmismus bleibt, sondern tatsächlich etwas in Gang gesetzt wird - als Gegenwehr - braucht es etwas, das hinzutritt zu Erinnerung und Aufklärung, es braucht etwas, das sich die Universitäten und viele andere Bildungseinrichtungen anmaßen zu vermitteln: den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, um davon ausgehend den Mut zu entwickeln, sich dem Unwahren und dem Ungerechtfertigten, dem Ungerechten und dem Unmenschlichen entgegenzustellen.“
Orte der Erinnerung
„Der 27. Januar bleibt ein symbolischer Tag“, stellte die ehrenamtliche Bürgermeisterin Lüneburgs Jule Grunau fest. Denn das Geschehen ist bis heute nicht zu begreifen. „Die Geschichte und die Geschichten der Zeitzeugen müssen weitererzählt werden.“ Grunau gehört zu der letzten Generation, deren Großeltern den Nationalsozialismus noch miterlebten und sie bedauert, diese nicht ausführlich nach ihren Erlebnissen befragt zu haben. Grunau erklärte, dass die Form der Gedenkstätte in Lüneburg einen Teil des Grundrisses der bei den Novemberpogromen zerstörten Lüneburger Synagoge nachzeichnet. Sie betonte die Bedeutung der Neugestaltung des – jahrzehntelang vernächlässigten – jüdischen Friedhofs. „Ich empfinde es als ehrenamtliche Bürgermeisterin als meine Verantwortung“, sagte sie, „dass wir diese Orte der Erinnerung pflegen.“
(Bildzeile unten, von links nach rechts: Hannover Harmonists, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur Falko Mohrs, Leuphana Präsident Sascha Spoun)
Dem Projekt der Studierenden des Arbeitskreises Campusgeschichte merkte man an, welch geduldiger, zäher, kleinteiliger Rechercheaufwand mit hohem persönlichem Engagement erbracht wurde; umso mehr als sich der Arbeitskreis nicht nur auf die Biografien der Opfer beschränkt, sondern auch aufdeckt, was zeitgleich im Umfeld geschah.
1939, also im selben Jahr als Henny Dublon aus Lüneburg vertrieben wurde und ihr Martyrium begann, zog der General Wolfram von Richthofen in die Hansestadt. Er kaufte sich eine Villa im Roten Feld, bekam eine Straße zu seinen Ehren umbenannt und begann dann in Ozarichi (Belarus) völlig enthemmt Kriegsverbrechen. Von Wolfram von Richthofen existieren viele Fotos – von Henny Dublon nicht ein einziges.





