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Fußball in den USA: Angekommen, aber noch nicht König

30.06.2026 Volle Stadien, friedliche Fans und Torjubel: Der Sportsoziologe und Ehrendoktor der Leuphana Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andrei S. Markovits erklärt, warum die WM in den USA begeistert, weshalb Nationalismus im Fußball ambivalent ist und wieso er seit 1958 Manchester United die Treue hält.

©University of Michigan
Die WM ist ein Volksfest", sagt Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andrei S. Markovits,

Herr Professor Markovits, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Fußball und den USA. Ist der Fußball mit dieser Weltmeisterschaft nun endgültig in den USA angekommen?

Schauen Sie, angekommen ist ein schwieriges Wort. Wenn Sie sich die Zuschauerzahlen anschauen: Die beiden erfolgreichsten Weltmeisterschaften waren beide in den USA. Im Moment ist das ganze Land verrückt nach Fußball: Die Stadien sind voll, die WM ist ein Volksfest. Schottische Fans verzaubern Boston. Deutsche feiern mit Fans von der Elfenbeinküste. Überall wird getanzt und gesungen. Aber das bedeutet eben nicht, dass Fußball denselben Stellenwert im täglichen Leben eines amerikanischen Sportfans hat wie Football, Baseball, Basketball oder Eishockey. Ob sich derselbe Fan im Herbst auch für die Major League Soccer interessiert, ist eine ganz andere Frage. Das wird wohl auch erst mal so bleiben.

Warum ist der Fußball heute trotzdem so viel präsenter als früher?

Das hat auch viel mit Technik und Medien zu tun. Ich bin ein riesiger Fan von Manchester United. In den 70er und 80er Jahren musste ich einen Freund in London anrufen, um die Ergebnisse zu erfahren. Dann habe ich sofort eingehängt: Die Telefongespräche waren sehr teuer. Vier oder fünf Tage später bin ich in Boston zum Zeitungskiosk gelaufen und habe mir den Guardian oder die Times gekauft, um mehr übers Spiel zu erfahren. Heute sehe ich alles sofort auf meinem Telefon.

Apropos Technik: Welche Rolle spielt das Videospiel FIFA?

Eine enorm große. Millionen junger Amerikaner spielen FIFA. Wenn sie spielen, übernehmen sie die Identität eines Vereins oder eines Spielers. Das hat den Fußball regelrecht eingebürgert. Internet, Smartphone und Videospiel haben den Fußball in den amerikanischen Alltag gebracht.

Sie leben in den USA. Haben Sie schon ein WM-Spiel gesehen?

Ja, ich war beim Spiel Brasilien gegen Marokko in New York. Die Brasilianer waren mit ihren Familien da, die Marokkaner ebenfalls. Es wurde gemeinsam getanzt und gefeiert. Ich habe ein sehr gutes Gefühl für Sportmassen. Man spürt normalerweise sofort, wenn etwas kippen könnte. Dort hatte ich zu keinem Zeitpunkt diese Sorge.

Warum nicht?

Ganz einfach: weil Frauen da sind! Beim Vereinsfußball sind oft neunzig Prozent Männer im Stadion. Zu einer Weltmeisterschaft kommen Familien, Frauen, Kinder, ältere Menschen. Das verändert die gesamte Atmosphäre.

Auch politische Konflikte scheinen bei dieser WM wenig sichtbar zu sein. Täuscht dieser Eindruck?

Nein, das sehe ich ähnlich. Nehmen Sie den Iran. Dass die iranische Mannschaft in Los Angeles ausgepfiffen wird, hat nichts mit den amerikanisch-iranischen Beziehungen zu tun. Los Angeles ist die größte iranische Stadt außerhalb des Iran. Dort leben Hunderttausende Exil-Iraner. Die Auseinandersetzung findet innerhalb dieser Community statt. Es geht darum, wer auf der Seite der Regierung in Teheran steht und wer nicht. Ansonsten sehe ich im Moment erstaunlich wenig Politik.

Also wird alles friedlich bleiben?

Anders als im Club-Fußball spielen gerade in der Vorrunde Mannschaften gegeneinander, die keine Rivalen sind. Nehmen Sie Spiele wie Australien gegen Paraguay. Da gibt es keine alten Rivalitäten. Kein deutscher Fan hat etwas gegen die Elfenbeinküste. Also bleibt es friedlich. Wenn Deutschland gegen England spielen sollte, kann ich Ihnen das nicht unterschreiben. Dann geht es um die Wurst. Ich kenne keinen Engländer, für den das Wembley-Tor nicht zählt, und keinen Deutschen, der es anerkennt. Und das gilt über alle Gesellschaftsschichten. Aber sportliche Rivalitäten sind bar jeder Politik.

Sie erwähnten bereits Manchester United. Mögen Sie Vereinsfußball lieber als die Spiele der Nationalmannschaften?

Ja, tatsächlich. Erstens, weil der Fußball besser ist. Ein Verein trainiert jeden Tag zusammen. Die Spieler kennen sich. Jamal Musiala spielt bei Bayern automatisch besser mit seinen Mitspielern als in einer Nationalmannschaft, die nur wenige Tage zusammenkommt. Und zweitens, weil Nationalmannschaften immer auch Nationalismus transportieren. Das muss nicht schlimm sein, aber es kann hässlich werden.

Zeigt sich dieser Nationalismus auch in den vielen Flaggen, Hymnen und anderen nationalen Symbolen bei einer WM?

Ja, das ist sicher ein weiterer Grund, warum mir Club-Fußball lieber ist. Nationalismus ist noch immer die stärkste Form kollektiver Identität auf der Welt. Das sieht man überall. In Westeuropa ist das heute viel entspannter als früher. Aber Nationalstaaten sind nach wie vor die wichtigste politische Ordnung. Deshalb überrascht mich nicht, dass Nationalmannschaften diese Gefühle auslösen. Mich interessiert gerade wissenschaftlich, wann dieses gemeinsame Singen der Nationalhymnen eigentlich begonnen hat. Als ich junger Professor war, hat kaum eine Mannschaft die Hymne mitgesungen. Heute machen das fast alle.

Wenn Ihnen der Club-Fußball lieber ist: Was entgegnen Sie Kritikern, die den Profivereinen vorwerfen, sie seien längst nur noch ein Geschäft?

Natürlich geht es auch ums Geld. Wir leben im Kapitalismus. Aber von den Umsätzen her ist Bayern München ein Kleinbetrieb. Dafür ist der Verein eine Institution, ein Heiligtum. Genau wie Manchester United. Diese Clubs schaffen Identität, Emotionen, Geschichte und Gemeinschaft. Wer glaubt, Fußball sei nur ein Geschäft, versteht ihn nicht.

Wann sind Sie eigentlich Manchester-United-Fan geworden?

Das kann ich Ihnen auf den Tag genau sagen. Am 6. Februar 1958 stürzte das Flugzeug von Manchester United in München ab. Ich war damals ein kleiner Junge in Rumänien. Ich hörte im Radio von diesem Unglück mit 23 Toten. Seit diesem Tag bin ich Manchester-United-Fan. Interessanterweise zeigen wissenschaftliche Studien, dass genau dieses Unglück Manchester United zu einem weltweiten Mythos gemacht hat. Viele Menschen sind damals Anhänger geworden – ich eben auch. Das hat sicher auch mit Empathie zu tun. Ein Spiel der Mannschaft selbst habe ich erst zehn Jahre später im Fernsehen gesehen.

Zum Schluss noch Ihr Tipp: Wer wird Weltmeister?

Jeder liebt bei solchen Turnieren die Überraschungsmannschaft. Im Moment sind viele begeistert von den kleineren Nationen. Aber am Ende gewinnen meistens die Großen.
Frankreich gehört sicher zu den Favoriten. England, Spanien und Argentinien natürlich ebenfalls. Wenn man sich die Geschichte der Weltmeisterschaften anschaut, sieht man: Es gibt einen sehr exklusiven Kreis von Weltmeistern, gerade einmal acht Nationen.

Und wie schätzen Sie die Chancen der USA ein?

Die USA gewinnen die Weltmeisterschaft sicher nicht. Aber wenn sie das Viertelfinale erreichen, ist das eine große Leistung. Und das wäre für den Fußball in den USA ein enormer Schub.

Vielen Dank für das Gespräch!

Andrei S. Markovits ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft und German Studies an der University of Michigan. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sportsoziologie, Fußball, Nationalismus und politische Kultur. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen zählt das Buch Im Abseits. Fußball in der amerikanischen Sportkultur. Für seine international anerkannten Forschungsleistungen wurde Markovits mehrfach mit Ehrendoktorwürden ausgezeichnet, darunter 2007 von der Leuphana Universität Lüneburg.