Entrepreneurship und Mutterschaft
Eine Interviewstudie möchte die bisher wenig erforschte Phase der (werdenden) Mütter als Gründerinnen untersuchen
15.10.2026 Die Ausbildung ist beendet, die wichtigsten Arbeitserfahrungen wurden gesammelt, aber die eigenen Projektideen und der Traum von Selbständigkeit drängen sich immer wieder nach vorn. Irgendwann steht der Entschluss fest: Ich möchte ein Unternehmen gründen.
Die Jahre, in denen Frauen diesen Entschluss fassen, fallen jedoch häufig mit den Jahren zusammen, in denen Familienplanung und Mutterschaft eine Rolle spielen. Wie sich diese Phasen des „Werdens“ vereinbaren lassen, möchte Prof. Dr. Pauline Reinecke gemeinsam mit Dr. Nadine Albrecht von der Technischen Universität München mithilfe einer qualitativen Interviewstudie ergründen.
©Leuphana/Tengo Tabatadze
Zu ihrem Forschungsvorhaben zu einem sowohl gesellschaftlich als auch wissenschaftlich hochaktuellen Thema haben wir Pauline Reinecke, Juniorprofessorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Strategic Entrepreneurship, befragt.
Was hat Sie dazu bewogen, sich mit dem Thema Schwangerschaft und Entrepreneurship zu befassen?
Aus unserer vorangegangenen Zusammenarbeit zum Thema hybrides Unternehmertum – und der daraus gemeinsam entstandenen Publikation „Perceived Pain or Gain: Role Identity, Gratification, and the Well-Being of Hybrid Entrepreneurs“ (Albrecht, Reinecke, Baum, Isidor & Boddington, 2026, Entrepreneurship Theory and Practice) – hat sich ergeben, dass Familie und Unternehmensgründung häufig gemeinsam gedacht werden. Dabei ist uns aufgefallen, dass es unterschiedliche Muster gibt, wie hybride Gründerinnen und Gründer mit mehreren Rollen gleichzeitig umgehen und Familie sowie Gründung entweder miteinander verbinden oder voneinander trennen. Studien zeigen zudem, dass der Zeitpunkt der Unternehmensgründung häufig mit dem der Familiengründung überlappt. Diesen Zusammenhang wollen wir näher untersuchen.
Warum ist es wichtig, die Erfahrungen von Müttern, die ein Unternehmen aufbauen, besonders zu untersuchen – und nicht nur allgemein von „Eltern“ oder „Gründer*innen“?
Mütter stehen vor einer besonderen Herausforderung, da der Zeitraum für eine Familiengründung biologisch stärker eingeschränkt ist. Diese zeitliche Verdichtung wirkt sich sowohl auf die Gründungsplanung als auch auf die körperlichen Veränderungen während der Schwangerschaft unmittelbar auf die Frau selbst aus. Dieses Zusammenspiel wollen wir genauer verstehen.
Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Forschung an diesem sensiblen Thema – etwa bei der Teilnahmebereitschaft oder der Aufgeschlossenheit der Teilnehmerinnen?
Wir waren überrascht von der ausgesprochen positiven Resonanz und Offenheit der Studienteilnehmerinnen. Wir erhielten zahlreiche Rückmeldungen darüber, wie wichtig dieses Thema sei, wie wenig bislang darüber gesprochen werde und wie einseitig der bestehende Diskurs teilweise geführt werde. Viele Teilnehmerinnen zeigten sich zudem erfreut, ihre Erfahrungen teilen zu können. Eine Herausforderung besteht für uns jedoch gerade darin, Gründerinnen bereits während der Schwangerschaft zu gewinnen, da – sofern sie parallel zur Schwangerschaft gründen – ihre zeitlichen Ressourcen eingeschränkter sind. Unsere bisherigen Interviews mit Frauen beziehen sich daher überwiegend auf einen Rückblick auf die damalige Zeit der Gründung während der Schwangerschaft oder Elternzeit. Wir würden uns wünschen, zusätzlich Gründerinnen für unsere Studie zu gewinnen, die bereits während der Schwangerschaft ihre Erfahrungen mit uns teilen möchten, da wir deren Erfahrungen vor und nach der Geburt miteinander vergleichen möchten – insbesondere im Hinblick auf Beweggründe, Planung und Erwartungen zum Zeitpunkt der Schwangerschaft.
Was erhoffen Sie sich am Ende Ihrer Studie – und was wäre ein „guter“ Ausgangspunkt für eine nachhaltige Veränderung?
Durch den qualitativen und längsschnittlichen Forschungsansatz erhoffen wir uns vertiefte Einblicke in die Erfahrungen sowie in die Bewältigungsstrategien im Umgang mit den genannten Herausforderungen, aber auch in die zugrunde liegenden Erfolgsmuster. Insbesondere möchten wir herausarbeiten, welche unterschiedlichen Verläufe Gründerinnen und Mütter durchlaufen, und dabei der Vielfalt dieser Verläufe Rechnung tragen – das heißt, nicht alle Fälle gleichzusetzen, sondern wiederkehrende Muster zu erkennen, um mit unseren Ergebnissen möglichst vielen (zukünftigen) Gründerinnen und Müttern in ihren jeweiligen Verläufen Orientierung bieten zu können. Zudem erwägen wir, ein politisches Grundlagenpapier zu entwickeln, das die besonderen institutionellen Rahmenbedingungen sowie gesellschaftliche Wahrnehmungen aufgreift, sowohl Chancen als auch Herausforderungen des deutschen Systems aufzeigt und daraus Verbesserungsmöglichkeiten ableitet. Das übergeordnete Ziel besteht darin, einen Beitrag zu mehr Unternehmensgründungen von Frauen in Deutschland zu leisten und Wege aufzuzeigen, wie sich Familienplanung und Unternehmensgründung miteinander verbinden lassen.
Vielen Dank für diesen Einblick!