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Neu an der Leuphana: Prof. Dr. Daria Bayer – Was das Recht nicht sieht

26.10.2026 Gesellschaftliche Debatten, Erfahrungen und Emotionen haben vor Gericht wenig Raum. Die Juniorprofessorin für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie macht unsichtbare Aspekte des Rechts mit einem ungewöhnlichen Medium sichtbar: dem Theater.

Daria Bayer ©Leuphana
„Mir geht es darum, neue Zugänge zu den grundlegenden Fragen des demokratischen Zusammenlebens und des Strafens zu finden", erzählt Daria Bayer.

Schuldig oder nicht schuldig. Das Strafrecht arbeitet mit klaren Regeln, festgelegten Verfahren und präziser Sprache. Angeklagte, Verteidigung, Staatsanwaltschaft, Verletzte und Zeug*innen spielen feste Rollen. Was für ein rechtsstaatliches Verfahren unverzichtbar ist, stößt zugleich an Grenzen: Gefühle, Erfahrungen oder gesellschaftliche Zusammenhänge lassen sich nur schwer in die juristische Sprache übersetzen. Gerade im Strafrecht können Urteile Ambivalenzen und Graubereiche nicht abbilden. Denn am Ende muss eine Entscheidung über Verurteilung oder Freispruch der Angeklagten erfolgen. Bei Zweifeln an ihrer Schuld sind sie freizusprechen. Damit bleiben für verschiedene Perspektiven, sich wandelnde Bedürfnisse oder gar einen Dialog zwischen Angeklagten und Verletzten wenig Raum. Daria Bayer erklärt: „Insbesondere im Sexualstrafrecht kann die Auseinandersetzung im Theater Betroffenen helfen, empfundene Verletzungen zu artikulieren und moralische Schattierungen sichtbar zu machen: Kann ein Verhalten falsch sein, obwohl es nicht strafbar ist? Können zwei divergierende Wahrnehmungen desselben Sachverhalts zugleich wahr sein? Kann Recht neue Ungerechtigkeiten produzieren, und wie lassen sich diese adressieren?“. 

In ihrer preisgekrönten Dissertation „Tragödie des Rechts“ befasst sie sich mit der Aktualität der materialistischen Rechtskritik, insbesondere der Rechtsformkritik des sowjetischen Juristen Jewgenij Paschukanis. Nachdem dieser die These vom „Absterben des Rechts“ in einem vollentwickelten Kommunismus entwickelt hatte wurde er selbst im Jahr 1937 prozesslos „als Volksschädling“ liquidiert. Er erfuhr damit am eigenen Leib und in tragischer Weise, dass strafprozessuale Rechte zentral sind, um das Individuum zu schützen. Das Außergewöhnliche an Bayers Dissertation: Paschukanis wird darin selbst zu einer dramatischen Figur. In einem imaginierten Selbstprozess stellt er sich der eigenen Mitschuld am Aufbau des Stalinistischen Terrors. „Mir geht es darum, neue Zugänge zu den grundlegenden Fragen des demokratischen Zusammenlebens und des Strafens zu finden. Wir laden Zuschauer*innen und Spieler*innen zu einer Reflektion der gesellschaftlichen Verhältnisse, aber auch der Produktionsbedingungen des akademischen Systems und der Verantwortung der Wissenschaft ein. Das Theater wird so zu einem zentralen Ort für eine kritische Praxis. Denn im Theater kann das bestehende Recht grundlegend hinterfragt werden, ohne seine praktischen Errungenschaften preiszugeben. Das ist die Idee des politischen Theaters“, erklärt die Forscherin.  

Daria Bayer ist Mitgründerin des Theaterkollektivs „kollektiv im Fenster“ (kiF). Die interdisziplinäre Gruppe versucht, Grenzen zwischen Rechtskritik, Politik und Theater aufzubrechen. Statt ausschließlich klassische Theaterstücke aufzuführen, entwickelt das Kollektiv eigene Produktionen, die komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge künstlerisch und gemeinsam mit dem Publikum untersuchen. Das Kollektiv hat beispielsweise das Theaterstück „PubliCum Ex – Ein Publikumsuntersuchungsausschuss“ geschrieben. Das Schauspiel beschäftigt sich mit dem Cum-Ex-Steuerskandal und wurde 2024 im Hamburger Rathaus uraufgeführt. In ihrem aktuellen Projekt „nest/foulers“ beschäftigt sich das Kollektiv mit Machtmissbrauch in der juristischen Arbeitswelt.  

Für Studierende spannend: Neben klassischen Strafrechtsvorlesungen entwickelt Daria Bayer Lehrformate, in denen juristische Theorien mit praktischer Theaterarbeit verbunden wird. An der Goethe-Universität Frankfurt hat sie bereits gemeinsam mit dem Theaterregisseur Henri Hüster Seminare dieser Art angeboten: Die Studierenden beschäftigten sich zunächst wissenschaftlich mit strafrechtlichen und -prozessualen Fragen und verfassten Seminararbeiten. Anschließend wechselten sie für mehrere Tage vom Seminarraum auf die Theaterbühne: „An der Leuphana haben wir mit einer starken Kulturwissenschaft und dem Kunstraum gute Voraussetzungen für Seminare dieser Art“, sagt sie. “Im Theater können Studierende, Lehrende und Praktiker*innen gemeinsam neue Produktionsformen ausprobieren. Das Theater wird so zu einem Labor für Utopien.” 

Daria Bayer interessiert sich für die Grenzen juristischer Kategorien: Die Strafrechtlerin beschäftigt sich auch mit individueller Schuld im organisierten Verbrechen. Ein Schwerpunkt sind die letzten NS-Strafverfahren: 2024 wurde eine ehemalige Stenotypistin des Konzentrationslagers Stutthof wegen Beihilfe zum Mord in über 10.000 Fällen verurteilt. Der Fall wirft die rechtsdogmatische Frage auf, welchen Beitrag Menschen durch scheinbar „neutrale“ Tätigkeiten zu einem verbrecherischen System leisten. 

Über diese und andere grundlegende Rechtsfragen möchte Daria Bayer mit Menschen ins Gespräch kommen: Gemeinsam mit einer Kollegin der Universität Hamburg lädt sie regelmäßig zum StrafrechtkomiTee ein. Die Idee des nachmittäglichen Salons: Studierende mit Gästen aus der Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst zusammenzubringen. Bei einer Tasse Tee werden grundlegende Fragen des Strafrechts interdisziplinär diskutiert.

Daria Bayer studierte Rechtswissenschaften an der Bucerius Law School und der New York University School of Law und promovierte 2021 an der Universität Hamburg. Für ihre Dissertation wurde sie 2022 mit dem Wissenschaftspreis der deutschen Sektion der Internationalen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie ausgezeichnet. Seit August 2026 ist sie als Juniorprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg tätig. 

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