dies academicus 2026: Professorin Vera Uppenkamp für herausragende Leistungen in Gender- und Diversitätsforschung geehrt
05.09.2026 In der Systematischen Theologie sind queere und gendertheologische Fragestellungen bereits einigermaßen etabliert. In der Religionspädagogik setzt die Juniorprofessorin für Evangelische Religionspädagogik mit ihrer intensiven Forschung und Publikationstätigkeit neue Akzente. Im Gespräch erklärt sie, warum Luthers Übersetzung der ersten Schöpfungserzählung zu kurz greift, wie soziale Medien religiöse Vorstellungen prägen und warum queere und feministische Theologien Ausdruck von Widerstand sind.
©Brinkhoff-Moegenburg/Leuphana
Frau Professorin Uppenkamp, Gott schuf Mann und Frau – haben Sie das in der Schule auch noch so gelernt?
Ja. Aber ich würde die Luther-Übersetzung nicht zu wörtlich nehmen. Das hebräische Original ist weniger eindeutig, man muss das nicht mit „Mann und Frau“ übersetzen. Eine additive Lesart von „männlich und weiblich“ – eine mögliche Übersetzung – eröffnet dagegen ein Geschlechterspektrum.
Sie sagen, Gott liebt die Menschen gerade in ihrer Vielfalt. Was bedeutet das?
Ich glaube daran, dass G*tt maximal kreativ ist. Deshalb finde ich es problematisch, wenn Menschen G*ttes Schöpfung auf starre Kategorien reduzieren. Theologie kann helfen, solche sozialen Zuschreibungen kritisch zu hinterfragen.
Ist Kirchen- und Theologiegeschichte nicht auch eine Geschichte von Macht?
Selbstverständlich. Wir bewegen uns in patriarchalen Traditionen. Diese Traditionen zu reflektieren, ist eine wichtige Aufgabe der Religionspädagogik.
Warum ist das Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gerade in der Schule wichtig?
Weil Jugendliche in der Pubertät ihre Identität entwickeln. Gleichzeitig begegnen ihnen in sozialen Medien sehr unterschiedliche religiöse Deutungen – von progressiven Ansätzen bis hin zur Retraditionalisierung. Deshalb braucht es einen historisch-kritischen Umgang mit der Bibel statt eines wortwörtlichen Verständnisses, um diese Deutungen einordnen zu können.
Ist die Bibel also nicht Gottes Wort?
Ich verstehe die Bibel als Wort G*ttes insofern, als Menschen ihre Erfahrungen mit der Offenbarung G*ttes zu Wort bringen. Sie ist kein Diktat, sondern der Versuch von Menschen, ihre Erfahrungen mit G*tt sinnvoll zu deuten.
Wie kann gerade Religionsunterricht queeren Jugendlichen einen Schutzraum bieten, wenn Queerfeindlichkeit oft mit Religion begründet wird?
Theologie beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen nach Menschsein und dem eigenen Platz in der Welt. Religionsunterricht kann dazu beitragen, Kategorien zu hinterfragen und Ambivalenzen auszuhalten. Religionspädagogik kann Menschen zu einem kompetenten Umgang mit Komplexität ermutigen und ihnen helfen, ihre eigene Lebensrealität auch theologisch zu deuten. Das gilt für queere wie heteronormative Menschen.
Warum muss sich Religionspädagogik gezielt mit marginalisierten Gruppen beschäftigen?
Weil nicht alle Gruppen gleichermaßen sichtbar sind. Eine Untersuchung aus Nordrhein-Westfalen zeigt, dass sich über 90 Prozent der befragten LSBTIQ+-Personen mit ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität und Lebenssituation in Schulbüchern oder im Unterricht nicht repräsentiert sehen. Wenn eine Gruppe so stark unterrepräsentiert ist, darf man sich auch gezielt um diese Gruppe kümmern.
Und nützt es am Ende nicht allen?
Diese Frage bekomme ich oft gestellt. Queersensible Bildung ist zunächst Diskriminierungsschutz einer Minderheit. Eine Lehrkraft kann nicht immer alle Perspektiven gleichzeitig berücksichtigen, daher sind stets Entscheidungen zu treffen. Allerdings kann ein Perspektivwechsel auch heteronormativen Kindern und Jugendlichen helfen, ihr eigenes Selbst und auch die Welt, in der sie leben, besser zu verstehen.
Warum fällt es Menschen so schwer, Vielfalt auszuhalten?
Wir leben in einer zunehmend komplexen und unberechenbaren Welt. Menschen haben das Bedürfnis, Dinge zu ordnen. Religion kann dabei helfen, Komplexität auszuhalten – sie kann aber auch dazu benutzt werden, stark zu reglementieren und einzugrenzen. Komplexität sollte zunächst nicht als Bedrohung verstanden werden. Denn machtvolle Komplexitätsreduktion betrifft letztlich ganz konkret Menschen. Auch wenn Inklusion für dominierende Gruppen bedeutet, Privilegien abzugeben, schützt sie Menschenrechte und die Vielfalt von Menschen.
Nun gibt es in Kirche und Theologie noch eine andere, nicht gerade kleine Gruppe von marginalisierten Personen: Frauen. Wie profitieren sie von einer queeren Theologie?
Ich denke, die Frage ist nicht richtiggestellt. Sie klingt, als würde Frauen etwas gegeben, was ihnen bisher gefehlt hat. Dabei leistet queere und feministische Theologie Widerstand gegen eine jahrhundertelange, teils gewaltvolle Entrechtung von Frauen, inter* und trans* Personen. Menschen holen sich zurück, was ihnen schon immer zugestanden hat.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Schreibweise mit Sternchen wird hier gewählt, um geschlechtsbezogene Konnotationen des Begriffs Gott aufgrund des männlichen Genus zu vermeiden.