Von der Party-Panne zum digitalen Startup
09.10.2026 Finn Ripp und Niklas Ruge haben an der Leuphana studiert und sich dort kennengelernt. Aus einer verlorenen Garderobenmarke nach einer Partynacht in Kopenhagen entstand ihre erste Gründungsidee: eine digitale Garderobenlösung. 2025 wurden sie dafür als „Leuphana Gründungsidee des Jahres“ ausgezeichnet. Heute entwickeln sie unter dem Namen venuevo mehrere digitale Produkte für Veranstaltungsorte und weitere Anwendungsbereiche. Im Gespräch erzählen sie, wie aus einer Schnapsidee ein Unternehmen wurde, warum sie ihre Ideen früh mit anderen teilen und weshalb eine gute Zusammenarbeit manchmal wichtiger ist als die perfekte Geschäftsidee.
©venuevo
Wie habt ihr euch kennengelernt und wie kam es zur Gründung?
Finn Ripp: Wir hatten in Lüneburg einen ähnlichen Freundes- und Bekanntenkreis und denselben Minor, Digital Business. Im Studium hatten wir ein, zwei gemeinsame Projekte. Vor allem ein größeres IT-Projekt mit einem mittelständischen Unternehmen im Rahmen eines Seminars hat dazu geführt, dass wir regelmäßiger zusammengearbeitet haben.
Später sind wir beide nach Kopenhagen gegangen, zeitversetzt, um dort unseren Master zu machen. Daraus ist eine Freundschaft entstanden. Wir haben uns noch mehr ausgetauscht und waren uns einig, dass wir irgendwann gerne etwas Eigenes machen würden.
Niklas Ruge: Wir haben das Gründen aber nie erzwungen. Wir haben uns beim Bierchen immer mal gefragt, was es für spannende Sachen gibt. Es war nicht so, dass wir gesagt haben: Jetzt brauchen wir unbedingt eine Geschäftsidee. Dann kam die Idee irgendwann auf uns zu.
Und zwar nach einer verlorenen Garderobenmarke.
Finn: Genau. Das war sozusagen unsere Schnapsidee. Wir waren zusammen unterwegs und Niklas hatte seine Garderobenmarke verloren. Wir haben dann darüber nachgedacht, dass dieser Prozess eigentlich schon seit Ewigkeiten nach demselben analogen Prozess funktioniert. Man bekommt einen kleinen Zettel oder eine Marke und muss gut darauf aufpassen. Da haben wir gesagt: Lass uns doch mal schauen, ob man das nicht digital mit einer Zahlung verknüpfen kann.
Niklas: Im Grunde lag uns die Idee plötzlich vor den Füßen. Wir hatten schon Lust auf ein eigenes Projekt und dann kam dieser konkrete Anlass dazu.
Wie wurde aus der Schnapsidee ein echtes Projekt?
Finn: Schritt für Schritt. Wir wussten ziemlich früh, dass wir keine App wollten. Niemand sollte eine App herunterladen müssen, nur um seine Jacke abzugeben oder wieder abzuholen. Wir haben deshalb erst einmal nach anderen Möglichkeiten gesucht.
Wir haben bei LinkedIn nach Branchenexpert*innen gesucht, sie angeschrieben und gefragt, welche Möglichkeiten es für eine solche Zahlung gibt. Eine Person hat uns dann den entscheidenden Hinweis gegeben, dass sich das über ein Zahlungssystem lösen lässt.
Danach haben wir nach Zahlungsdienstleistern gesucht, die mit Start-ups arbeiten. Das hat gedauert. Bestimmt ein halbes Jahr. Wir waren zu der Zeit noch im Masterstudium.
Ihr habt also schon sehr früh Menschen außerhalb eures eigenen Umfelds angesprochen. Hattet ihr keine Angst, dass jemand die Idee übernimmt?
Finn: Die Sorge ist natürlich da. Anfangs mehr, später weniger. Irgendwann wird einem klar, dass die Leute auch genug andere Dinge zu tun haben, als einem die Idee zu klauen. Grundsätzlich sind wir beide der Meinung, dass man mit einer Idee möglichst breit rausgehen muss.
Niklas: Ohne diese Gespräche wären wir auch nicht dahin gekommen, wo wir heute sind.
Finn: Genau. Sobald man etwas hat, sollte man mit Leuten darüber sprechen. Auch mit Experten. Nur so bekommt man Feedback und kann herausfinden, ob die Idee wirklich funktioniert. Wenn jemand die Idee klauen will, dann kann er das später genauso machen. Man verschiebt dann höchstens den Zeitpunkt.
Niklas: Für uns ist diese Validierung extrem wichtig. Gerade am Anfang eines Start-ups bringt es nichts, monatelang allein im stillen Kämmerlein zu sitzen.
Wann habt ihr gemerkt, dass aus der Idee wirklich ein Geschäft werden könnte?
Finn: Bei der Garderobenlösung haben natürlich viele Leute aus unserem Bekanntenkreis gesagt: „Das ist cool, macht das.“ Aber die kaufen das Produkt ja nicht. Der entscheidende Schritt war deshalb, als wir einen Zahlungsanbieter gefunden hatten und gleichzeitig erste Veranstalter Interesse gezeigt haben.
Wir haben uns angeschaut, welche Veranstaltungsorte es überhaupt gibt, haben sie kontaktiert und gepitcht. Dann kamen die ersten Rückmeldungen: „Lasst uns darüber sprechen.“ Da wussten wir, dass langsam die Puzzleteile zusammenkommen.
Niklas: Wir haben dann auch nicht darauf gewartet, dass zehn Pilotpartner gleichzeitig vor der Tür stehen. Als junges Start-up mit zwei Gründern, die noch im Master sind, kann man das nicht erwarten. Es reicht erst einmal, wenn ein paar Menschen bereit sind, den ersten Schritt mitzugehen.
Wie viele Gespräche habt ihr dafür geführt?
Finn: Ich glaube, ungefähr 40 bis 50 richtige Pitches. Bei knapp der Hälfte haben wir dann Pilotprojekte gemacht. Wir sind mit unserem Equipment zu den Veranstaltungsorten gefahren und haben dort eine Veranstaltung mit unserer Lösung simuliert. Dadurch waren wir eigentlich in ganz Deutschland unterwegs.
Telefonisch waren es natürlich noch viel mehr Gespräche. Aber nicht überall findet man jemanden, der sich 15 Minuten Zeit nimmt.
Hat sich euer Pitch im Laufe der Zeit verändert?
Finn: Auf jeden Fall. Durch die Gespräche haben wir immer besser verstanden, wo bei den Betreibern der Schuh drückt. Dadurch wussten wir irgendwann auch besser, welche Funktionen und Vorteile wir zuerst erklären sollten.
Trotzdem wollten wir immer möglichst authentisch bleiben. Wir waren ein junges Studententeam mit einer Idee und wollten erst einmal wissen, ob die Veranstaltungsorte überhaupt Interesse daran haben. Wenn man nicht sofort versucht, irgendwelche Vorteile herunterzubeten, sondern einfach offen fragt, kommt man oft weiter.
Welche Zielgruppe hattet ihr am Anfang im Blick?
Finn: Zunächst dachten wir eher an Nachtclubs. Mit der Zeit hat sich aber gezeigt, dass die Lösung bei Messen und im Kulturbereich besonders interessant ist. Also zum Beispiel bei größeren Veranstaltungen. Dort gibt es auch andere Budgets.
Was waren bisher eure größten Erfolgsmomente?
Niklas: Die ersten Kunden. Das ist schon ein verrücktes Gefühl, wenn jemand zum ersten Mal sagt: „Ja, ich kaufe das.“ Das kann man gar nicht richtig in Worte fassen.
Finn: Ich erinnere mich noch genau an den ersten Anruf. Ich war gerade im Zug von Hamburg zurück nach Kopenhagen. Ein Veranstaltungsort aus Stuttgart rief an und sagte: „Ich finde das cool, lass uns das machen.“ Danach habe ich direkt Niklas angerufen.
Auch das erste Pilotprojekt war besonders. Wir hatten plötzlich die Garderobentickets für ein paar hundert Menschen in unserem System. Theoretisch wussten wir, dass es funktionieren müsste. Aber wenn es dann wirklich passiert, hast du schon einen ziemlichen Adrenalinkick und denkst: Was passiert, wenn es jetzt nicht läuft?
Gab es auch Momente, in denen ihr ans Aufhören gedacht habt?
Finn: Aufhören eigentlich nie. Aber es war schon eine ziemliche Achterbahnfahrt. Das liegt auch an den eigenen Erwartungen. Wir dachten natürlich zuerst: Wir haben jetzt eine Lösung entwickelt und jeder wird uns die Bude einrennen.
Das war dann leider nicht so. Die Branche ist kompliziert. Die Zahlungsbereitschaft ist nicht besonders hoch und Entscheidungen dauern lange. Außerdem kaufen die Menschen das Produkt, die es später nicht unbedingt selbst bedienen. Beim ersten Pilotprojekt kamen wir voller Begeisterung an. Und dann standen da fünf oder sechs Mitarbeiterinnen aus der Garderobe, die uns erst einmal ziemlich skeptisch angeschaut haben. Für uns war das ein kleiner Reality-Check. Ein Veranstaltungsleiter kann eine digitale Garderobe super finden. Für jemanden, der den bisherigen Prozess seit 30 Jahren macht, kann das erst einmal bedeuten: Jetzt kommt etwas Neues auf mich zu.
Dann hatten wir auch Probleme mit dem Zahlungsanbieter. Da merkt man schon den Unterschied zwischen einem kleinen Start-up und einem internationalen Konzern. Wir können nicht einfach vorgeben, was passieren soll. Die Entscheidungen trifft der größere Partner.
Und irgendwann haben wir von einem Wettbewerber erfahren. Das war auch ein kleiner Rückschlag, zu erfahren, dass wir nicht allein auf der Welt sind. Die waren schon etwas weiter als wir, hatten ein größeres Team und mehr finanzielle Mittel. Das sind Erfahrungen, die einen schon mal schlecht schlafen lassen. Aber aufzuhören war nie ein Thema!
Was hilft euch in solchen Phasen?
Niklas: Die Energie ist eigentlich von Grund auf da, weil wir das Projekt einfach cool finden. Es ist ein Abenteuer. Wir wissen, dass solche Phasen dazugehören. Dann geht man gemeinsam da durch und weiß auch: Irgendwann kommt wieder ein Licht am Ende des Tunnels.
Finn: Wir können uns ziemlich gut austauschen. Wir sind unterschiedlich gestrickt. Einer kompensiert mal das Tief des anderen und andersherum. Das funktioniert bei uns einfach gut.
Ich glaube, einem Gründungsteam kann es grundsätzlich helfen, wenn man unterschiedliche Profile hat. Wenn beide zum Beispiel gut programmieren können, ist das erst einmal super. Aber dann bleiben viele andere Aufgaben übrig. Wer kümmert sich um die Zahlen? Wer um Vertrieb? Wer um die anderen Dinge, die ein Unternehmen braucht?
Wie habt ihr eure Rollen verteilt?
Finn: Bei uns war das ziemlich früh klar. Niklas ist der Coding-Nerd, im positiven Sinne. Ich bin eher der Kaufmann. Ich habe auch eine Ausbildung als Industriekaufmann gemacht und kann gut mit Zahlen umgehen. Deshalb mache ich zum Beispiel die Buchhaltung. Vielleicht nicht unbedingt der Traumjob, aber es ist gut, wenn das derjenige macht, der es kann.
Niklas: Und man wächst auch in solche Rollen hinein. Das muss nicht vom ersten Tag an perfekt aufgeteilt sein.
Den Leuphana Gründungsideenwettbewerb habt ihr als Coatly gewonnen. Heute heißt das Unternehmen Venuevo. Was ist passiert?
Niklas: Coatly, unsere digitale Garderobenmarke, gibt es weiterhin als Produkt. Aber irgendwann kam bei einem Kunden eine weitere Idee auf. Die Betriebsleiterin einer Veranstaltungs-Location fand die digitale Garderobe super, hat uns aber von einem anderen großen Problem erzählt: der Gastronomie. Wenn viele Menschen in einer kurzen Veranstaltungspause gleichzeitig Essen und Getränke bestellen wollen, entstehen lange Schlangen vor der Theke und Stress hinter der Theke. Die Lösung sollte es Gästen ermöglichen, Speisen und Getränke vorzubestellen und sie später ohne lange Wartezeit abzuholen oder an einen Tisch bringen zu lassen.
Wir haben uns das genauer angeschaut und mit anderen Leuten aus der Branche gesprochen. Dabei haben wir festgestellt, dass es oft gar keine Prozesse dafür gab oder dass die Abläufe noch mit Zetteln und Stift funktionierten.
Das fanden wir spannend und haben begonnen, einen kleinen Prototypen für eine digital Lösung zu bauen. Daraus ist dann Skipply entstanden. Der Name kommt von „Skipping Queues“, also Warteschlangen überspringen. Die Idee ist, dass man Speisen und Getränke schon von zu Hause oder unterwegs über das Smartphone vorbestellt.
Das kann gerade bei großen Veranstaltungen interessant sein. Wenn zum Beispiel 1.500 Menschen eine Pause von 20 Minuten haben, möchte man als Veranstalter natürlich ermöglichen, dass die Leute in dieser Zeit etwas trinken können. Und für den Veranstalter hat das den Vorteil, dass sich das Personal früher auf die Bestellungen vorbereiten kann. Die Sachen müssen nicht erst im Moment der Bestellung zusammengesucht werden. Dadurch kann der Ablauf besser funktionieren.
Wie kam es zur Umbenennung in Venuevo?
Niklas: Wir hatten irgendwann zwei Produkte. Da dachten wir, dass wir einen übergreifenden Namen brauchen. Beide Produkte sind einzelne Lösungen, gehören aber zum gleichen Unternehmen. Deshalb haben wir das unter Venuevo zusammengeführt.
Finn: Und der Kunde, der uns auf das zweite Problem aufmerksam gemacht hat, ist immer noch eng dabei. Das ist für uns sehr wertvoll. Kunden geben dir die Einblicke, wie ein Produkt tatsächlich aussehen muss.
Habt ihr inzwischen schon weitere Ideen in der Pipeline?
Finn: Wir haben inzwischen mehrere Kunden. Die Produkte müssen vielleicht noch an ein paar Stellen nachjustiert werden. Aber sie sind nicht extrem komplex und brauchen nicht wahnsinnig viel Pflege. Dazu kommt natürlich noch der Vertrieb. Aber in der Veranstaltungsbranche geht vieles über Kontakte und Mundpropaganda. Das braucht Zeit. Denn es geht stark um Vertrauen. Und Vertrauen entsteht über Qualität und über die Zeit. Darum wir haben durchaus Kapazität, um nach links und rechts zu schauen. Sei es jetzt in der Veranstaltungsbranche oder auch generell Softwareentwicklungsprojekte in anderen Branchen.
Niklas: In der Veranstaltungsbranche gibt es noch einige Ansätze. Wir wissen, dass es dort weitere Probleme gibt, bei denen man etwas machen könnte. Gleichzeitig ist die Branche nicht besonders zahlungskräftig. Deshalb ist es für uns sinnvoll, uns auch in andere Bereiche vorzuarbeiten.
Finn: Unser Ansatz ist dabei derselbe wie am Anfang: Wir schreiben Leute an und fragen, welche Probleme sie haben. Was kostet sie jeden Tag Zeit? Was macht Mühe? Was funktioniert noch nicht gut?
Niklas: Die Gespräche zeigen uns immer wieder, wo die wirklichen Probleme liegen. Und dadurch können sich auch unser Produkt entwickeln.
Finn: Wir hatten das Glück, dass uns die erste Idee mehr oder weniger vor die Füße fiel. Aber darauf sollte man nicht warten. Sondern rausgehen, fragen, zuhören und ausprobieren.
Vielen Dank für das Gespräch!