Utopie-Konferenz „Großzügigkeit, eine Utopie?“
02.09.2026 Vom 26. bis 28. August 2026 drehte sich die Utopie-Konferenz an der Leuphana um die Frage „Großzügigkeit, eine Utopie?“. Frederic Kohlhase und Charlotte von Wulffen waren für die Leuphana Social Innovation Community als Moderator*innen und in der Prozessbegleitung dabei und kamen mit neuen Fragen für die eigene Arbeit zurück.
©Charlotte von Wulffen
Was bedeutet Großzügigkeit in Zeiten von Verlusten? Drei Tage lang kreiste die Utopie-Konferenz um einen Begriff, der zunächst vertraut erscheint. Großzügig ist, wer gibt, teilt, mehr tut als nötig. Doch in den Gesprächen wurde diese scheinbare Eindeutigkeit schnell brüchig.
Wo endet Großzügigkeit und wo beginnt Gerechtigkeit? Wer kann es sich überhaupt leisten, großzügig zu sein? Und wer müsste verzichten, wenn Ressourcen knapp werden? Auch die Frage nach der Knappheit selbst tauchte immer wieder auf: Was ist tatsächlich knapp und wo wird Knappheit gesellschaftlich oder wirtschaftlich erst hergestellt? Im Zwischenmenschlichen kann es großzügig sein, mehr zu tun als notwendig. Auf gesellschaftlicher Ebene reicht diese Logik jedoch nicht immer aus. Wenn bestehende Rechte eingelöst werden, ist das keine Großzügigkeit. Und wenn Fürsorge, Teilhabe oder der Schutz unserer Lebensgrundlagen selbstverständlich sein sollen, stellt sich die Frage, ob wir dafür vor allem großzügigere Einzelne brauchen – oder andere gesellschaftliche Bedingungen.
Die Konferenz hat diese Spannungen nicht aufgelöst. Vielmehr entstand Raum, sie eine Weile auszuhalten und weiterzudenken: sich auch an Gedanken heranzuwagen, die zunächst fern erscheinen, und nicht jede Frage sofort auf eine machbare Lösung herunterzubrechen. All diese Fragen haben uns als Teilnehmende berührt und zum Nachdenken bewegt: Was können wir mitnehmen in den weiteren Aufbau der Social Innovation Community?
Großzügigkeit braucht Räume
Wir beschäftigen uns damit, wie gesellschaftliche Veränderung entstehen kann, durch Sozialunternehmen, neue Formen der Kooperation, andere Wirtschaftsweisen oder neue Beziehungen zwischen unterschiedlichen Akteur*innen. Dabei richtet sich der Blick schnell auf Lösungen: Was funktioniert? Was lässt sich übertragen? Was können wir konkret umsetzen? Von der Utopie-Konferenz nehmen wir aber auch die Bedeutung der Räume mit. Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen, vertraute Annahmen hinterfragt werden können und eine Frage nicht sofort beantwortet werden muss.
Vielleicht ist das eine der Verbindungen zwischen Großzügigkeit und sozialer Innovation: anderen Gedanken zunächst Platz zu lassen. Nicht schon zu wissen, was am Ende herauskommen soll. Und Kontexte zu schaffen, in denen etwas denkbar werden kann, das innerhalb bestehender Routinen kaum zur Sprache kommt.
Wer vertritt die Natur?
In der Werkstatt „Rechte der Natur“ wurde die Frage danach, wem wir Raum geben und wessen Perspektiven zählen, sehr konkret. Wenn Unternehmen juristische Personen sein und Rechte einklagen können, warum erscheint uns der Gedanke so ungewohnt, dass auch ein Fluss, ein Wald oder ein Ökosystem eigene Rechte haben könnte?
Auf den ersten Blick ist das eine juristische Frage. Im Gespräch kamen schnell weitere hinzu: Wer vertritt die Natur? Wer entscheidet, welche ihrer Interessen zählen? Was gilt überhaupt als Natur? Und reicht es, Natur besser zu schützen oder verändert sich etwas Grundsätzlicheres, wenn sie rechtlich nicht länger nur als Objekt menschlicher Entscheidungen erscheint?
In der Werkstatt standen deshalb zwei Ebenen nebeneinander: die Frage nach einklagbaren Rechten und die Frage danach, wie wir Natur überhaupt wahrnehmen und uns zu ihr in Beziehung setzen. Gerade hier kam auch das Konferenzthema Großzügigkeit noch einmal zurück und zugleich an eine Grenze. Denn Großzügigkeit kann heißen, anderen Raum zu geben oder ihre Interessen stärker zu berücksichtigen. Dort aber, wo etwas ein Recht sein sollte, darf seine Anerkennung nicht von unserer Großzügigkeit abhängen.
Für die Social Innovation Community öffnet das eine grundlegende Frage: Wer oder was bekommt in unseren Institutionen überhaupt eine Stimme und wer bleibt bislang außen vor?
Großzügig lauschen
Manche dieser Fragen lassen sich nur begrenzt am Tisch bearbeiten. Beim „Naturgang: Großzügig lauschen“ ging es deshalb hinaus in den Wilschenbruch. Die Einladung war bewusst einfach: langsamer werden, eine Weile nicht sprechen und wahrnehmen. Für einen Moment sollte Natur nicht nur Umgebung oder Ressource sein, sondern Gegenüber.
Die Teilnehmenden gingen zunächst allein und ohne festes Ziel. Was zieht meine Aufmerksamkeit an? Was verändert sich, wenn ich länger an einem Ort bleibe? Und was könnte dieses Lebewesen oder dieser Ort brauchen, wenn seine eigenen Interessen zählen würden?
Was wir daraus für unsere Arbeit mitnehmen, ist deshalb weniger eine fertige Antwort als eine Haltung. Nicht jede Veränderung beginnt mit einer neuen Lösung. Manchmal beginnt sie damit, einen anderen Rahmen zu schaffen, genauer zuzuhören und jemandem oder etwas Raum zu geben, das vorher nicht mit am Tisch saß.
Charlotte begleitete während der Konferenz die Werkstatt „Rechte der Natur“ als Prozessmoderatorin. Beide, Frederic und Charlotte, moderierten außerdem Lagerfeuergespräche bei der Langen Nacht der Utopien. Beide sind Teil der Leuphana Social Innovation Community.
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