Von der Party-Panne zum digitalen Startup
21.08.2026 Was mit einer verlorenen Garderobenmarke in Kopenhagen begann, hat sich zu einem Unternehmen mit mehreren digitalen Lösungen entwickelt. Finn Ripp und Niklas Ruge kennen sich aus dem Studium an der Leuphana. Heute entwickeln sie mit Venuevo digitale Produkte für Veranstaltungsorte und darüber hinaus.
Die Gründungsidee lag eigentlich schon länger in der Luft. Finn Ripp und Niklas Ruge hatten beide an der Leuphana studiert und sich über gemeinsame Freunde und den Minor Digital Business kennengelernt. Beide wollten irgendwann etwas Eigenes aufbauen. Zunächst blieb es bei Gesprächen und ersten gemeinsamen Projekten. Bei einem größeren IT-Projekt für ein mittelständisches Unternehmen arbeiteten sie erstmals intensiver zusammen.
Dann gingen beide unabhängig voneinander zum Master-Studiengang nach Kopenhagen, blieben so aber in Kontakt. In der dänischen Hauptstadt entstand ausgerechnet nach einer Partynacht die Idee, aus der später ihr Startup hervorgehen sollte. Niklas Ruge verlor seine Garderobenmarke. Der Ärger darüber brachte die beiden auf einen einfachen Gedanken: Warum sollte der Garderobenprozess eigentlich noch immer mit Zettel und Marke funktionieren? Könnte sich die Garderobe nicht digital mit einer Zahlung verbinden lassen?
Aus einer Schnapsidee wird ein Produkt
Die beiden gingen die Sache Schritt für Schritt an. Eine App kam für sie von Anfang an nicht infrage. Niemand sollte erst eine Anwendung herunterladen müssen, um einen Mantel abzugeben oder abzuholen. Also suchten sie nach einer anderen Lösung.
Dabei verfolgten Ripp und Ruge von Anfang an einen Grundsatz: Eine Idee sollte nicht im stillen Kämmerlein bleiben. Sie wollten möglichst früh mit anderen darüber sprechen. Auch die Sorge, jemand könnte die Idee übernehmen, hielt sie davon nicht ab.
Für sie war der Austausch wichtiger. Erst durch Gespräche mit Fachleuten und potenziellen Kunden lasse sich herausfinden, ob eine Idee tatsächlich trägt. Dieses Prinzip begleitet Venuevo bis heute.
Über LinkedIn schrieben sie damals fremde Branchenexpert*innen an und fragten nach Möglichkeiten für eine digitale Zahlung. Von einem dieser Kontakte kam der entscheidende Hinweis: Eine Lösung über ein Zahlungssystem könnte funktionieren.
Es folgten Gespräche mit Zahlungsdienstleistern. Rund ein halbes Jahr dauerte es, bis die ersten wichtigen Bausteine zusammenkamen. Parallel studierten beide noch in Kopenhagen.
Der erste Kunde sorgt für Herzrasen
Der entscheidende Moment kam, als ein passender Zahlungsanbieter gefunden war und die ersten Veranstaltungsorte Interesse zeigten. Die beiden kontaktierten zahlreiche Veranstalter und präsentierten ihre Lösung, die sie Coatly genannt haben. Rund 40 bis 50 Pitches kamen zusammen. Etwa die Hälfte führte zu Pilotprojekten.
Für die Tests reisten die Gründer mit ihrer Technik durch Deutschland. Dabei merkten sie schnell, wo ihre Lösung besonders gefragt war. Ursprünglich hatten sie vor allem Clubs im Blick. Später zeigte sich, dass Messen und Veranstaltungen im Kulturbereich besonders interessant sind. Dort stehen größere Budgets zur Verfügung.
Der erste Kunde bleibt trotzdem ein besonderer Moment. Als ein Veranstaltungsort aus Stuttgart zusagte, saß Finn Ripp gerade im Zug von Hamburg nach Kopenhagen. Er rief sofort Niklas Ruge an.
Auch der erste Pilotversuch blieb im Gedächtnis. Plötzlich lagen die Garderobentickets für mehrere hundert Menschen im System. In der Theorie wusste das Team, dass die Technik funktionieren sollte. In der Praxis war die Anspannung trotzdem groß: Was, wenn das System versagte und hunderte Jacken ihren Besitzer*innen nicht mehr zugeordnet werden konnten? Doch alles ging gut! 2025 wurden Finn Ripp und Niklas Ruge für ihre Entwicklung als „Leuphana Gründungsidee des Jahres“ ausgezeichnet.
Nicht jeder findet Digitalisierung sofort cool
Der Weg zum Erfolg verlief allerdings nicht geradlinig. Die Gründer hatten zunächst erwartet, dass Veranstalter ihnen die Lösung förmlich aus den Händen reißen würden. Stattdessen trafen sie auf eine Branche mit langen Entscheidungswegen und begrenzten Budgets.
Dazu kam eine weitere Herausforderung: Die Menschen, die eine digitale Garderobenlösung kaufen, sind nicht unbedingt diejenigen, die sie später bedienen. Beim ersten Pilotprojekt standen deshalb einige Mitarbeiterinnen der Garderobe zunächst skeptisch vor der neuen Technik.
Auch die Abstimmungsprozesse mit dem Zahlungsanbieter mussten justiert werden. Und irgendwann stießen die beiden auf einen Wettbewerber, der bereits weiter war, über ein größeres Team und mehr finanzielle Mittel verfügte.
Aufgeben wollten Ripp und Ruge trotzdem nie. Die Achterbahnfahrt gehört für sie zum Gründen dazu. Dabei hilft ihnen ihre Zusammenarbeit. Wenn einer von beiden gerade ein Tief hat, kann der andere es auffangen.
Auch ihre unterschiedlichen Kompetenzen spielen eine wichtige Rolle. Niklas Ruge bringt vor allem seine technische Expertise ein. Finn Ripp kümmert sich stärker um die kaufmännische Seite. So sind die Aufgaben von Anfang an relativ klar verteilt.
Aus Coatly wird Venuevo
Die digitale Garderobe startete unter dem Namen Coatly. Inzwischen ist Coatly nur noch eines von mehreren Produkten des Unternehmens, das jetzt Venuevo heißt.
Den Anstoß für die Erweiterung gab ausgerechnet ein Kunde. Bei einem Einsatz sprach die Betriebsleiterin die Gründer auf ein weiteres Problem an: die Gastronomie bei Veranstaltungen. Besonders schwierig sei es, wenn viele Menschen in einer kurzen Pause gleichzeitig Essen und Getränke bestellen wollen. Die Lösung sollte es Gästen emöglichen, Speisen und Getränke vorab über das Smartphone zu bestellen und sie später ohne lange Wartezeit abzuholen oder an einen Tisch bringen zu lassen.
Ripp und Ruge gingen der Sache nach. Sie sprachen mit weiteren Menschen aus der Branche. Dabei zeigte sich: Häufig gab es entweder gar keine digitale Lösung oder der Prozess lief noch mit Zetteln und Stift. Also entwickelten sie einen ersten Prototyp. Daraus entstand Skipply.
Die Anwendung erspart den Gästen das Warten in langen Schlangen an den Tresen und kann auch für Veranstalter die Abläufe hinter den Kulissen erleichtern. Bestellungen lassen sich früher vorbereiten. Das Personal kann besser eingesetzt werden. Gerade bei großen Veranstaltungen mit kurzen Pausen kann das einen Unterschied machen.
Der erste Kunde war zugleich Entwicklungspartner. Für Ripp und Ruge ist genau dieser enge Austausch besonders wertvoll. Kunden zeigen ihnen, welche Probleme tatsächlich relevant sind und wie ein Produkt aussehen muss.
Die nächste Idee muss nicht auf dem Whiteboard entstehen
Heute verfolgt Venuevo mehrere Ansätze parallel. Die bestehenden Produkte werden weiter vertrieben und weiterentwickelt. Gleichzeitig halten die Gründer Ausschau nach neuen Möglichkeiten.
Dabei suchen sie nicht einfach nach möglichst vielen Ideen. Sie suchen nach Problemen. Sie sprechen mit Menschen aus verschiedenen Branchen und fragen, wo Abläufe Zeit kosten oder unnötig kompliziert sind. Daraus können neue Pilotprojekte entstehen.
Auch innerhalb der Veranstaltungsbranche sehen die Gründer weitere Chancen. Gleichzeitig prüfen sie genau, ob sich eine Entwicklung wirtschaftlich lohnt. Denn eine gute Idee allein reicht nicht. Entscheidend ist auch, ob es einen Markt dafür gibt.
Die Geschichte von Venuevo zeigt dabei ein Prinzip, das sich seit der verlorenen Garderobenmarke in Kopenhagen kaum verändert hat: Ripp und Ruge entwickeln nicht erst monatelang im Verborgenen und suchen dann nach einem Markt. Sie gehen raus, sprechen mit Menschen und testen ihre Ideen.
Heute steht mit Venuevo ein Unternehmen dahinter, das über die ursprüngliche Idee hinausdenkt. Aus einem verlorenen Garderobenzettel wurde kein fertiger Plan. Sondern der Ausgangspunkt für ein Startup, das weiter nach den nächsten Problemen sucht, die sich digital lösen lassen.