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Nach innen und außen: Wie führende Kunstmuseen die Fragen unserer Zeit verhandeln

24.07.2026 Wie umgehen mit populistischen Strömungen, mit Klimaaktivist*innen, die Kunstmuseen für ihre Aktionen auswählen, und was macht das eigentlich mit einem Team, das in erster Linie Ausstellungen realisieren soll? Unter dem Titel „Expanding Art Museums“ bringt die Leuphana Innovation Community Kunst und Kultur zweimal jährlich internationale Kunstmuseen zusammen, um sich über genau solche Fragen der Kulturorganisation auszutauschen. Prof. Dr. Timon Beyes von der Leuphana und Inka Drögemüller, Deputy Director for Audience Engagement am Metropolitan Museum of Art in New York, geben im Interview einen Einblick in den intimen Kreis renommierter Kunstmuseen.

©Metropolitan Museum of Art, New York u. Leuphana Media Studio
"Unser Beitrag als Museum ist nicht, einfach eine Seite zu beziehen, sondern vielmehr die Komplexität darzustellen sowie Ressourcen und Kontext bereitzustellen", sagt Inka Drögemüller. "[G]erade in Kunstmuseen sehe ich ein sehr hohes Reflexionsniveau über die organisationalen Herausforderungen, Möglichkeiten und Probleme", sagt Prof. Dr. Timon Beyes.

Julia Valtwies: Timon Beyes, was bedeutet „Expanding Art Museums“ für Sie?

Timon Beyes: Für mich bedeutet das die wunderbare Möglichkeit, mit und an führenden Kunstmuseen forschen zu dürfen und organisationstheoretisch sehr interessante Fragen zu vertiefen – insbesondere dadurch, dass ich den Leuten, die dort arbeiten, zuhören und von ihnen lernen kann. Denn gerade in Kunstmuseen sehe ich ein sehr hohes Reflexionsniveau über die organisationalen Herausforderungen, Möglichkeiten und Probleme.

Valtwies: Warum braucht es dieses Format gerade jetzt? 

Beyes: Weil Kunstmuseen paradigmatische Organisationen sind. Sie stehen im Mittelpunkt, wenn es um das Verhandeln gesellschaftlicher Konflikte geht. Politische Antagonismen im Umgang mit dem Aufstieg populistischer Bewegungen, Ökologiebewegungen, die nicht zufällig Kunstmuseen wählen und mit Kartoffelbrei oder Kürbissuppe auf Gemälde zielen, aber auch der Israel-Palästina-Konflikt, die Auswirkungen digitaler Technologien – bei all diesen Themen landen wir schnell bei Kunstmuseen als Organisationen, in denen das verhandelt wird.

Valtwies: Warum ist das so?

Beyes: Weil sie als öffentliche Institutionen wahrgenommen werden, deren Auftrag es ist, ein kulturelles Gedächtnis zu bewahren und zu aktualisieren – und sie damit quasi gezwungen sind, zu aktuellen Fragen Stellung zu beziehen. 

Valtwies: Inka Drögemüller, als Deputy Director for Audience Engagement ist „Expanding Culture“, also die Öffnung des Museums hin zu neuen Zielgruppen oder neuen Formaten, Kern Ihrer täglichen Arbeit. Was war Ihr Beweggrund, der Community beizutreten? Auf welche Fragen haben Sie Antworten gesucht?

Inka Drögemüller: Ich war sofort bereit, weil ich wahnsinnig gute Erfahrungen gemacht habe, mit Timon Beyes und der Leuphana zusammenzuarbeiten, damals noch am Städel Museum in Frankfurt. Als Expanding Art Museums dann zustande kam, war ich schon in New York und habe mich sehr gefreut, teilnehmen zu können. Ich finde interessant, dass Timon ein sehr hohes Reflexionsniveau bei den Museen beobachtet. Ich glaube, einerseits hat er absolut recht, aber andererseits sind wir erst durch das Projekt überhaupt in der Lage, darüber mit anderen zu sprechen. Diese Reflexionen finden sonst sehr punktuell und im eigenen Sud statt. Von einem deutschen in ein amerikanisches Museum zu wechseln, war die größte kulturelle Veränderung meines Lebens – gleichzeitig Teil dieses Projektes zu sein, hat mir sehr geholfen zu reflektieren, was wir tun, warum wir das tun, und zu erkennen, dass alle Museen ähnliche Herausforderungen haben.

Valtwies: Welche Herausforderungen sind das zum Beispiel?

Drögemüller: Das MET hat eine enzyklopädische Sammlung – wir repräsentieren quasi die ganze Welt an der Fifth Avenue. Damit sind wir in jedem Projekt gefordert, uns mit den unterschiedlichsten Rahmenbedingungen unterschiedlicher Kulturen auseinanderzusetzen. Und weil wir ein öffentlicher, großer und prominenter Raum sind, stehen wir sehr schnell im Fokus. Am Anfang diskutierten wir bei Expanding Art Museums vor allem diese Außenwirkung. Im Verlaufe des Projekts ging es aber viel mehr um interne Kommunikation, Zusammenarbeit, und wie wir mit Kritik umgehen. Beides hängt eng zusammen.

Beyes: Die Kernfrage des Projekts ist eigentlich: Was zeigt man nach außen – und wie lebt man es innen? Kunstmuseen haben ein hohes Reflexionsniveau bei gesellschaftlichen Themen. Die Frage ist, wie hoch dieses Niveau bei Organisationsfragen nach innen ist. Dafür fehlt oft die Zeit. Das Projekt dient dazu, diesen Blick zu schärfen.

©Leuphana Innovation Community Kunst und Kultur
©Leuphana Innovation Community Kunst und Kultur
©Leuphana Innovation Community Kunst und Kultur

Valtwies: Welcher Beitrag hat Sie bisher am meisten überrascht oder nachhaltig beschäftigt?

Beyes: Der Besuch beim Louisiana Museum in Dänemark im Mai dieses Jahres hallt bei mir noch nach, weil es das letzte Treffen war – ein eindrückliches Haus. Man fragt sich: Was funktioniert eigentlich nicht? Faszinierend war zum Beispiel der Louisiana Channel, der als kleines internes Nebenprojekt aufgezogen wurde, und zwar journalistisch gedacht als eigenständiges Angebot. Daraus hat sich ein eigens kuratierter Bewegtbild-Kanal entwickelt, der zu einer großen Erfolgsgeschichte für dieses Museum geworden ist.

Drögemüller: Was mich beeindruckt hat, ist die Konsequenz. Der Gründer hatte eine Vision und hat sie so konsequent etabliert, hat einen Museumsdirektor gewählt, der zuvor Journalist war. Dem Gründer gefiel, wie der Direktor dachte und schrieb. Diese Freiheit, so agieren zu können, ist außergewöhnlich.

Valtwies: Was sind darüber hinaus eure wichtigsten Erkenntnisse aus den Workshops?

Drögemüller: Eine große Erkenntnis war, wie heilend es ist, sich auf das zu konzentrieren, wofür wir angetreten sind. Unser Beitrag als Museum ist nicht, einfach eine Seite zu beziehen, sondern vielmehr die Komplexität darzustellen sowie Ressourcen und Kontext bereitzustellen. Dieses Getriebenwerden von polarisierten Debatten ist falsch. Wir haben alle gelernt, widerstandsfähiger zu sein – nicht durch vereinfachte Statements, sondern indem wir zu einem nuancierteren Bild beitragen, weil die Realität komplex ist.

Beyes: Was mich überrascht hat, ist, wie stark politisiert diese Häuser zwangsläufig sind – und wie diese Politisierung intern verhandelt wird. Auch dass zeitweilige Depolitisierung durchaus angemessen sein kann: sich aus gewissen Debatten zurückziehen, als Kunstmuseum nicht immer Stellung zu beziehen. Wie die politischen Bruchlinien im Arbeitsalltag verhandelt werden, das ist für mich hochgradig interessant.

Valtwies: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft des Projekts?

Drögemüller: Ich hoffe, dass es weitergeht. Wir sind mittlerweile eine Gruppe, die sich sehr gut kennt und einander vertraut. Wir können bestimmte Themen sehr offen ansprechen. Timon Beyes und Max Schellmann von der Leuphana bringen ein klares wissenschaftliches Niveau ein, das das Gespräch oft auf eine Meta-Ebene hebt. Das habe ich sonst nicht in meinem Museumsalltag. Aber das ist es, was oft zu ganz anderen Gedanken führt. Und so komme ich nach jedem Workshop zurück ans MET und mache mit meinem Kernteam ein Meeting: Was habe ich gelernt? Was können wir übernehmen? Der Austausch mit den und die Erfahrung der Kolleg*innen in anderen Institutionen helfen mir, diese Änderungen bei uns zu implementieren.

Valtwies: Ihr verbindet die Community gleichzeitig mit der Lehre, indem ihr gemeinsam mit der Universität St. Gallen jährlich die beteiligten Museen mit Studierenden besucht. Welcher Mehrwert erwächst daraus für die Häuser?

Beyes: Die beteiligten Häuser öffnen sich und ihre Arbeit, was sehr großzügig ist, damit 25 bis 30 Studierende sie eine Woche lang als Organisation unter die Lupe nehmen. Am Ende machen die Studierenden eine kleine Ausstellung zu ihren Beobachtungen und Analysen. Das ist ein tolles Lernlabor. Und ich habe den Eindruck, dass die Häuser das enthusiastisch aufnehmen. Es kann augenöffnend sein, sich von Studierenden spiegeln zu lassen, wie die eigene Organisation funktioniert.

©Leuphana Media Studio
©Leuphana Media Studio
©Leuphana Media Studio

Auf dem Web-Portal www.expandingartmuseums.com veröffentlicht die Community regelmäßig Beiträge zu den Workshops der internationalen Kunstmuseen. Der begleitende Instagram-Account @expanding.art.museums gibt weitere Einblicke. Darüber hinaus ist ein Handbuch mit dem Arbeitstitel „Art Museums A-Z“ in Arbeit, in dem alle beteiligten Kunstmuseen und Forschenden Beiträge zu wichtigen Begriffen der Kulturorganisation zusammentragen. Diese werden ab 2027 auch digital auf der Web-Plattform aufbereitet. 

Zum Teilprojekt „Expanding Art Museums“ der internationalen Leuphana Innovation Community Kunst und Kultur gehören

  • Zentrum Paul Klee Bern
  • Kunstmuseum Basel
  • MUDAM Luxemburg
  • Louisiana Museum of Modern Art, Humblebaek
  • Metropolitan Museum of Art, New York
  • Lenbachhaus München
  • Österreichische Galerie Belvedere, Wien
  • Munch Museet Oslo