Professor Florian Stamer: Wirtschaftliche Resilienz durch Nachhaltigkeit
22.09.2026 Ob die Straße von Hormus, niedrige Pegelstände in Europa oder Corona – dass die Industrie krisenresilienter werden muss, zeigt sich immer deutlicher. Aufgrund unsteter globaler Lieferketten setzen Unternehmen oft kostspielig auf größere Lagerbestände, mehr Lieferanten, mehr Prüfaufwand. Im Interview erläutert Prof. Dr. Florian Stamer, Professor für Produktionsmanagement, wie Unternehmen resilienter werden und gleichzeitig Ressourcen sparen, welche maßgebliche Rolle künstliche Intelligenz in einer resilienten Produktion einnehmen kann und wie der Austausch zwischen Forschung und Industrie beiden Seiten nützt.
©Leuphana Media Studio
Für eine resiliente Produktion setzen viele Unternehmen auf größere Lagerbestände, um nicht von instabilen Lieferketten abhängig zu sein. Wie bewerten Sie das?
Florian Stamer: Resilienz ist ein sehr wichtiges Thema. Größere Lagerbestände sind aber nicht optimal. Eine Alternative ist es, stärker in Kreisläufe zu investieren. Das bedeutet, globale, lineare Lieferketten in lokale Kreisläufe zu überführen: Ressourcen, die ich importiere, im Umlauf zu behalten, Produkte vom Markt zurückzuholen, aufzuarbeiten und den Rohstoff erneut zu nutzen. Dadurch wird ein Unternehmen robuster – und schont fast nebenbei die Umwelt.
Künstliche Intelligenz (KI) spielt eine große Rolle in Ihrer Forschung. Wie kann KI unterstützen, Resilienz aufzubauen?
KI ist für mich ein zentraler Befähiger für nachhaltige Produktion. Bei Kreislaufproduktion muss ich den Nutzwert von gebrauchten Produkten auf Einzelstück-Ebene analysieren und entscheiden, was ich damit mache – ein komplexer Prozess, den normalerweise nur eine sehr erfahrene Person leisten kann. Das ist ein Engpass und verursacht hohe Kosten. Hier kommt KI ins Spiel: Sie kann unstrukturierte Informationen wie Fotos oder Texte verarbeiten und direkt entscheiden, ob ein Produkt noch zu gebrauchen ist, demontiert oder gereinigt werden muss. Das senkt die Kosten dramatisch, wodurch die Produkte erst wettbewerbsfähig werden.
Welchen Beitrag kann die Forschung, etwa an der Leuphana, dazu leisten?
Zum einen sind wir aktiv in der Leuphana Innovation Community Nachhaltige Produktion, mit der wir das anstehende Industriekolloquium veranstalten und erforschen, wie nachhaltige Produktion gemeinsam mit der Industrie organisiert werden muss. Zum anderen untersuchen wir, wie Unternehmen KI einführen können, um planerische Aufgaben zu lösen – mit klassischem Machine Learning und mit Large Language Models (LLM). Ein Machine-Learning-Modell erkennt in Millisekunden, ob 3.285 statt 3.286 Schrauben verbaut sind. Ein LLM dagegen kann gut mit unstrukturierten Daten umgehen, etwa erkennen, ob ein Oberflächendefekt vorliegt.
Macht KI die Prozesse also vor allem effizienter?
Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel ist es ein Werkzeug, das Unternehmen nutzen können. Wie immer bei neuen Technologien ist es im Wettbewerb kaum möglich, darauf zu verzichten.
Welchen Vorteil können Unternehmen aus der Zusammenarbeit mit der Forschung, etwa innerhalb der Innovation Community Nachhaltige Produktion ziehen, den sie allein nicht erzeugen können?
Zum einen bekommen unsere Partner einen anderen Blickwinkel aus dem akademischen Bereich, der neue Impulse liefern kann. Zum anderen fehlt besonders kleinen und mittleren Unternehmen oft das Geld für eine breit aufgestellte Entwicklungsabteilung. Hier können wir wertvolle Arbeit leisten und zeigen, welcher Weg funktionieren kann – das minimiert das Investmentrisiko. Das Leuphana Industriekolloquium vereint diese Punkte. Zusätzlich können sich Industrie-Unternehmen untereinander austauschen. Dadurch vernetzen sie sich besser und nehmen Impulse für ihre eigenen Prozesse mit.
Vielen Dank!