Zum Hauptinhalt springen

Können wir die Spielregeln des Wandels selbst bestimmen? Interview mit Steffen Farny

02.11.2026 Gemeinschaftliches Handeln, lokales Engagement und transdisziplinäre Kooperationen - das seien die besten Mittel, um den komplexen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen, sagt Prof. Dr. Steffen Farny. Statt den Transformationen in Arbeitswelt, Klima und Gesellschaft ohnmächtig gegenüberzustehen, könne so jede*r aktiver Teil der Lösung werden.

Steffen Farny sitzt an einem Tisch und wird von zwei Personen interviewt. ©Leuphana Media Studio
Steffen Farny im Gespräch

Vervollständigen Sie bitte den folgenden Satz: Transformation bedeutet für mich persönlich … 

… eine grundsätzliche Veränderung der Spielregeln, wie wir miteinander interagieren, denken, was wir tun.

Können wir die Spielregeln selbst ändern oder müssen wir uns ihnen anpassen? 

Ich hoffe, dass wir Transformationen aktiv anstoßen können – wohl wissend, dass es dafür ein abgestimmtes, kollektives Handeln braucht. Dass das schwierig ist, zeigt sich selbst beim vermeintlich einfachen Umbau unseres Energiesystems: Manche bevorzugen Transition, also eine reine Anpassung, bei der die Macht bei großen Organisationen bleibt; andere wollen echte Transformation – etwa kommunale Energiesysteme, bei denen Bürger*innen mitentscheiden können.

Welche Rolle kann die Wissenschaft dabei spielen? 

Die Rolle der Wissenschaft ist sehr zentral, wenn wir transdisziplinär denken, co-kreierend mit Akteur*innen aus der Praxis. Oft ziehen sich Forschende aus der Umsetzung und damit aus der Verantwortung zurück. Aber ich sehe eine große Chance darin, wenn Wissenschaftler*innen aktiv mitwirken. Genau darum geht es in unserem Forschungsbereich „Toward a Regenerative Society“ bei Embracing Transformation: neue Erklärungsansätze entwickeln und Veränderungsprozesse zusammen mit Akteur*innen vor Ort gestalten. 

Im SINTRA-Projekt ging es etwa um den Umbau von Strukturen und Prozessen hin zu einer wirklich inklusiven Arbeitskultur. Gemeinsam mit 17 Organisationen haben wir eine Toolbox entwickelt (www.arbeitenmitbewegtenbiografien.com). Sie hilft Organisationen dabei, die Vielfalt der Lebensgeschichten ihrer Mitarbeitenden als Stärke zu begreifen, statt Menschen an Arbeitsmarkt-Normen anzupassen. 

Transformation betrifft neben der Wirtschaft auch andere gesellschaftliche Bereiche. Wie lassen sich Ihre Erkenntnisse etwa auf Bildung übertragen?

Unsere Institutionen – Universitäten, Ministerien, Schulen – stammen aus einer anderen Zeit und adressieren Probleme allzu oft isoliert und kleinteilig. Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen heute sind aber miteinander verflochten. Wir müssen umdenken, weg von reiner Wissensvermittlung, hin zu Kompetenzen, die Schüler*innen und Studierende befähigen, komplexe Probleme proaktiv anzugehen. Bei uns entwickeln zum Beispiel Studierende verschiedener Fachrichtungen gemeinsam neue Lösungsansätze – idealerweise im realen Kontext mit echten Praxispartnern.

Fünf Personen stehen um einen Tisch herum und sprechen miteinander. ©Leuphana Media Studio
Steffen Farny spricht in ein Mikrofon. ©Leuphana Media Studio
Jakob Blankenburg, JClaudia Kalisch und Julia Verlinden bei der Werkstatt der Mutigen in der Abschlussdiskussion ©Leuphana Media Studio

Wie gelingt es denn, diese verschiedenen Akteur*innen dabei mitzunehmen? 

Es braucht motivierende Formate. Die Communicorn-Konferenz und die Werkstatt der Mutigen der Leuphana Social Innovation Community waren zuletzt sehr erfolgreich: Lüneburger Akteur*innen aus Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft kamen zusammen und haben konkret benannt, was sie beitragen können, zum Beispiel bezüglich Finanzierungsmöglichkeiten für soziale Innovationen und gemeinwohlorientierte Unternehmen – so entstand Ownership in der Gruppe. Jetzt braucht es einen strukturierten Prozess, damit daraus konkrete Projekte werden.

Sind dafür weitere Formate geplant? 

Ja. 2027 richten wir etwa das Social Entrepreneurship Forum an der Leuphana aus – erstmals außerhalb Hamburgs. So bringen wir die Community und kommunale Akteur*innen zusammen, um sich über Projektschnittstellen auszutauschen. Für „Regenerative Society“ veranstalten wir mit der Universität Jyväskylä zudem ein interdisziplinäres Event zu Planetary Well Being und beleuchten, wie unterschiedliche Wissenschaftsbereiche zusammenarbeiten können.

Was können denn Menschen für die Transformation tun, die nicht an solchen Projekten beteiligt sind? 

Ich denke zunächst sehr lokal und in Gemeinschaften. Es ist ein guter Start, sich zu fragen, in welcher Community bin ich unterwegs, etwa in der Nachbarschaft oder Elternvertretung, und dort einen Beitrag zu leisten. Sinnvoll ist es dabei, das eigene Engagement nicht als isolierte Einzelaktivität zu verstehen, sondern als Teil eines größeren Transformationsprozesses, in dem verschiedene Aktivitäten und Akteur*innen zusammenwirken und im besten Fall Veränderungen gegenseitig verstärken. Dabei kann es sicherlich helfen, sich darüber klar zu werden, wie ein Transformationsprozess funktioniert und wirkt. Mit dem Konzept der Regenerative Development Goals (RDGs) haben wir ein neues Gerüst für solch partizipative, gemeinschaftsgetragene Projekte entwickelt. Statt sich gegenüber großen Krisen ohnmächtig zu fühlen, kann so jede*r Teil der Lösung sein.

So erreichen Sie uns!

Die Leuphana Social Innovation Community bringt Akteur:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und öffentlicher Hand zusammen, um gemeinsam an gesellschaftlichen Herausforderungen zu arbeiten. Gestalten Sie mit uns die Zukunft und werden Sie Teil der Community!