Antidiskriminierung: „Grenzverletzungen werden individuell erlebt“

02.03.2026 Die Gleichstellungsbeauftragte Dr. Kathrin van Riesen spricht im Interview über Inklusion, Sensibilisierung und antisemitismuskritische Lehre.

©Leuphana/Tengo Tabatadze
„Antidiskriminierungsarbeit hilft dabei, soziale Ungleichheiten, Stereotype und Diskriminierungserfahrungen sichtbar zu machen und ernst zu nehmen", sagt Kathrin van Riesen.

Frau van Riesen, ist völlige Diskriminierungsfreiheit möglich?

Nein, trotz aller Bemühungen ist sie leider kaum realisierbar. Dieser Umstand zeigt gleichzeitig, wie wichtig es ist, immer wieder über verschiedene Formen der Diskriminierung zu sprechen. Unser Ziel ist es aber, die Leuphana inklusiv und diskriminierungsarm zu gestalten. Antidiskriminierungsarbeit hilft dabei, soziale Ungleichheiten, Stereotype und Diskriminierungserfahrungen sichtbar zu machen und ernst zu nehmen. 

Mit welchen Angeboten helfen Sie konkret?

Wir haben verschiedene Portale und Beratungsangebote aufgebaut. Auf den Webseiten des Gleichstellungsbüros finden Universitätsmitglieder Informationen darüber, was Diskriminierung ist, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt und an wen man sich wenden kann, etwa bei antisemitischer Diskriminierung, Unterstützung bei sexueller Belästigung oder für einen Nachteilsausgleich bei chronischer Erkrankung. Zudem steht allen Universitätsmitgliedern auch das Angebot der Antidiskriminierungsberatung von diversu e.V. offen. Damit können wir eine große Bandbreite von Problembereichen adressieren.

Eine modernde Antidiskriminierungsarbeit bedeutet also mehr als Beratung im Einzelfall?

Genau. Wir arbeiten auch an Sensibilisierungs- und Weiterbildungsangeboten, unterstützen bei Anpassungen etwa von Richtlinien, etwa im Studium. Auch praktische Maßnahmen spielen eine Rolle: Ruheräume für Menschen mit chronischen oder psychischen Erkrankungen, Stillräume oder Rückzugsorte bei großen Veranstaltungen.

Dort sind vermehrt Awareness-Teams unterwegs. Warum sind sie wichtig?

Weil eine moderne Antidiskriminierungsarbeit Inklusion sehr breit denkt. Wir möchten jede Person einschließen. Grenzverletzungen und Wohlbefinden werden sehr individuell erlebt. Awareness-Teams sollen dafür sorgen, dass sich möglichst alle Menschen auf Veranstaltungen willkommen fühlen. Früher haben sich manche Personen einfach zurückgezogen, wenn sie sich unwohl oder ausgeschlossen fühlten. Awareness-Angebote schaffen Ansprechpersonen und Rückzugsräume, sodass Teilhabe weiterhin möglich bleibt. Dabei muss es nicht immer um ausgeprägte Grenzverletzungen gehen. Inklusion greift viel früher.

Welche Rolle spielt das Thema Antisemitismus an der Universität?

Antisemitismusprävention ist ein wichtiger Teil von Antidiskriminierungsarbeit. Die Universität beteiligt sich an landesweiten Netzwerken, die den Austausch zwischen Hochschulen fördern. Gleichzeitig wird das Thema auch in Lehre und Forschung aufgegriffen, etwa durch ein neues landesweites Zertifikatsangebot und Veranstaltungen zu jüdischem Leben und Erinnerungskultur. Wichtig ist dabei, Antisemitismus als eigenständige Form von Diskriminierung sichtbar zu machen und sensibel damit umzugehen.

Antisemitismuskritik in der Lehre

Das Zertifikat ZABIN („Antisemitismuskritische Bildung in Niedersachsen im Kontext Schule“) ist ein neues landesweites Angebot in Niedersachsen, an dem auch die Leuphana teilnimmt. „Besonders im Lehramtsstudium spielt das Thema Antisemitismus aufgrund der weltpolitischen Lage zunehmend eine wichtige Rolle“, sagt Dr. Julia Oppermann. Sie bietet im Lehramtsfach Politik das Seminar „Antisemitismus an Schulen“ an. Studierende aller Lehramtsfächer können den Kurs im kommenden Wintersemester im Rahmen von ZABIN besuchen. Auch andere niedersächsische Universitäten bieten Kurse an, die hochschulübergreifend und hybrid besucht werden können. 

Ziel des Programms ist es, für Antisemitismus zu sensibilisieren. Dabei werden verschiedene Formen behandelt: historisch und religiös geprägter Antijudaismus, israelbezogener Antisemitismus und rechtsextremer Antisemitismus verbunden mit der Relativierung der Shoa. „Wir sprechen aber auch über klassische Verschwörungserzählungen, etwa die Vorstellung von jüdischen Eliten mit globaler Macht“, sagt Julia Oppermann.

Ihr Seminar ist praxisorientiert: „Wir entwickeln Handlungsstrategien für Schule und Unterricht: Was tue ich, wenn mir Antisemitismus begegnet?“ Entscheidend sei dabei die Haltung: Antisemitismus wird nicht geduldet. Gleichzeitig sei es wichtig, Handlungen einzuordnen: Woher stammen die Aussagen? Wie wirken sie auf Betroffene? Wie gewinne ich sogenannte Bystander? 

Entscheidend sei zudem die Zusammenarbeit im Kollegium. Antisemitismus sollte nicht allein bearbeitet werden, denn Beratung und Austausch stärken Lehrkräfte im Umgang mit schwierigen Situationen. Eine gemeinsame Haltung innerhalb der Schule gilt als Grundlage erfolgreichen Handelns: „Eine einzelne Person würde zu schnell verbrennen“, erklärt Julia Oppermann.