„Die Leuphana bietet eine sehr interdisziplinäre Atmosphäre in Forschung und Lehre“
Assistenz-Professorin Dr. Angeliki Balayannis forscht im Gastwissenschaftsprogramm zu Geschlechterungerechtigkeit bei chemischer Verschmutzung
Wie wirken sich Umweltverschmutzung auf die unterschiedlichen Geschlechter aus? Und wie können strukturelle Ungerechtigkeiten in der Umweltpolitik und -forschung wirksamer bekämpft werden? Mit den geschlechterspezifischen Auswirkungen chemischer Verschmutzung befassen sich Dr. Angeliki Balayannis, Wageningen University & Research, und Prof. Dr. Vânia Zuin Zeidler, Leuphana Universität Lüneburg.
Auf den ersten Blick passt sie überhaupt nicht zu Forschung: die kleine Pfanne, die Angeliki Balayannis auf dem Leuphana-Campus aus ihrer Tasche zieht. Dann betont die Sozialwissenschaftler*in aus den Niederlanden: „Ich koche nicht damit, auf gar keinen Fall“, und bahnt damit den Weg zur Klärung: Die Pfanne ist mit PFAS beschichtet. Diese Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen stehen im Verdacht, Krebserkrankungen zu begünstigen, das Immunsystem zu schwächen, Hormonhaushalt und Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen. PFAS gehören zu den sogenannten Ewigkeitschemikalien. Sie bleiben Jahrzehnte lang unverändert im Boden, im Grundwasser, in der Luft, in unserem Blut. Und hier reichern sie sich an.
Dass es zumeist Frauen sind, die Pfannen nutzen, führt zur intersektionalen Geschlechterforschung und damit zum Schwerpunkt des Gastwissenschaftsprogramms der Leuphana. Mit diesem Angebot ermöglicht das Gleichstellungsbüro der Universität Forschenden aus anderen Universitäten gemeinsam mit Lüneburger Wissenschaftler*innen zu forschen. Angeliki Balayannis von der Wageningen University &Research in den Niederlanden betrachtet als Sozialwissenschaftler*in mit Prof. Dr. Vânia Zuin Zeidler die Auswirkungen von PFAS. „Wir untersuchen die geschlechterspezifischen Dimensionen chemischer Verschmutzung“, sagt die Professorin für Nachhaltige Chemie der erneuerbaren organischen Ressourcen.
Die beiden kennen sich schon seit Längerem. „Wir haben gemeinsam an einem Artikel über Gender und Chemikalien gearbeitet, der vor einigen Jahren in Lancet Planetary Health veröffentlicht wurde“, sagt Angeliki Balayannis und ergänzt: „Das Gastwissenschaftsprogramm war für uns eine Gelegenheit, unsere Zusammenarbeit durch Lehre, Betreuung von Abschlussarbeiten und die Entwicklung neuer Artikel und Projekte auszubauen. Vânia hat mich also an die Leuphana eingeladen.“ Vânia Zuin Zeidler betont: „In Präsenz zusammen zu forschen, hat eine ganz andere Qualität, als sich lediglich online auszutauschen zu können.“ An der Leuphana könne they die eigene Forschung vorantreiben und zugleich ihr Wissen in Forschung und Lehre einbringen, erläutert Angeliki Balayannis. Was they hier schätzt? „Die sehr interdisziplinäre Atmosphäre in Forschung und Lehre.“
©Marie-Luise Braun
Their Wissen ist so umfangreich wie ungewöhnlich. Angeliki Balayannis hat zunächst Theaterwissenschaften studiert und einige Zeit an Theatern gearbeitet. „Als junger Mensch war ich eine sehr leidenschaftliche Umweltschützer*in, und nach einigen Jahren Theaterwissenschaft verspürte ich den Wunsch, mich wieder mit Umweltfragen zu beschäftigen“. Also hat they einen Abschluss in Humangeografie gemacht und auch in dem Fach promoviert. „Wobei ich mich mit den Auswirkungen der Umweltverschmutzung auf Gemeinschaften befasste sowie der Regulierung und Bewältigung von Umweltverschmutzung, insbesondere chemischer Verschmutzung.“ Das ist der Punkt, an dem die wissenschaftliche Arbeit der beiden Forscher*innen sich überschneidet. Zugleich blicken sie aus unterschiedlichen Perspektiven darauf: Angeliki Balayannis stärker aus der Sozialwissenschaft, Vânia Zuin Zeidler aus der Naturwissenschaft. Für beide ist das Zusammendenken sozial- und naturwissenschaftlicher Perspektiven auf das Themenfeld sustainable chemistry eine große Bereicherung für ihre Forschung.
„Wir versuchen, ein neues Verständnis dafür zu schaffen, wie die nachhaltige Chemie mit Toxizität umgehen kann. Und wir wollen herausfinden, was wir aus der Chemie, wie zum Beispiel der Antihaftbeschichtung aus PFAS, lernen können“, sagt Vânia Zuin Zeidler. Dafür gebe es einerseits materialwissenschaftliche Lösungen. Aber es gehe eben auch um Entscheidungen: „Insbesondere wir Frauen müssen entscheiden, wie wir kochen und welche Geräte aus welchen Materialien wir dafür verwenden. Aber wir brauchen eben auch den Zugang zu den richtigen Informationen, um gute Entscheidungen treffen zu können“, betont sie. Durch gemeinsame Studien und Veröffentlichungen wollen die beiden Wissenschaftler*innen nicht nur die öffentliche Debatte anregen, sondern auch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) dazu verpflichten, frei zugängliche wissenschaftliche, technische und strategische Ressourcen zu verbreiten, um evidenzbasierte Veröffentlichungen und Gesetze zu fördern, die sowohl die menschliche Gesundheit als auch die Umwelt insgesamt schützen.
Um Forschung zu erleichtern, die von Umweltverschmutzung betroffene Gemeinschaften sinnvoll einbezieht, greift Angeliki Balayannis auf their Hintergrund in Theaterwissenschaften zurück und erklärt: „Derzeit arbeite ich mit eine*r Künstler*in an meiner Heimatuniversität in Wageningen zusammen, die*der sich mit der Rolle der Kunst beim Verständnis von Umweltverschmutzungsproblemen beschäftigt.“
Weitere Informationen
Über Angeliki Balayannis: https://www.wur.nl/en/persons/aa-angeliki-balayannis (auf Englisch)
Über Vânia Zuin Zeidler: https://www.leuphana.de/institute/insc/personen/vania-zeidler.html
Diverstität an der Fakultät: https://www.leuphana.de/einrichtungen/fakultaet/nachhaltigkeit/diversitaet.html



