„Die Leuphana ist eine tolle Möglichkeit, aus der solitären Forschung herauszukommen“
Prof. Dr. Szilvia Gellai forscht an der Leuphana über Intersektionalität und Grenzen
Über Grenzbewegungen, -überschreitungen und -verletzungen in der Literatur forschen Prof. Dr. Szilvia Gellai aus Wien und Prof. Dr. Kevin Drews von der Leuphana. Mithilfe des Gastwissenschaftsprogramms können sich die beiden ein Semester lang an der Lüneburger Universität austauschen.
©Marie-Luise Braun
Humor und Wissenschaft bringen wahrscheinlich nur wenige Menschen miteinander in Verbindung. Für die Professor*innen Szilvia Gellai und Kevin Drews aber ist die Forschung dazu der Ausgangspunkt ihrer fruchtbaren Zusammenarbeit: Ihr Kontakt begann vor ein paar Jahren mit einer wissenschaftlichen Arbeit zu Humor im Werk von Walter Benjamin. Seither tauschten sich die Literaturwissenschaftlerin von der Universität Wien und der Juniorprofessor für Literatur und Theorie der Leuphana überwiegend online oder per Telefon aus. Jetzt ist Szilvia Gellai für ein Semester an die Leuphana gekommen.
Hier konnten die beiden inzwischen ihre Forschung zu Walter Benjamin mit einer Publikation abschließen. Und auch weitere Projekte hat Szilvia Gellai speziell für ihre Zeit an der Leuphana entwickelt, darunter zwei Seminare: „Das eine richtet sich an Bachelor-Studierende und dreht sich um Grenzbewegungen, um kulturtheoretische und literarische Verhandlungen des Liminalen – also von Grenzen“, erläutert Szilvia Gellai und ergänzt: „Ich bin bei der Lektüre zu Intersektionalität immer wieder auf den Begriff Grenze gestoßen, auf Grenzüberschreitung, Grenzverletzung, Transgressionen aller Art.“ Im Seminar will sie mit den Studierenden diesen Begriffen auf den Grund gehen.
Für Master-Studierende hat Szilvia Gellai ihr Seminar unter den Titel „Von Experimenten anders zu leben“ gestellt. „Darin geht es sehr stark um das Leben schwarzer Menschen um 1900. Sie konnten andere Lebensformen nicht aus Privilegien heraus erproben, sondern mehr aus der Notwendigkeit heraus, aus Zwängen, aus Grenzerfahrungen.“
Bereits diese beiden Angebote von Szilvia Gellai passen ideal zum Schwerpunkt des Gastwissenschaftsprogramms des Leuphana Gleichstellungsbüros. Eingeladen hat Kevin Drews sie aber aufgrund ihres Buchs Glass Scenographies: Notes on Spaces of One’s Own (übersetzt etwa„Gläserne Szenographien. Anmerkungen zu Räumen für sich allein“) aus dem Jahr 2023: Ein Buch über schreibende Frauen in Glashäusern. „Was mich besonders fasziniert an Szilvia Gellais Arbeit ist dieser inspirierende Blick auf das Zwischenfeld von Literatur einerseits und Architekturgeschichte andererseits. Sie widmet sich medientheoretischen Fragen interdisziplinär“, betont Kevin Drews und: „Dort, wo sich mit Glas und Glasarchitektur beschäftigt wird, wird sich in der Regel mit Männern befasst, die darüber geforscht, die Gebäude gebaut oder die sie in der Literatur als Imaginationsfläche benutzt haben.“
Die interdisziplinäre Herangehensweise, die Szilvia Gellai anwendet, werde auch an der Fakultät Kulturwissenschaften der Leuphana praktiziert, so Kevin Drews: „Von daher hatten wir hohe Schnittmengen und verschiedene Kontaktzonen nicht nur zu meiner Forschung, sondern auch zur Forschung von Kolleg*innen der Fakultät.“ Diese Art von Austausch ist auch für Szilvia Gellai besonders: „Es ist eine tolle Möglichkeit, aus diesem doch sehr solitären Modus herauszukommen, den Forschung und vor allem das Schreiben an sich hat.“ Sie überlegt kurz und sagt dann: „Ich denke, solche Kooperationen sind eine sehr gute Impfung in der Akademia, die doch sehr auf hierarchischen Abhängigkeiten basiert und wo man eher zu kompetitivem Verhalten angespornt wird.“
Kevin Drews schildert, dass er selbst vom Gastwissenschaftsprogramm vor allem dadurch profitiere, „dass es mir erlaubt, mit Szilvia zusammen Fragen zu stellen. Den Workshop, den wir Ende Januar zusammen angeboten haben, hätte ich sicher auch mit ähnlichen Gästen veranstaltet, aber zu anderen Themen, Fragen und Problemstellungen.“ Und: „Man darf das im Universitätsalltag nicht unterschätzen, Gespräche beim Kaffee, beim Mittagessen führen zu können. Über die Dauer ergibt sich ein stetiges Gespräch, in dem wir auch neue Ideen für Forschungsfragen entwickeln. Diese Möglichkeit haben wir erst durch das Gastwissenschaftsprogramm.“ Das sei eine große Motivation.
Über Umwege ist Szilvia Gellai zur Forschung gekommen. Nach ihrem Masterabschluss ist sie zunächst aus der Wissenschaft ausgestiegen. „Es gab aber immer wieder Ermutigungen und die Prophezeiung einer Professorin, dass ich mich eines Tages langweilen würde im Arbeitsleben.“ So sei es dann auch gekommen. Da ihr die Lehre immer wichtig war, ist sie schließlich im Zuge einer Ringvorlesung über Weltliteratur wieder an die Universität gekommen, die auch ihre Begeisterung für Forschung geweckt habe.
Die Faszination für materielle Kultur wurde durch ein kleines Geschenk initiiert. Zur Promotion bekam sie von ihrer besten Freundin einen Berliner Schlüssel geschenkt. Dieses Geschenk ging zurück auf ein Seminar, an dem sie teilgenommen hatte. Thema: „Kluge Objekte. Eigensinn der Dinge.“ Einer der dort behandelten Texte drehte sich um den Berliner Schlüssel. Das ist ein so genannter Durchsteckschlüssel mit zwei identischen Bärten. Nach dem Aufschließen eines Schlosses muss der Schlüssel durch das Schloss hindurch geschoben werden. Auf der anderen Seite muss er mit einer Drehung wieder aus dem Schloss gezogen werden – wodurch die Tür erneut verschlossen wird. Die simple Technik zwingt die Nutzenden also, die Tür stets geschlossen zu halten. Weil sie kluge Objekte faszinierend findet, hat Szilvia Gellai ein Bild ihres Berliner Schlüssels mit zum Interview gebracht.
Walter Benjamin findet übrigens, dass Humor sehr wichtig für das Denken – die Grundlage von Forschung – ist. Er schrieb: „Nur nebenbei sei angemerkt, dass es fürs Denken gar keinen besseren Start gibt als das Lachen. Und insbesondere bietet die Erschütterung des Zwerchfells dem Gedanken gewöhnlich bessere Chancen dar als die der Seele.“ (Fragment „Der Humor“, ca. 1917/18)
Weitere Informationen
Szilvia Gellai an der Universität Wien: https://www.germ.univie.ac.at/szilvia-gellai/
Das Buch „Glass Scenographies“: http://fox.leuphana.de/portal/de/publications/glass-scenographies(cd2ee87e-2282-4b76-bdc9-823ee158051a).html
Kevin Drews an der Leuphana: https://www.leuphana.de/institute/igl/personen/kevin-drews.html
