Diversity-Tag: „Rassismus besprechbar und hörbar machen“

31.05.2022 Dr. Aysun Doğmuş, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Helmut-Schmidt Universität Hamburg und Dr. Friederike Dobutowitsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik, sowie Mitarbeiterin im Projekt ConnEx im Lehrservice der Leuphana Universität Lüneburg, sprechen im Interview über Rassismus in der Lehre, notwendigen Reflexionen und Perspektiven.

Interview Icon ©Leuphana
„Die Thematisierung und Theoretisierung von Rassismus in der universitären Lehre birgt immer auch die Gefahr, Rassismus zu reproduzieren“, sagt Friederike Dobutowitsch.
Wie hat sich das Thema „Rassismus“ in Euren jeweiligen Fachkontexten entwickelt und wie wird es aktuell wahrgenommen?
Friederike Dobutowitsch: 
In "meinem" Forschungsfeld, der erziehungswissenschaftlichen Mehrsprachigkeitsforschung, entwickeln rassismuskritischePerspektiven auf Bildungsprozesse und Fragestellungen zu linguizistischen Praxen teilweise eine zunehmende Dynamik. 

Aysun Doğmuş: 
Der zunehmenden Dynamik kann ich zustimmen. Rassismus erscheint besprechbarer. Auch die Analyseperspektive der Rassismuskritik findet sich in viel mehr erziehungswissenschaftlichen Studien und Qualifikationsarbeiten wieder, die verschiedene Foki im Kontext von Bildungsprozessen, Schul- und Unterrichtsforschung oder der Professionalität und Professionalisierung von (angehenden) Lehrer*innen setzen. Zugleich aber kann nach wie vor festgestellt werden, dass die Thematisierung von Rassismus in unseren Fachkontexten umkämpft bleibt. Bemerkenswert ist, dass es sich dabei häufig nicht um einen wissenschaftstypischen Diskurs im Ringen um methodologische Fragen, theoretische Blickwinkel oder forschungspraktische Auseinandersetzungen zu handeln scheint. Eher noch spiegeln sich gesellschaftliche Aushandlungen zu Rassismus auch in unseren Fachkontexten wider. 
Worin seht Ihr besondere Herausforderungen in Eurem Tätigkeits- oder Forschungsfeld, Rassismus zu thematisieren? Könnt Ihr hierfür Beispiele nennen?
Friederike Dobutowitsch: 
In einer erziehungswissenschaftlich informierten Perspektive wird vorgeschlagen, Rassismus als ein Gesellschaftstrukturierendes und hierarchisch ordnendes soziales Phänomen zu begreifen. Dies bedeutet, dass auch eine Institution wie die Universität von Mechanismen und Wirkungsweisen des Rassismus strukturiert und beeinflusst ist. Die Begleitung von Lern- und Reflexionsprozessen in einem Seminar erfordert daher, unterschiedliche Involviertheiten der Beteiligten, sowohl der Lehrenden als auch der Studierenden, zu berücksichtigen. 

Aysun Doğmuş: 
Für die Durchführung von Seminaren zeigt sich als eine besondere Herausforderung bspw. auch, dass Rassismus mitunter ein Alltagsbegriff ist. Diskussion im Seminar verlaufen häufig erst im Horizont von 'Meinungen'. Die Herausforderung ist, das implizite Wissen dieser 'Meinungen' mit Studierenden herauszuarbeiten, und zu vermitteln, dass es (erziehungs-)wissenschaftlich notwendig ist, Rassismustheorien zu kennen, und bei Bedarf mit weiteren Theoriezugängen, wie Diskriminierung, zu kontrastieren, um Rassismus kontextspezifisch zu analysieren und zu reflektieren. Dies ist auch deshalb notwendig, weil Rassismus verschiedene Erscheinungsformen umfasst und nicht unmittelbar erkennbar ist. 

Friederike Dobutowitsch: 
Bezogen auf den Gegenstand der gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit können theoretische Angebote zu Sprache und Rassismus beispielsweise dazu beitragen, Normalitätsvorstellungen in der Bezeichnung und Bewertung sprachlicher Praxen offen zu legen. Wer spricht über wen in welcher Weise? Welche (vermeintliche) Gruppe wird benannt, welche nicht? 
Ihr habt im Rahmen des Komplementärstudiums im Bachelor das Seminar „Rassismuskritik in der Schule und in außerschulischen Feldern“ gemeinsam durchgeführt. Welche Erfahrungen und Erkenntnisse konntet Ihr im Seminar sammeln?
Friederike Dobutowitsch: 
Übergreifend betrachtet nahmen wir seitens der Studierenden ein hohes Interesse an diesem Seminarangebot war. Dies zeigte sich schon während der Anmeldephase und bestätigte sich in der aktiven Teilnahme der Studierenden und den intensiven Diskussionen im Seminar. In der Seminarplanung war es uns wichtig, zwischen theorie-, (empirisch-fundierten) fall- und erfahrungsbezogenen Reflexionen zu differenzieren und diese Herangehensweisen der Seminargruppe transparent zu vermitteln. Wir stellten uns außerdem immer wieder die Frage, ob und an welchen Stellen es sinnvoll ist, der Gruppe entlang von Involviertheiten phasenweise unterschiedliche Reflexions- und Empowermenträume anzubieten. 

Aysun Doğmuş: 
Dabei und während der Durchführung des Seminars nahmen wir als Lehrende zudem einige Spannungsfelder wahr. Diese betrafen insbesondere das rassismusrelevante Sprechen im Seminar und damit verbundene Positionierungsmöglichkeiten. Neben den Safe Spaces, die Studierende teils selbst eingerichtet hatten, boten wir den Studierenden deshalb die Möglichkeit an, sich phasenweise zurück zu ziehen oder direkt mit uns als Lehrende zu kommunizieren. 
Welche Rolle nimmt die Auseinandersetzung mit Rassismus in der eigenen Professionalisierung ein? Ist Rassismus ein Thema beispielweise in der Lehrer*innenbildung? Was bedeutet es sich mit dem Thema Rassismus in der Lehre auseinanderzusetzen?
Friederike Dobutowitsch: 
Die Thematisierung und Theoretisierung von Rassismus in der universitären Lehre birgt immer auch die Gefahr, Rassismus zu reproduzieren. Eine Frage, die mich beschäftigt ist in diesem Zusammenhang, wie Theorie und (Selbst-)Reflexion miteinander verbunden werden können. Und auch, wie professionalisierungsrelevante Reflexionsprozesse angeregt und gleichzeitig Ungewissheiten ermöglicht werden können.

Aysun Doğmuş: 
Daher sind wir als Lehrende aufgefordert, unsere initiierten Lehr-/Lernsettings zu reflektieren und Möglichkeiten der Vermittlung auszuloten. In der Lehrer*innenbildung ist Rassismus für mich ein zentrales Thema, u.a. in der Auseinandersetzung mit migrationsgesellschaftlichen und postkolonialen Konstellationen in Schule als Bildungsraum und Möglichkeiten der Transformationen habitueller Routinen in der pädagogischen Handlungspraxis. Mir ist es wichtig, mit (Lehramts-)Studierenden Analysewerkzeuge zu erarbeiten, die helfen, Rassismus auch in scheinbar alltäglichen Situationen zu entschlüsseln. Darüber hinaus ist es zentral, sowohl in der Lehre als auch für die zukünftige Berufspraxis Artikulationsmöglichkeiten verschiedener Akteur*innen zu erweitern, um Rassismus zur Sprache zu bringen, besprechbar und hörbar zu machen. 
Vielen Dank für das Gespräch!

Am 02. Juni 2022 wird im Rahmen des diesjährigen Diversity-Tages eine Reflexionswerkstatt für Lehrende zum Thema „Rassismus in der universitären Lehre“ mit Dr. Aysun Doğmuş angeboten. Die Werkstatt stellt einen kollaborativen Reflexionsraum für Lehrende bereit. Nach einer dialogischen Einführung in rassismustheoretische Verständnisweisen und deren rassismuskritischer Bezug zur Lehre werden anhand ausgewählter Fälle Erfahrungen aus der Lehrpraxis ausgetauscht, reflektiert und individuell passende Handlungsoptionen ausgelotet. Eine Anmeldung für diese Werkstatt ist über die Seiten des Lehrservice.