Praktizieren statt performen: Fürsorge in lokalen Kultureinrichtungen

13.05.2026 Was bedeutet Care oder Fürsorge eigentlich? Was brauchen Besuchende, Mitarbeiter*innen und Kunstschaffende von lokalen Kunst- und Kultureinrichtungen? Und welche Strukturen helfen, Fürsorge fest im Kulturbetrieb zu verankern? Fragen wie diese beschäftigen Einrichtungen weltweit. In Lüneburg greift die Leuphana Innovation Community Kunst und Kultur das Thema im Zukunftsfoyer am 19. Mai 2026 im Theater Lüneburg auf. Lisa Deml, Leiterin der Halle für Kunst, und Organisationsforscherin Prof. Dr. Boukje Cnossen, suchen im Gespräch das passende Wording und Ansätze für eine fürsorgliche Arbeitsumgebung.

©© Leuphana Media Studio
Prof. Boukje Cnossen (links) und Lisa Deml diskutieren darüber, wie Fürsorge in lokalen Kunstinstitutionen gelebt werden kann.

Julia Valtwies: Was verstehen Sie unter dem Begriff „Care“ – oder auf Deutsch „Fürsorge“ in lokalen Kunst- und Kulturinstitutionen?

Boukje Cnossen: Die Begriffe „Care“ und „Kurator“ haben denselben Wortstamm (das lateinische Wort „curare“), deswegen ist er in aktuellen Debatten in der Kunst so prominent geworden. Ein weiterer Grund ist, dass die Organisation und das Kuratieren in kleineren Kunsteinrichtungen oft prekär sind. „Care“ oder „Fürsorge“ wird also auf vielen Ebenen relevant, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie genau dasselbe bedeuten.

Lisa Deml: In meinem Verständnis meinen sie nicht dasselbe. Was mir an dem deutschen Wort „Fürsorge“ gefällt, ist, dass es sich auf jemanden oder etwas bezieht. Es enthält das „für“. „Care“ im Englischen fühlt sich eher wie ein Oberbegriff an. Er wird in der zeitgenössischen Kunst so breit verwendet, dass er fast bedeutungslos ist. „Fürsorge“ bezieht sich von Natur aus auf jemanden oder etwas.

Valtwies: Und auf wen bezieht sich die Fürsorge bei Ihnen?

Deml: Wir kümmern uns als Kunstverein etwa um unsere Mitglieder, indem wir Exkursionen, Touren oder Versammlungen organisieren; um unser Team durch interne Feedback- und Unterstützungsstrukturen wie monatliche Jour fixes und ein jährliches Frühstück; um Besucher*innen, indem wir ihre Bedarfe ansprechen und unser Programm vermitteln; und um Künstler*innen, mit denen wir arbeiten, indem wir Reisebuchungen oder Kinderbetreuung organisieren. Marie-Sophie Dorsch, mit der ich die Halle für Kunst leite und ich versuchen, langfristige Beziehungen aufzubauen.

Cnossen: Das finde ich interessant, aber ich frage mich, ob „Fürsorge“ manchmal zu viel impliziert. Angesichts der Bedingungen im Kunstbereich ist es nicht immer möglich, für alles und jeden Fürsorge zu leisten.

Deml: Da stimme ich zu. Dahinter steckt ein gewisser Idealismus. Marie und ich versuchen, Prekarität nicht weiterzugeben, also fungieren wir als Pufferzone. Und wir versuchen, einen Rhythmus zu etablieren, der langsamer ist. Wir haben zum Beispiel zwischen den Ausstellungen jeweils eine vierwöchige Pause eingeführt. Es gibt so viele zeitgenössische Ausstellungen über „Care“, die so nachlässig umgesetzt wurden. Unser Ziel ist es stattdessen, Fürsorge zu praktizieren, anstatt sie zu performen. 

Cnossen: Ja, dieser performative Aspekt von „Care“ kann problematisch sein. Das wirft die Frage auf, wie nützlich der Begriff noch ist.

Grenzen sichtbar machen

Valtwies: Wo sehen Sie die Grenzen von Care?

Deml: Grenzen sind real. Wenn wir ihnen begegnen, versuchen wir, sie sichtbar zu machen. Wenn uns zum Beispiel das Geld ausgehen sollte, könnte die Halle trotzdem geöffnet sein, aber vielleicht ohne Ausstellung. Wir wollen unsere Arbeitsbedingungen transparent machen.

Cnossen: Was mir daran gut gefällt, ist, dass ihr Grenzen kontextualisiert. Sie sollten nicht von Einzelpersonen aufgefangen werden. Aber manchmal kann der Ehrgeiz, sich zu kümmern, auch bevormundend wirken, wenn man sich um jemanden kümmert, obwohl die Person nicht darum gebeten hat.

Valtwies: Welche Rolle spielt die Community in Lüneburg dabei, Fürsorge zu stärken?

Deml: Eine sehr große. Es gibt ein wachsendes Netzwerk von kulturellen Institutionen und Organisationen in Lüneburg. Insbesondere im Hinblick auf geringere Fördergelder, sind diese Kooperationen und Austausche wichtiger denn je. Wir können ganz einfach Ressourcen teilen.

Cnossen: Ich freue mich sehr, dass wir durch die Arbeit unserer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Lana Bartusch in der Leuphana Innovation Community Kunst und Kultur diese Kooperationen beleuchten können. Sie ist Teil dieses Netzwerks und prägt es gleichzeitig mit. Deshalb kann sie die ganz spezifischen Wege herausarbeiten, wie diese Organisationen mit den gegebenen Umständen umgehen. Das betrifft den Umgang mit Prekarität, aber auch das  Bewusstsein dafür, wie sie sich unterscheiden. Manchmal geht es um Humor als Bewältigungsstrategie. Durch ihre Forschung kann sie bestimmte Prozesse oder Probleme in einen Kontext setzen.