Eine Schule zum Wohlfühlen!?

03.02.2026 „Ich kann etwas bewegen“ – Wenn es um Schulentwicklung geht, werden Schüler*innen kaum nach ihrer Meinung gefragt. Dabei zeigt die Forschung eindeutig, dass Partizipation ein wesentlicher Schlüssel ist, um Schulbildung wirkungsvoll zu optimieren. Einen wichtigen Impuls dafür setzt nun die 1. Lüneburger Bildungskonferenz an der Leuphana. Am 17. Februar debattieren rund 100 Grundschüler*innen mit Lehrkräften, Schulleitungen, Verwaltung und Forschenden über eine „Schule zum Wohlfühlen“. Die Konferenz der Hansestadt Lüneburg in Zusammenarbeit mit der Leuphana Innovation Community Schulentwicklung und Leadership will dabei alle Bildungsakteur*innen an den sprichwörtlichen Tisch bringen. Was sie sich davon erhoffen, beantworten Lüneburgs Bildungsdezernentin Gabriele Scholz und Marcus Pietsch, Professor für Bildungswissenschaft, im Interview.

©Leuphana Universität / Hansestadt Lüneburg
„Wissenschaft und Schulpraxis sind zwei Seiten derselben Medaille. Es geht darum, Praxiswissen mit empirischer Evidenz zu verknüpfen", sagt Prof. Dr. Marcus Pietsch.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Punkte, damit Schüler*innen sich in der Schule wohlfühlen?

Pietsch: Die Forschung zeigt klar, dass es dafür drei Dinge braucht: Erstens gute Beziehungen, damit sich Kinder sicher und angenommen fühlen. Zweitens Erfolgserlebnisse, also das Gefühl: 'Ich kann das'. Der dritte und entscheidende Punkt ist die Mitbestimmung. Statt über Köpfe hinweg zu entscheiden, ist es am sinnvollsten, die Schülerinnen und Schüler selbst zu fragen und sie ihre Schule aktiv mitgestalten zu lassen. Wer Einfluss hat und das Gefühl 'Ich kann etwas bewegen.', fühlt sich auch wohl.

Scholz: Da die Hansestadt Lüneburg Schulträgerin ist, erwartet man vermutlich, dass ich eine gute räumliche und sächliche Ausstattung in den Vordergrund stelle. Die ist auch wichtig. Noch wichtiger ist aber, da stimme ich Herrn Pietsch zu, dass Kinder gute Beziehungen zu den Menschen aufbauen können, denen sie im schulischen Alltag begegnen, dass sie also im positiven Sinn „gesehen“ werden und der Umgang in der Schule insgesamt angstfrei und von Respekt geprägt ist.

Welchen Beitrag kann die Bildungskonferenz für Lüneburg leisten? Was erhoffen Sie sich von der Konferenz?

Scholz: Die Bildungskonferenz möchte den Wert und die Bedeutung von Bildung im gesellschaftlichen Bewusstsein verankern. Indem wir bei dieser Konferenz die Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt stellen, möchten wir dazu beitragen, ihren Stimmen stärker als bisher Gewicht zu verschaffen. Ich hoffe, dass sie Anregungen für die weiteren konzeptionellen Überlegungen liefert – etwa für die Umsetzung des schulischen Ganztags an Grundschulen.

Pietsch: Ich erhoffe mir, dass wir auf der Konferenz wirklich auf Augenhöhe arbeiten, Erwachsene und Kinder gemeinsam. Die Schülerinnen und Schüler sind die Experten fürihren Alltag. Wenn wir sie ernsthaft einbinden, zuhören und gemeinsam Lösungen entwickeln, statt nur Vorträge zu halten, wird die Konferenz ein Erfolg.

Welche nächsten Schritte braucht es auf dem Weg zu einer Schule, an der sich alle Beteiligten wohlfühlen?

Scholz: Es braucht ein Gesamtkonzept auf Bundes- und Landes- genauso wie auf kommunaler Ebene. Das beginnt bei Gesetzgebung und Finanzierung und geht über Schulentwicklungsplanung sowie Rahmenkonzepte bis zu den pädagogischen Konzepten der jeweiligen Schulen. Alle Beteiligten aus Politik, Verwaltung, Schulen und nicht zuletzt die Eltern sind hier aufgefordert zusammenzuwirken.

Pietsch: Dem stimme ich zu. Entscheidend ist dabei vor allem die Kontinuität: Partizipation und die Arbeit am Schulklima sind keine einmaligen Projekte. Sie müssen als fortlaufender Prozess fest im Schulalltag verankert werden. Wir brauchen regelmäßige Zeitfenster und Formate, damit der Austausch beständig stattfindet und Schulentwicklung nachhaltig wirksam wird. Wichtig ist, ein "Wir-Gefühl" zu schaffen, mit dem sich alle Schülerinnen und Schüler identifizieren können.

Frau Scholz, wie kann die Stadt Lehrkräfte und Schüler*innen unterstützen, sich an der Schule wohlzufühlen?

Scholz: Dadurch, dass sie im Rahmen ihrer Zuständigkeit und ihrer finanziellen und personellen Leistungsfähigkeit dazu beiträgt, die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Das betrifft Bau- und Instandsetzungsmaßnahmen ebenso wie die Ausstattung mit Personal, die Unterstützung im Bereich der Jugendhilfe und im Bereich Soziales. Zu diesem Zweck sind die Mitarbeitenden der Stadt in einem guten Austausch mit den Schulen und ihren Akteuren, das heißt auch mit dem Stadteltern- und dem Stadtschülerrat.

Welche Rolle kann die Wissenschaft einnehmen? Inwiefern braucht es die Zusammenarbeit?

Pietsch: Wissenschaft und Schulpraxis sind zwei Seiten derselben Medaille. Es geht darum, Praxiswissen mit empirischer Evidenz zu verknüpfen. Eine weitere, wichtige Ebene bringen dabei unsere Studierenden ein: Sie haben in Seminaren Methoden erarbeitet, die auf der Konferenz ganz konkret angewendet werden. So profitieren die Schulen von frischen, methodischen Impulsen, während die angehenden Lehrkräfte direkt in der Praxis lernen. Wenn wir diese Perspektiven bündeln, wird Schulentwicklung kein Zufallsprodukt, sondern verbessert den Alltag für die Schülerinnen und Schüler fundiert und spürbar.

Die 1. Lüneburger Bildungskonferenz ist aus der Stadtkonferenz 2024 unter dem Titel „Bildung im Wandel erwachsen, zu der Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch eingeladen

hatte. Um den regelmäßigen Austausch zwischen Wissenschaft und Schulpraxis zu stärken, verständigten sich Kalisch und Pietsch darauf, eine gemeinsam eine regelmäßige Bildungskonferenz für Lüneburg aufzusetzen, die alle an Schule Beteiligten an einen Tisch bringt.

Kontakt

  • Prof. Dr. Marcus Pietsch