Ethik im Gespräch: „Menschliches Einfühlungsvermögen ist bedeutender als künstliche Intelligenz!“
Unsicherheiten im Studium und die Freiheit einer Universität
13.10.2026 „Wozu machen wir das alles?“ Unter dieser Leitfrage tauschten sich die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion ETHIK IM GESPRÄCH über die inhaltlichen Schwerpunkte aus, die eine Universität angesichts multipler Herausforderungen und Bedrohungen zusammenhalten. Im zweiten Teil dieser Abendveranstaltung der Leuphana-Eröffnungswoche diskutierten die Podiumsgäste dann mit dem Publikum und nahmen dessen Anregungen auf. Moderiert wurde das Gespräch von Prof. Dr. Thomas Kück.
©Justus Kastenschmidt
5 Jahre ETHIK IM GESPRÄCH
In seiner Begrüßung auf der Bühne im Forum des Zentralgebäudes verknüpfte Thomas Kück diese Veranstaltung mit einem kleinen Jubiläum: Seit fünf Jahren gäbe es dieses Format mit ungefähr drei Veranstaltungen in jedem Semester zu jeweils aktuellen ethischen Themen, die von Expert*innen auf dem Podium diskutiert und mit dem Publikum ins Gespräch gebracht werden. Die Idee zu dieser Reihe hatte seinerzeit der Präsident der Leuphana, Prof. Dr. Sascha Spoun, den der Moderator als ersten Gast auf dem Podium begrüßte.
„Die Idee zu diesem Ethik-Format stammt aus der Corona-Zeit“, erinnerte sich der Präsident. „Wie viel muss man schließen und wie viel soll man offenlassen, das waren damals die leitenden Fragen angesichts enormer Unsicherheiten“. Daraus entwickelte sich das neue Format mit Thomas Kück, zu dem Spoun sagte: „Sie haben zusätzlich zu Ihrer wissenschaftlichen Expertise Ihre seelsorgliche Erfahrung als Pfarrer und Ihre Leitungskompetenz als Dekan an die Leuphana mitgebracht. Das hat sich ideal gefügt.“
Opening Week und Unsicherheit
Auf die Frage nach einem Zwischenfazit der diesjährigen Opening Week reagierte Spoun mit drei Beobachtungen: Zum hätten die Tutor*innen, welche die Opening Week begleiten, neben Engagement auch Unsicherheit bei den Studierenden wahrgenommen. Zum anderen aber stehe für die Studierenden die Organisation der Woche im Fokus, und da gelte: „Wenn man nichts hört, läuft es gut“. Schließlich gehe sein Blick auf die Personen in der Verantwortung für diese Woche, die zwar in einer anstrengenden Phase seien, welche sich aber gut anfühle.
Beim Stichwort „Unsicherheit“ hakte der Moderator nach und wollte genauer wissen, was damit gemeint sei. Damit seien in erster Linie gar nicht die äußeren Beunruhigungen gemeint, die uns gegenwärtig allen begegnen. Vielmehr beginne für die Studierenden jetzt eine neue Lebensphase, die sich radikal von dem Ihnen bisher Bekannten unterscheide: „Die Pflichten sind größer als in der Schule. Ich muss selbst meinen Tag, meine Woche aber auch mein ganzes Semester organisieren.“ Dies bedeute Freiheit, aber auch Unsicherheit. Beides sei immer miteinander verbunden.
Die unbedingte Universität
Als nächste Person kam Privatdozentin Dr. Steffi Hobuß auf das Podium. Sie ist Academic Director of Liberal Education am College der Leuphana und wissenschaftliche Programmleiterin im Studium Individuale. „Wozu machen wir das alles?“, fragte Kück auch sie, und Hobuß antwortete: „Wir bilden Menschen aus, die für sich selber eintreten und ihre eigene Rolle wahrnehmen können. Die Studierenden sollen alles in Frage stellen, und das ist verunsichernd.“ Die Radikalität der Infragestellung gelte fundamental wie in der Idee der unbedingten Universität nach Jacques Derrida, natürlich innerhalb der Grenzen des Grundgesetzes und der Achtung der Menschenrechte. Hier gehe es nicht um eine Reproduktion eigener Interessen wie in Social-Media, sondern um eine Diskussion über Fächer und Meinungen hinaus, um neue Perspektiven einnehmen zu können.
Wissenschaftlicher Paradigmenwechsel durch KI
Zum Stichwort Unsicherheit machte Prof. Dr. Tobias Lenz als weiterer Gast in der Runde einen weiteren Punkt. Die zunehmende Unsicherheit bei Studierenden habe auch mit KI zu tun. „Wozu machen wir das alles, wenn der künftige Arbeitsplatz, den sich Studierende von heute vorstellen, durch KI ersetzt werden kann?“ Der Politikwissenschaftler und Projektleiter im Leuphana Center for Cooperative Security (LCCS) stellte die These auf, dass durch KI die Mathematik- und Naturwissenschaften zunehmend an Bedeutung verlieren und die Geistes- und Sozialwissenschaften zunehmen würden. Ob ihm klar sei, dass er mit dieser These eines Paradigmenwechsels unter den Wissenschaften bei den anwesenden Naturwissenschaftler*innen keinen Zuspruch finde, fragte der Moderator. Aber Lenz setzte nach und stützte seine These darauf, das KI mathematische Probleme mittlerweile teils besser lösen würde als der Mensch. Neues zu entdecken, das sei ein mathematisch-naturwissenschaftliches Forschungsziel. Im Gegensatz dazu würden Geistes- und Sozialwissenschaften primär keine neuen Entdeckungen machen, sondern die menschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen reflektieren, was die KI nicht könne. „Das zentrale Ziel ist die Selbstreflexion, und menschliches Einfühlungsvermögen ist bedeutender als künstliche Intelligenz.“
Ins Handeln kommen
Prof. Dr. Hannah-Trittin-Ulbrich konnte diesen Punkt von Tobias Lenz aufgreifen, als sie als nächste Teilnehmerin ihren Platz auf dem Podium einnahm. „KI greift massiv in den Arbeitsmarkt ein und verändert den Einstieg der heute Studierenden in das spätere Berufsleben fundamental“, wusste die BWL-Professorin und Expertin für Unternehmen in der Gesellschaft zu beschreiben. Sie erklärte, dass KI schneller denken und manche Arbeiten von Berufseinsteigern schneller lösen könne. „Genau hier setzen wir an: Was der Mensch besser kann, ist seine Gestaltungskompetenz.“
„Ist es das, was wir den Studierenden mitgeben?“, wollte Thomas Kück wissen. Genau dies sei der Punkt: „Unsicherheit mit Gestaltung begegnen und vom kritischen Reflektieren ins Handeln kommen!“ war die Antwort. Wichtig sei eine Neugierde und der Wille sich auszutauschen und neue Ideen zu entwickeln.
Offene Diskussion und studentische Perspektive
An dieser Stelle wurde die Diskussion durch die Fishbowl-Methode geöffnet. Der letzte freie Platz auf der Bühne wurde von Johannes Nissen eingenommen. Er teilte aus dem Plenum seine persönlichen Erfahrungen in seinem Lehramtsstudium mit den Fächern Mathematik und Religion. Aktuell sei er im fünften Fachsemester. Seine Opening Week liege also zwei Jahre zurück. „Zwar studiere ich im Lehramtsstudium am Ende für einen konkreten Beruf, aber dennoch sind es gerade die unterschiedlichen Meinungen und Perspektiven in den vielen Diskussionen, die das Studium ausmachen. Der Mix macht’s!“ Ob KI auch seine beruflichen Zukunftspläne in Frage stelle? Nein, antwortete Nissen, blickte in Richtung Lenz und stimmte dessen These zu: „Im Lehramt geht es eben nicht nur um Inhalte, sondern auch um Einfühlungsvermögen und Beziehungen. Und das ist menschlich und nicht künstlich.“
Freiheit!
Im weiteren Verlauf kamen aus dem Publikum Fragen nach dem Verhältnis von Forschung und Lehre sowie nach dem Wir der Leuphana Universität auf. Dazu passte auch die Nachfrage einer Studentin und AStA-Vertreterin zur politischen Positionierung der Leuphana in wichtigen Kernthemen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Hier betonte Sasha Spoun die große Bedeutung der Freiheit einer Universität. „Als Präsident nehme ich meine Verantwortung wahr, indem ich meine Kraft dafür einsetze, unserer Leuphana Universität trotz aller gegenwärtig verunsichernden Einflüsse die Freiheit zu bewahren, die sie braucht, um in Forschung und Lehre ihren Teil für unsere Gesellschaft beizutragen.“
Dieses engagierte Statement griff Thomas Kück als Moderator auf und brachte abschließend Aristoteles zur Sprache, der in seiner Nikomachischen Ethik die Freiheit so nachhaltig thematisierte, dass sie seither – explizit oder implizit – ein Grundthema jeder Ethik sei. Damit verband er werbend den Hinweis auf die nächste Veranstaltung in diesem Format am 03. Dezember um 14:15 Uhr, wenn es um Friedensethik geht, konkret um den inneren Frieden in Niedersachsen.


