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Carlo Masala bei der Startwoche 2026: Europa in der Zange

07.10.2026 Europa im Zeichen geopolitischer Umbrüche: Bei der ersten Distinguished Lecture in Security Studies des neu gegründeten Leuphana Center for Cooperative Security sprach Carlo Masala, Professor für Sicherheits- und Verteidigungspolitik an der Universität der Bundeswehr München, über die Auswirkungen der aktuellen geopolitischen Lage auf die Sicherheit Europas. Im Anschluss diskutierte er mit den Erstsemester-Studierenden. Moderiert wurde das Gespräch von Prof. Dr. Ferdinand Müller-Rommel.

Prof. Dr. Carlo Masala und Prof. Dr. Ferdinand Müller-Rommel ©Leuphana/Adrian Hirt
Prof. Dr. Carlo Masala und Prof. Dr. Ferdinand Müller-Rommel

Die Zeit reicht nicht. Überall im Libeskind Auditorium schnellen Finger in die Höhe. Die neuen Studierenden nutzen die Gelegenheit, mit einem der bekanntesten deutschen Sicherheitsexperten ins Gespräch zu kommen. Carlo Masala kann kaum alle Fragen beantworten. In seinem Vortrag beschreibt er umfassend die geopolitische Lage und ihrer Auswirkungen auf Europa. Der Kontinent gerät aus seiner Sicht „von drei Seiten in die Zange“: Russland führt Krieg gegen die Ukraine, China tritt international selbstbewusster und wirtschaftlich offensiver auf, während sich die Vereinigten Staaten zunehmend von ihrer traditionellen Rolle als Schutzmacht Europas entfernen. Masala beschreibt die Entwicklung so: „Die Vereinigten Staaten wollen Weltmacht bleiben, sie wollen aber keine kollektiven Güter mehr zur Verfügung stellen.“ Die Konsequenz für Europa: Die Verlässlichkeit der amerikanischen Schutzfunktion steht infrage.

Auch die Studierenden beschäftigen sich mit der Gefahr eines direkten Konflikts. „Für wie realistisch halten Sie es, dass die Russen tatsächlich einen offenen Krieg starten?“, fragt ein Student. Ein direkter Angriff auf die NATO sei derzeit „relativ unwahrscheinlich“, antwortet Masala. Solange der Krieg in der Ukraine einen erheblichen Teil der russischen Streitkräfte binde, sei ein offener Konflikt mit der NATO wenig wahrscheinlich. Masala verweist auf die Wissenschaft: „Letzten Endes wissen wir ja aus der Forschung, dass Kriege nur begonnen werden, wenn die Angreifer glauben, sie können eine militärische Kampagne relativ schnell gewinnen und ihre eigenen Verluste begrenzt halten.“ Bei einem direkten Angriff auf die NATO sei aus russischer Sicht jedoch unklar, ob ein solcher Konflikt gewonnen werden könne. Wahrscheinlicher seien kleinere, hybride Aktionen. Deren Ziel sei es, „die Uneinigkeit zwischen den Europäern und den Amerikanern zu verstärken“.

Masala betrachtet in seiner Vorlesung das große Bild: Welche internationale Ordnung wird sich in den kommenden Jahren durchsetzen? „Aus einer deutschen oder europäischen Perspektive geht es gar nicht um die Aufrechterhaltung einer regelbasierten Weltordnung, sondern es geht im Kern um die Aufrechterhaltung der liberalen Weltordnung“, erklärt er.

Auch wirtschaftlich befindet sich Europa in Bewegung. „Wir sehen die sogenannten Schattenseiten der Globalisierung“, sagt Masala. Die weltweite Vernetzung habe Europa Wohlstand gebracht, zugleich aber verwundbarer gemacht: „Diese extensive Verflechtung, die wir eingegangen sind und von der wir unglaublich profitiert haben, führt jetzt dazu, dass wir von kaum einer Krise, von kaum einem Konflikt, der in dieser Welt stattfindet, unberührt sind.“

Als Beispiel nennt Masala den Konflikt im Jemen. Vor wenigen Jahren seien die Huthi in der deutschen Bevölkerung noch weitgehend unbekannt gewesen. Heute sei das anders: „Heute kennt jeder die Huthi. Heute weiß jeder zumindest ungefähr, wo der Jemen ist, und die meisten haben Ahnung über die Grundzüge dieses Konfliktes.“ Grund dafür seien unter anderem die Angriffe der Huthi auf die Containerschifffahrt im Roten Meer. Die Schiffe müssten dadurch längere Umwege fahren, was die Transportkosten erhöhe und sich letztlich auch auf europäische Unternehmen und Verbraucher*innen auswirke.

Besonders problematisch wird es laut Masala, wenn wirtschaftliche Abhängigkeiten zu politischen Druckmitteln werden. Als Beispiel nennt er China und die Produktion von Schießbaumwolle. Europa wollte zu Beginn des Ukraine-Kriegs schnell mehr Artilleriemunition produzieren, war dabei jedoch auf bestimmte Vorprodukte angewiesen. „Es gibt nur ein Land, das Schießbaumwolle hat und exportiert. Und das ist China“, sagt Masala. „Die haben einfach für drei Monate keine Schießbaumwolle geliefert.“

Gleichzeitig lasse sich die Globalisierung nicht einfach zurückdrehen, antwortete er auf die Frage einer Studierenden. Europa müsse vielmehr Wege finden, Redundanzen aufzubauen, um Abhängigkeiten zu verringern, und wichtige Lieferketten abzusichern.

Um sich aus der sprichwörtlichen Zange zu befreien, fehle Europa jedoch eine gemeinsame Antwort. Die Idee einer internationalen „Koalition der Mittelmächte“, wie sie unter anderem vom kanadischen Premierminister Mark Carney vertreten wird, sieht Masala kritisch. Staaten wie Deutschland, Italien, Kanada und Singapur sollen sich dabei enger zusammenschließen, um gegenüber den großen Machtzentren USA und China mehr Gewicht zu entwickeln. Doch Masala warnt: „Je mehr Staaten Sie als Teil einer solchen Koalition der Mittelmächte haben, desto schwieriger wird es, da überhaupt Politik zu formulieren.“

Schon heute unterschieden sich die europäischen Staaten hinsichtlich ihrer Bedrohungswahrnehmung, ihrer historischen Erfahrungen, ihrer finanziellen Möglichkeiten und des gesellschaftlichen Rückhalts für militärische Maßnahmen. Besonders Deutschland stehe dabei vor einem schwierigen Wandel. „Wir sehen uns einer Herausforderung des 21. Jahrhunderts ausgesetzt, bei der man durchaus sagen kann, dass wir tektonische Verschiebungen in den Parametern haben, unter denen Europa seine Außenpolitik in den letzten 30 Jahren formuliert und exekutiert hat.“