Prof. Dr. Marcus Pietsch: „Wir brauchen einen Global Democratic Intelligence Index“
09.10.2026 Desinformation und Deepfakes fordern unseren demokratischen Alltag heraus. Was braucht eine Gesellschaft, um sich gegen Populismus und autokratische Tendenzen zu schützen? Zu dieser Frage laden „NDR direkt“ und die Leuphana im Rahmen der Hamburger Woche der Pressefreiheit am 12. Oktober zu einer Live-Talkrunde auf den Campus. Mit dabei: Leuphana-Bildungsforscher Prof. Dr. Marcus Pietsch. Im Interview erzählt er, wie Demokratiebildung an Schulen gelingen kann und warum er die „demokratische Intelligenz“ von Gesellschaften erforschen will.
©Leuphana/Markus Tiemann
Kann eine Gesellschaft Demokratie verlernen?
Demokratie muss man immer leben. Das große Problem bei Demokratien ist ja: Sie können sich selbst abschaffen. Dazu gehört auch, dass demokratische Strukturen zwar formal bestehen bleiben, aber innerlich ausgehöhlt werden können. Deshalb muss man demokratisches Handeln von Anfang an und stetig üben. Voraussetzung dafür ist eine demokratisch intelligente Gesellschaft. Gemeinsam mit meinem Kollegen Prof. Dr. Chris Brown von der University of Southampton (UK) arbeite ich an einem „Global Democratic Intelligence Index“ (GDII). Er misst nicht nur, ob demokratische Institutionen auf dem Papier existieren, sondern auch die tatsächliche Fähigkeit einer Gesellschaft, gemeinsam, vernunftbasiert und zukunftsorientiert Probleme zu lösen.
Wie stellen Sie sich einen solchen Index vor?
Wir wollen messbar machen, wie gut eine Gesellschaft ihre Bürger*innen befähigt demokratisch zu handeln. Als Bildungswissenschaftler interessiert uns dabei insbesondere, wie Schulen Kinder und Jugendliche darin unterstützen können, die Verlässlichkeit von Informationen und Quellen zu prüfen, unterschiedliche Positionen konstruktiv zu diskutieren und die Konsequenzen eigener Entscheidungen einzuschätzen.
Was könnten dafür wichtige Indikatoren sein?
Auf der individuellen Ebene geht es um Fragen wie: Woher beziehe ich Informationen und wie überprüfe ich sie? Schaffe ich es, bei Entscheidungen langfristig an die Zukunft zu denken statt nur an kurzfristige Vorteile? Auf der gesellschaftlichen Ebene schauen wir, wie transparent und gerecht der Zugang zu verlässlichem Wissen ist, ob Strukturen für einen echten, konstruktiven Dialog zwischen unterschiedlichen Meinungen vorhanden sind und, ob es Mechanismen gibt, durch die auch Politik aus neuen Erkenntnissen lernt und sich gegebenenfalls anpasst.
Als wie demokratisch intelligent schätzen Sie Deutschland ein?
Deutschland ist ein relativ resilientes System, wobei es insgesamt einen globalen Trend zur Gefährdung von Demokratien gibt. Was mir in Deutschland tatsächlich Sorgen macht, ist unsere mangelnde Zukunftsorientierung. Gerade im Schulsystem beschränken wir uns zu oft auf die Verwaltung des Status quo oder auf bloßes Reagieren, statt notwendige Transformationen vorausschauend anzugehen. Da fehlt häufig schlicht auch der Mut. Das ist eine echte Schwäche in Deutschland – und sie betrifft am Ende auch ganz direkt unsere Demokratie.
Sie sind schon jetzt mit zwei Projekten sehr nah an Schulen dran: Mit der Innovation Community für Schulentwicklung und Leadership sowie dem Wissenschaftsraum Future Trends in Education (FutureEd). Was kann eine einzelne Schule tun, um Demokratiebildung zu verbessern?
Das Problem an Schule ist natürlich, dass sie im Kern gar nicht so demokratisch ist. Schüler*innen bestimmen weder über den Lehrplan noch über den Inhalt der nächsten Klassenarbeit und auch selten über die Lehrpersonen, die sie unterrichten. Das machen Menschen, die sie nicht gewählt haben. Jedoch lässt sich gemeinsam reflektieren, warum Schule so organisiert ist.
Mit Blick auf die genannten Projekte – wir sind bei FutureEd noch mitten in der Erhebungsphase – wissen wir: Gelebte Demokratie ist ein wichtiger Punkt, vorbildliches Handeln auch. Wenn Schulleitungen beispielsweise Entscheidungen partizipativ treffen, überträgt sich das aufs Kollegium und auf die Klassen. Auch die kritische Diskussion darüber, was jedes Kind, jede*r Jugendliche*r aus ihrem*seinem Elternhaus an unterschiedlichen Mitbestimmungserfahrungen mitbringt, trägt zu einem breiteren Demokratieverständnis bei. Schulen bieten für solches Demokratielernen einen geschützten Raum.
Inwiefern spielen Desinformation, Deepfakes und Hasskommentare auch in Ihrem wissenschaftlichen Alltag eine Rolle?
Bei mir tatsächlich wenig, international dagegen spielen diese Themen eine zunehmend große Rolle. Viele Kolleg*innen aus den USA z. B. bekommen keine Fördermittel mehr, weil sie an etwas forschen, was politisch nicht genehm ist. Das passiert, wenn – durch Fake News unterfüttert – wissenschaftliche Erkenntnisse wie zum Klimawandel oder zum schleichenden Abbau von Demokratie nicht mehr ernst genommen werden. Der Trend geht weg von der Evidenz, hin zur populistischen Erzählung. Offiziell gilt die Wissenschaftsfreiheit zwar weiterhin, aber ohne die nötigen Mittel kann man sie irgendwann nicht mehr ausüben. Und genau so verliert eine Gesellschaft Schritt für Schritt ihre demokratische Handlungsfähigkeit.
Vielen Dank für das Gespräch!