„Entrepreneurship-Forschung lebt vom Austausch“
Interview mit Prof. Dr. Markus Reihlen zur ESU Conference 2026 an der Leuphana
07.09.2026 Erfahrungen austauschen, internationale Netzwerke knüpfen und insbesondere junge Wissenschaftler:innen stärken: Vom 7. bis 11. September 2026 kommen Forschende aus ganz Europa zur Konferenz des European University Network on Entrepreneurship (ESU) an der Leuphana Universität Lüneburg zusammen.
©Leuphana
Nach neun Jahren ist die ESU Conference mit ihrem Doctoral Program erneut in Lüneburg zu Gast. Das Netzwerk hat sich zum Ziel gesetzt, die europäische Forschung im Bereich Entrepreneurship zu stärken und Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Karrierestufen miteinander ins Gespräch zu bringen. Dabei verbindet ESU wissenschaftlichen Austausch traditionell mit Einblicken in die Kultur und die wirtschaftliche Entwicklung der jeweiligen Gastgeberregion.
Wir haben mit Prof. Dr. Markus Reihlen, Vizepräsident u.a. für Entrepreneurship und Professor für Strategisches Management und Entrepreneurship der Leuphana Universität Lüneburg über die Bedeutung der Konferenz, Lüneburgs unternehmerische Geschichte und den Transfer von Forschung in die Gesellschaft gesprochen.
Lieber Herr Reihlen, welche Bedeutung hat es für die Leuphana und Ihre Fakultät Management & Technologie, dass die ESU-Konferenz in diesem Jahr in Lüneburg stattfindet?
Die ESU ist ein besonderes Netzwerk, weil sie etablierte Wissenschaftler:innen, Nachwuchsforschende und Promovierende aus verschiedenen europäischen Ländern zusammenbringt. Dass wir die Konferenz nach neun Jahren wieder an der Leuphana ausrichten, ist für uns daher eine große Freude und zugleich eine Chance, die internationale Sichtbarkeit unserer Entrepreneurship-Forschung weiter zu stärken.
Entrepreneurship-Forschung lebt vom Austausch: Neue wissenschaftliche Ideen entstehen häufig dort, wo unterschiedliche Perspektiven, theoretische Ansätze und empirische Erfahrungen aufeinandertreffen. Genau diesen Raum schafft die ESU-Konferenz. Besonders wichtig ist mir dabei die Förderung junger Wissenschaftler:innen. Sie können ihre Projekte in einem internationalen Umfeld diskutieren, Feedback bekommen und Kontakte aufbauen, die sie oft über viele Jahre ihrer wissenschaftlichen Laufbahn begleiten.
Gleichzeitig können wir zeigen, wie wir Entrepreneurship an der Leuphana verstehen: nicht nur als Forschung über Unternehmensgründungen, sondern als wichtigen Baustein für Innovation, gesellschaftliche Transformation und regionale Entwicklung.
Die ESU legt traditionell auch einen Fokus auf die Kultur und Geschichte des jeweiligen Gastgeberlandes beziehungsweise der Region. Welcher Aspekt aus Lüneburg wird auf der Konferenz eine Rolle spielen?
Wir werden den Teilnehmer:innen unter anderem im Rahmen einer Stadtführung die Geschichte Lüneburgs näherbringen. Das ist für eine Entrepreneurship-Konferenz durchaus relevant, denn Lüneburgs Entwicklung ist eng mit wirtschaftlichem und unternehmerischem Handeln verbunden.
Als Hansestadt verdankte Lüneburg ihren Wohlstand über Jahrhunderte vor allem dem Salz. Salz war damals ein äußerst wertvolles Handelsgut und prägte die wirtschaftliche Entwicklung und das Stadtbild entscheidend. Heute besitzt Salz natürlich nicht mehr dieselbe wirtschaftliche Bedeutung. Das macht Lüneburg zugleich zu einem interessanten Beispiel dafür, dass sich Städte und Regionen wirtschaftlich immer wieder neu erfinden müssen.
Heute geht es darum, neue wirtschaftliche Dynamiken und insbesondere wissensintensive Innovationen zu fördern – sowohl in der Region Lüneburg als auch in der Metropolregion Hamburg. Hochschulen spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Leuphana versteht sich als Impulsgeberin und Partnerin eines regionalen Innovationsökosystems, in dem neue Ideen entstehen, wissenschaftliches Wissen in die Praxis gelangt und daraus neue unternehmerische und gesellschaftliche Lösungen entwickelt werden können.
Auf welchen Programmpunkt freuen Sie sich besonders?
Eigentlich möchte ich keinen einzelnen Programmpunkt herausgreifen. Eine gute Konferenz lebt gerade davon, dass unterschiedliche Menschen und Themen zusammenkommen und sich daraus Gespräche ergeben, die man vorher nicht planen kann.
Natürlich freue ich mich sehr auf unsere internationalen Keynote Speaker Sarah Jack, George Romme und Angelo Riviezzo sowie auf die Beiträge meiner Leuphana-Kolleg:innen Steffen Farny und Stefanie Habersang. Mindestens genauso gespannt bin ich aber auf die vielen Ideen der Promovierenden, die ihre Forschungsprojekte vorstellen und diskutieren werden. Der Austausch mit jungen Wissenschaftler:innen ist ein zentraler Bestandteil von ESU.
In diesem Jahr gehen wir außerdem einen Schritt weiter und beschäftigen uns nicht nur wissenschaftlich mit Entrepreneurship, sondern machen das Gründen aus der Wissenschaft ganz konkret erlebbar. Im Format „AI in Entrepreneurship: From Idea to Venture with AI Tools“ zeigen Maria Kirschstein und Christian Borck, wie KI-Werkzeuge von der Entwicklung einer Idee bis hin zu einem möglichen Venture eingesetzt werden können. Damit greifen wir ein hochaktuelles Thema auf und verbinden wissenschaftliche Reflexion mit unternehmerischer Praxis.
Wann wäre die Konferenz für Sie ein Erfolg? Was wünschen Sie sich, dass die Teilnehmer:innen aus Lüneburg mitnehmen?
Erfolgreich war die Konferenz für mich, wenn die Teilnehmer:innen mit neuen Inspirationen für ihre eigene Forschung nach Hause fuhren. Vielleicht haben sie eine neue theoretische Perspektive kennengelernt, einen hilfreichen Hinweis für ihr Forschungsprojekt erhalten oder eine Idee entwickelt, die sie anschließend weiterverfolgen.
Mindestens ebenso wichtig sind die persönlichen Kontakte. Wissenschaft funktioniert über Netzwerke und den offenen Austausch von Ideen. Deshalb hoffe ich, dass in diesen Tagen neue Verbindungen entstehen, aus denen vielleicht gemeinsame Forschungsprojekte, Publikationen oder langfristige Kooperationen hervorgehen.
Und natürlich würde ich mich freuen, wenn die Teilnehmer:innen die Leuphana als spannenden internationalen Standort für Entrepreneurship und Innovation kennenlernen – und Lüneburg als eine Stadt in Erinnerung behalten, in die sie gerne zurückkehren.
Und zu guter Letzt: Wie kann ein solcher wissenschaftlicher Austausch über die Universität hinaus in die Gesellschaft hineinwirken?
Das ist eine Frage, an der wir an der Leuphana sehr intensiv arbeiten. Wissenschaftliche Erkenntnisse entfalten ihre Wirkung nicht automatisch, nur weil sie publiziert werden. Wir brauchen Strukturen, in denen Wissenschaft und Gesellschaft kontinuierlich miteinander in Austausch treten und gemeinsam an konkreten Herausforderungen arbeiten können.
Ein wichtiges Instrument dafür sind unsere Leuphana Innovation Communities. Mit der Social Innovation Community haben wir beispielsweise ein Netzwerk aufgebaut, das Akteur:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft in Lüneburg und der Region zusammenbringt. Dort geht es nicht nur darum, Wissen aus der Universität in die Gesellschaft zu übertragen. Genauso wichtig ist der umgekehrte Weg: Fragestellungen, Erfahrungen und Herausforderungen aus der Praxis fließen in wissenschaftliche Prozesse ein.
Gerade im Bereich Entrepreneurship und Social Innovation ist diese Zusammenarbeit entscheidend. Viele der großen gesellschaftlichen Herausforderungen lassen sich weder allein durch Wissenschaft noch allein durch Wirtschaft, Politik oder Zivilgesellschaft lösen. Wenn Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Kompetenzen zusammenkommen, können neue Ideen entstehen, die anschließend gemeinsam erprobt und weiterentwickelt werden. Für mich ist das einer der wichtigsten Wege, auf denen Universität und Gesellschaft gemeinsam die Zukunft gestalten können.