Ökologische Neuartigkeit: Wie können wir damit umgehen?
18.08.2026 Interview mit Honorarprofessorin Dr. Tina Heger
Dr.in Tina Heger ist seit 2025 Honorarprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg und und außerplanmäßige Professorin an der School of Life Sciences der Technischen Universität München. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen biologische Invasionen, ökologische Neuartigkeit, Theorie und Methoden der Ökologie sowie Biodiversitätsschutz und zukünftige Naturverhältnisse.
©Tina Heger
Du hast gerade zwei Studien in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlicht, davon eines als Erstautorin. Kannst du kurz umreißen, wobei es in der Studie geht und welches die wichtigsten Ergebnisse sind?
Ja, beide Veröffentlichungen entstanden auf meine Initiative hin – und sie greifen zwei zentrale Aspekte des globalen Wandels auf.
Das erste Paper, das ich als Erstautorin verfasst habe, ist eine Studie, die sich mit dem Konzept der „ökologischen Neuartigkeit“ beschäftigt, und zwar im Zusammenhang mit Klimawandel. Die zentrale Erkenntnis: Der Klimawandel verändert Ökosysteme so stark, dass sich Bedingungen ergeben können, die für Organismen außerhalb ihres „Erfahrungsschatzes“ liegen – also völlig neuartig sind. Diese Neuartigkeit entsteht nicht nur durch den Klimawandel selbst, sondern auch durch menschliche Anpassungsmaßnahmen: Zum Beispiel entstehen unter Solarparks oder an den Sockeln von Offshore-Windparks völlig neue Lebensräume. Und auch bei sogenannten „nature-based solutions“ wird oft absichtlich ökologische Neuartigkeit geschaffen.
Die Studie zeigt: Wir müssen lernen, mit dieser Neuartigkeit differenziert umzugehen – nicht immer muss man sie bekämpfen. Man kann sie auch tolerieren oder sogar fördern, je nach Kontext und Zielsetzung.
Der Kommentar, den ich gemeinsam mit Kolleg*innen aus Politikwissenschaft und Humangeographie verfasst habe, geht einen Schritt weiter: Wir zeigen, dass der Klimawandel nicht nur ökologische und ökonomische, sondern auch tiefgreifend emotionale Auswirkungen hat. Ich denke an die Hitzewellen, die Dürre – ich sehe selbst, wie der Wald um mich herum vertrocknet. Das ist nicht nur ein ökologisches Problem, sondern auch eine emotionale Erfahrung. Und noch dramatischer: Wenn Wälder abbrennen, verlieren Menschen ein Stück Heimat. Doch hier liegt die Gefahr: Diese emotionale Reaktion kann zu einer Überreaktion führen. Es entsteht der Wunsch, alles mit technologischen Lösungen zurückzudrängen – als ob man den Wandel einfach „ausschalten“ könnte. Aber: Manche Veränderungen sind nicht mehr aufzuhalten. Und technologische Lösungen sind oft selbst problembehaftet – sie bringen neue Risiken mit sich.
Unser Argument: Statt an einem statischen, idealisierten Bild von „natürlicher Natur“ festzuhalten, müssen wir neue Umgangsformen mit dem Wandel entwickeln. Wir sollten lernen, den Wandel wahrzunehmen – und dort, wo er nicht verhindert werden kann, ihn möglichst positiv zu begleiten.
Wie könnte eine solche positive Begleitung des Wandels aussehen?
Genau das ist wichtig: Toleranz bedeutet nicht Passivität. Die emotionale Erfahrung von Veränderung kann durchaus Handlung auslösen – wie die aktuellen Klimademos zeigen. Diese Empörung und Sorge sind notwendig, um strukturelle Veränderungen zu forcieren. Aber: Es gibt Veränderungen, die wir nicht mehr aufhalten können – etwa die Verschiebung von Artenverbreitungen, die Veränderung von Ökosystemen in städtischen Räumen oder die Entstehung neuer Lebensräume unter Solarfeldern. Hier geht es nicht darum, den Wandel zu bekämpfen, sondern aktiv und verantwortungsvoll mit ihm umzugehen.
Der goldene Mittelweg liegt zwischen Kontrolle und Aufgeben: Wir müssen uns verantwortungsvoll „kümmern“ – nicht nur um uns selbst, sondern auch um die nicht-menschlichen Lebensformen, die von diesen Veränderungen betroffen sind. Wir müssen den Wandel nicht nur ertragen, sondern mitgestalten– so positiv wie möglich.
Mit welchen Forschungsthemen insgesamt beschäftigst du dich und wie war dein Weg dahin?
Ich verstehe mich als interdisziplinäre Ökologin. In meiner Forschung beschäftige ich mich mit den ökologischen und sozialen Auswirkungen von globalem Wandel und mit aktuellen und möglichen zukünftigen Mensch-Natur-Beziehungen. Zum Beispiel ist ein anderer Artikel gerade ebenfalls frisch erschienen, in dem ich zusammen mit einem Designer und Philosophen in der Zeitschrift People and Nature die positive Vision eines Zeitalters des „Symbiozän“ vorstelle, in dem planetares Denken und regenerative Mensch-Natur-Beziehungen vorherrschen. Ein weiteres Forschungsthema ist die Frage, wie man existierendes Wissen besser zusammenfassen und für das Umweltmanagement verfügbar machen kann.
Du beschäftigst dich viel mit dem Thema „ecological novelty“, kannst du dies kurz erläutern?
Das Konzept der ‚ecological novelty‘, auf deutsch Ökologische Neuartigkeit, beschreibt Bedingungen, die sich deutlich unterscheiden von den bisher vorherrschenden Umweltbedingungen. Aus Sicht der Insekten in einem Gebiet kann beispielsweise das Auftreten einer bisher nicht da gewesenen Pflanze Neuartigkeit mit sich bringen: diese ‚gebietsfremde‘ Pflanze hat eventuell andere Inhaltsstoffe als alle Pflanzen, denen die Insekten bisher begegnet sind. Ein Ökosystem ist dann neuartig, d.h. ein ‚novel ecosystem‘, wenn die Kombination aus Standortbedingungen und Arten historisch gesehen bisher noch nicht zu beobachten war, zum Beispiel: Stadtbrachen auf stark veränderten Böden und mit einer wilden Mischung aus heimischen und gebietsfremden Arten.
Du bist als Honorarprofessorin 2025 an der Leuphana gestartet. Wie sieht da die Kooperation aus und wie bettest du deine Forschung in den Gesamtkontext an der Leuphana Fakultät Nachhaltigkeit ein?
Ich biete im kommenden Wintersemester wieder ein Seminar an zum Thema invasive Arten und neuartige Ökosysteme. Bisher arbeite ich im Rahmen meiner Forschungsinitiative EcoWeaver, bei der es um das Verfügbarmachen von Wissen für Renaturierung geht, v.a. mit Vicky Temperton und ihrer Gruppe zusammen. Ich sehe aber zahlreiche weitere Anknüpfungspunkte zur Fakultät Nachhaltigkeit, und würde mich freuen, wenn sich in Zukunft weitere Forschungskooperationen entwickeln würden.