Von St. Louis nach Lüneburg: Soziale Arbeit aus neuer Perspektive
05.10.2026 Es muss nicht immer ein Auslandssemester sein, um das eigene Studienfach aus internationaler Perspektive zu erleben. Im letzten Sommersemester 2026 hat das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Zusammenarbeit mit der School of Social Work der University of Missouri, St. Louis (UMSL) ein neues Austauschformat ins Leben gerufen: Ein gemeinsames Format, in dem Studierende beider Länder sich im Zuge zweier gemeinsamer Seminare mit Prozessen der Grenzziehung und (Flucht-)Migration und deren Auswirkungen auf Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit beschäftigten. Sieben Studierende aus Missouri waren dafür im Juni zu Gast an der Leuphana. Im November geht es für zehn Leuphana-Studierende in die USA.
©Leuphana / Imke Bredehöft
Am Ende steht die Erkenntnis, was die sozialpädagogische Praxis in beiden Ländern verbindet: „Immer sollte der Mensch im Mittelpunkt stehen und nicht sein Status – egal ob in den USA oder in Deutschland“, sagt UMSL-Bachelorstudierende Christina am letzten Tag ihres Aufenthaltes. Die Unterschiede, die ihr dennoch deutlich wurden „lassen sich vor allen in den äußeren Systemen und politischen und institutionellen Begrifflichkeiten finden, die diese Praxis beeinflussen.“ 14 Tage waren sie und ihre Mitstudierenden aus St. Louis in Lüneburg. Neben Ausflügen zum Rauhen Haus in Hamburg, der Asylverfahrensberatung und dem Jugendmigrationsdienst in Lüneburg ging es bei den gemeinsamen Lehrveranstaltungen um unbegleitete Minderjährige, um Praktiken migrationsbezogener Sozialer Arbeit sowie um Prozesse und Dimensionen von Grenzziehungen. Themen also, die sowohl in den USA als auch in Deutschland zukünftige Sozialarbeiter:innen bewegen. Neben Dr. Laura Wenzel und Prof. Dr. Maren Zeller hat von Leuphana-Seite Prof. Dr. Philipp Sandermann das Programm mitgestaltet. Er erklärt, warum er mit seinem Kollegen Prof. Dr. Florian Sichling aus Missouri das Programm initiiert hat: „Nach den USA und Kanada ist Deutschland unter den westlichen Industrienationen das drittgrößte Einwanderungsland – allein dadurch haben wir viele Überschneidungen in der Profession der Sozialen Arbeit. Studierende und Forschende können da viel voneinander lernen“. Doch es geht beiden nicht allein um den fachlichen Austausch: „Internationale Erfahrungen bieten immer auch neue Perspektiven auf das Eigene. Etwas, das für die spätere Arbeit extrem wertvoll sein kann“, so Sandermann.
©Leuphana / Imke Bredehöft
Dieser Perspektivwechsel hat auch bei den amerikanischen Studierenden Eindruck hinterlassen. Für sie bedeutete der Aufenthalt in Lüneburg ebenfalls, mit Ungewohntem konfrontiert zu sein: Seien es Sprachbarrieren, Orientierungsschwierigkeiten oder auch rassistische Erfahrungen in einer weniger divers geprägten Bevölkerung als in St. Louis. „Mir sind Grenzen und Abgrenzungen jetzt bewusster – natürlich die physischen, aber auch die unsichtbaren, die wir zwischen uns und anderen errichten. Es ist wichtig, diese Grenzen zu kennen und über sie nachzudenken, denn nur so kann man auch dazu beitragen, sie abzubauen“, so John, Studierender der UMSL im Social Work Master’s Program.
Nicht nur für die Gäste aus den USA war das Programm eine prägende Erfahrung. „Persönlich hat mich überrascht, dass ich aufgrund der Sprachbarriere in unseren gemeinsamen Lehrveranstaltungen zurückhaltender war als normalerweise“, sagt Josefine, Bachelorstudierende der Sozialpädagogik, und ergänzt: „Dieses Bewusstsein für innere und äußere Grenzen, das wir aus dem Seminar mitnehmen, lässt sich in verschiedene Felder der Sozialen Arbeit oder der Sozialarbeitsforschung mitnehmen“. Akeeva, Studierende der UMSL, die bereits in ihrer Heimat in einer Obdachlosenunterkunft arbeitet, nimmt vor allem aus dem Ausflug zum Rauhen Haus vieles für die eigene Arbeit mit: „Mich hat beeindruckt, wie unterschiedlichste Services an nur einem Ort gebündelt sind. In den USA läuft die Soziale Arbeit sehr viel fragmentierter ab. Diesen leichteren Zugang zu miteinander verbundenen Bereichen wie Wohnen, Bildung oder Arbeit, würde ich gerne als Impuls mit nach St. Louis nehmen.“ Dorthin also, wo im November Leuphana-Studierende für zwei Wochen zu Gast sein werden. Neben Ausflügen wird auch hier der fachliche Austausch im Zentrum stehen. Prof. Florian Sichling von der UMSL: „Soziale Arbeit war früher stark international vernetzt. Konzepte und Ideen aus einem Land haben Wissenschaften und Institutionen in anderen Ländern inspiriert. Und auch heute gibt es vieles, was wir voneinander lernen können. Ich freue mich, wenn wir das unseren Studierenden mitgeben können.“ Und: Die Dozierenden sind sich sicher, dass sie dieses Format nicht zum letzten Mal angeboten haben.