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Neu an der Leuphana: Prof. Dr. Christine Sälzer – „Daten allein ändern nichts“

21.10.2026 Wie werden wissenschaftliche Erkenntnisse für die Schule anwendbar? Die renommierte Bildungsforscherin leitet den Bereich Educational Monitoring am neu gegründeten Zentrum für empirische Bildungsforschung (ZEB). Zuvor war sie sieben Jahre lang nationale Projektleiterin der PISA-Studie und prägte an der Universität Stuttgart als Professorin für Erziehungswissenschaft die Lehrkräftebildung. Im ZEB möchte sie Wissenschaft und Bildungspraxis stärker zusammenbringen – mit Monitoring und Beziehungsarbeit.

Christine Sälzer ©Leuphana/Tengo Tabatadze
"Mit dem ZEB sehe ich eine große Chance, Menschen tatsächlich zu erreichen und gemeinsam an einer Verbesserung des Bildungswesens zu arbeiten", sagt Prof. Dr. Christine Sälzer.

Frau Professorin Sälzer, Sie haben eine etablierte Position aufgegeben, um das Zentrum für empirische Bildungsforschung an der Leuphana mitaufzubauen. Warum sind sie diesen Schritt gegangen?
 

Ich habe mich in meiner beruflichen Laufbahn nicht zum ersten Mal gefragt, wie ich mit meiner Forschung zur Lösung konkreter gesellschaftlicher Fragen beitragen kann. Die PISA-Studie war eine spannende Aufgabe, die ich mein Leben lang hätte ausüben können und wollen. Aber Daten allein ändern nichts. Also habe ich mich später für eine Professur in der Lehrerkräftebildung entschieden. Meine Idee: Angehende Lehrer*innen zu begeistern, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Schulpraxis zu tragen und damit Veränderungen anzustoßen.
 

Das klingt nach einem sinnvollen Plan. Warum änderten Sie ihn?


Was ich unterschätzt hatte: Diese begeisterten jungen Lehrkräfte treffen in der Praxis möglicherweise nicht auf ein Umfeld, das sich von der Begeisterung anstecken lässt. Dann erstickt diese Flamme wieder. Mit dem ZEB setzten wir den Hebel stärker bei der Politik an und schaffen Raum für gemeinsame Initiativen mit Bildungsforschung, Praxis und Administration. Dieser Schritt ist jetzt genau richtig, wenn wir echte Veränderungen anstoßen wollen.


Warum ermöglicht das ZEB bessere Forschung?


Das Besondere am ZEB ist für mich, dass hier eigens mehrere Professuren geschaffen werden, die sich nicht allein nur mit empirischer Bildungsforschung beschäftigen. Wir wollen uns mit Politik und Praxis austauschen, damit Forschung in den Schulen wirksam wird und umgekehrt auch von diesen inspiriert wird. Das lässt sich nicht nebenbei leisten. Meine Professur verbindet die strategische Weiterentwicklung des Zentrums mit meiner eigenen Forschung zum Bildungsmonitoring und zum Schulabsentismus. 


Sie sagen, dass Datenerhebungen durchs ZEB einfacher werden. Wie gelingt das?


Wir haben in der Bildungsforschung deutschlandweit ein großes Problem mit dem sogenannten Feldzugang: Schulen sind nicht verpflichtet, Forschung zuzulassen. Viele sagen verständlicherweise: In unserem Alltag mit vielen Herausforderungen wie dem Lehrkräftemangel haben wir schon genug zu tun. Warum noch Forscher*innen in die Schulen holen? Selbst ambitionierte Forschungsprojekte scheitern daran. Nur wenige Studien wie etwa PISA sind verpflichtend. Wir brauchen aber auch die „kleineren“ Untersuchungen. Zum ZEB gehört auch der Landesbeirat, in dem unter anderem Ministerien und das Niedersächsische Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung vertreten sind. Für uns Forscher*innen öffnen sich damit mehr Schultüren. Ohne Daten keine Evidenz. Umgekehrt können wir den Schulen fundierte Aussagen zu realen Problemen zurückgeben. 


Es ist also ein Geben und Nehmen?


Richtig, wir möchten keine Forscher*innen sein, die von oben herab etwas implementieren. Das ZEB soll eine Anlaufstelle für wissenschaftliche Informationen und Erklärungen sein. Möchte jemand beispielsweise wissen, ob bestimmte nationale PISA-Ergebnisse auch für Niedersachsen gelten, dann sollte klar sein: Er kann sich an Frau Sälzer wenden. 


Wie möchten sie später Wissenschaft und Praxis verknüpfen?


Mit dem ZEB sehe ich eine große Chance, Menschen tatsächlich zu erreichen und gemeinsam an einer Verbesserung des Bildungswesens zu arbeiten. Ich möchte Verbindungen schaffen, die bisherige Grenzen überwinden: Lehrkräfte, Bildungsadministration, Forschung, Eltern und auch Schüler*innen. Echter Wandel kann nur entstehen, wenn alle an einem Strang ziehen. Dafür müssen aber auch alle Stimmen gehört werden. Oft kommt die wissenschaftliche Evidenz in den Schulen gar nicht an, da Lehrkräfte oftmals eine Diskrepanz zwischen Forschung und erlebter Praxis sehen. Mit dem ZEB könnte das anders werden.


Sie forschen seit vielen Jahren zu Schulabsentismus. Wie unterstützt das ZEB ihre eigenen Untersuchungen?


Oft wird das Fehlen eines Schulkindes pauschal mit dem Vermerk „krank“ im Klassenbuch eingetragen. Die Probleme können aber vielfältiger sein: von schlechter Verkehrsanbindung über Mobbing bis zur Vernachlässigung im Elternhaus. Wir haben ein spürbares Problem unbekannter Größe. Kollegien gehen nicht einheitlich damit um. Schulämter kennen die Zahlen nicht. Die Bildungspolitik weiß nicht, welche Ressourcen eigentlich benötigt werden. Es gibt nur wenig aussagekräftige Daten. Gleichzeitig befassen sich viele Professionen mit Schulabsentismus: Schulsozialarbeit, Psychologie, Lehrkräfte, Jugendämter und wir Forschenden. Am ZEB können wir gemeinsam überlegen: Wie kann die Forschung zur Lösung dieses konkreten gesellschaftlichen Problems beitragen? Das ist für mich die große Chance des ZEB: Forschung bleibt nicht bei der Diagnose stehen. Wir übernehmen gemeinsam Verantwortung, damit sich im Bildungssystem tatsächlich etwas verändert.


Vielen Dank für das Gespräch!
 

Christine Sälzer studierte Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie an den Universitäten Braunschweig, Bern und Fribourg (Schweiz), wo sie 2010 zum Thema Schulabsentismus promovierte. Von 2008 bis 2009 war sie als Stipendiatin des Schweizerischen Nationalfonds Visiting Scholar an der Stanford School of Education. 2016 habilitierte sie an der TU München zu Schulleistungsstudien. Von 2010 bis 2017 war Christine Sälzer nationale Projektleiterin der PISA-Studie in Deutschland. Im Wintersemester 2017/2018 vertrat sie eine Professur für nationale und internationale Bildungsvergleichsstudien an der Universität Heidelberg. 2018 wurde sie als Professorin für Erziehungswissenschaft an die Universität Stuttgart berufen. Seit September 2026 ist sie Professorin für Educational Monitoring an der Leuphana.