Neu an der Leuphana: Prof. Dr. Marina Martinez Mateo – Fußnoten der Ambivalenz
28.09.2026 Die neue Professorin für Philosophie der Gegenwart forscht und lehrt unter anderem zu Fragen der Identität und des Universalismus, zu Erinnerungspolitik und rechter Gewalt und zum Verhältnis von Aufklärung und dem „Rasse“-Begriff. Damit verändert sie auch den Blick auf einen der einflussreichsten Philosophen Europas.
©Leuphana/Tengo Tabatadze
„Man kann in Ansehung der Hautfarbe vier Klassenunterschiede der Menschen annehmen.“ Adolf Hitler? Oder ein heutiger Rechtsextremist?
Weder noch. Das Zitat stammt von Immanuel Kant.
War er also ein Rassist?
Kant als Rassisten zu bezeichnen ist für viele eine große Provokation. Er gilt als einer der großen Denker der Aufklärung. Dabei könnte man das Problem auch ganz nüchtern angehen: Was steht bei Kant eigentlich genau und wie ist das zu verstehen? Es ist nicht zu leugnen, dass Kant Theorien über Unterschiede zwischen menschlichen „Rassen“ entwickelt hat und sich an verschiedenen Stellen – bei weitem nicht nur in seinem Frühwerk – sehr abwertend über Menschen äußert, die nicht weiß und europäisch sind. Kant ist sogar einer der ersten europäischen Denker, die eine wissenschaftlich gemeinte Theorie über biologische „Rassenunterschiede“ beim Menschen entwickelt haben – manche sagen, er ist der „Erfinder“ des Rassebegriffs.
Was sagt uns das darüber, wie wir Kant heute beurteilen sollten?
Es gibt unterschiedliche Versuche, damit umzugehen. Manche sagen: Das sind Fußnoten der Geschichte. So dachten Menschen eben in seiner Zeit. Andere versuchen, die Rassentheorie von den vermeintlich „eigentlichen“ philosophischen Leistungen Kants zu trennen. Wir wollten hingegen genauer fragen: Warum interessiert Kant sich überhaupt für diese Fragen? Welche Rolle spielt das Denken über „Rasse“ in seinem Werk? Und wie hängt es mit seinen anderen philosophischen Überlegungen zusammen?
Zu welchem Ergebnis kommen Sie?
Das Interessante ist für mich gerade die Ambivalenz. Die problematischen Aspekte von Kants Werk, also gerade diejenigen Teile, die mit seinem rassistischen Denken verbunden sind, sind in gewisser Hinsicht gerade die interessantesten. Denn Kant führt dort „Rasse“ ein, wo er über das Verhältnis von Natur und Freiheit nachdenkt, also darüber, was gegeben sein muss, damit der Mensch zur Freiheit fähig wird. Das ist eine zentrale philosophische Frage. Kants Rassismus ist also nicht randständig in seinem Werk. Wir können den „guten“ Kant nicht einfach davon abtrennen, ohne ganz zentrale und auch gewinnbringende Gedanken, die sich bei ihm finden, zu verlieren.
Was machen wir nun mit dem Erbe der Aufklärung?
Wir müssen den Rassismus der Aufklärung ernst nehmen, den Kolonialismus, die Frauenfeindlichkeit, den Antisemitismus und die verschiedenen Ausschlüsse, die mit bestimmten Formen aufklärerischen Denkens verbunden waren.
Wenn die Aufklärer selbst nicht aufklärerisch gedacht haben, müssten wir uns nicht dann streng genommen von der Aufklärung verabschieden?
Das würde ich nicht sagen. Gerade Begriffe wie Universalismus, Freiheit, Gleichheit und Vernunft sind weiterhin von großer Bedeutung. Aber wir können sie nicht einfach unreflektiert übernehmen.
Was kann man denn beispielsweise gegen Vernunft sagen?
Zum Beispiel kann man bei Kant sehen, wie der Begriff der Vernunft dazu verwendet wurde, Menschen außerhalb Europas abzuwerten. Ihnen wurde abgesprochen, dieselbe Form von ausgebildeter Vernunft zu besitzen oder überhaupt erreichen zu können wie die Europäer. Wenn wir diese Geschichte ernst nehmen, können wir nicht einfach sagen: Der Begriff der Vernunft ist gut, und das Problem liegt nur darin, dass Kant im 18. Jahrhundert eben einige problematische Ansichten hatte. Genau hier liegt für mich eine offene Forschungsfrage: Wie können wir diese Begriffe aufgrund dieser Kritik neu bestimmen?
Sie arbeiten nicht ausschließlich philosophisch, sondern beziehen auch zivilgesellschaftliche und sogar künstlerische Ansätze ein. Warum?
Ich verstehe Philosophie als eine offene Disziplin, die – wenn sie der Gesellschaft und der Öffentlichkeit zugewandt bleibt –, auch für Nicht-Philosophinnen anschlussfähig sein und auch in gesellschaftliche Verhältnisse hineinwirken kann. Erinnerungspolitik ist dabei ein zentrales Thema für mich. Im Rahmen eines Forschungsprojekts zu rechter Gewalt und Erinnerung in München habe ich etwa mit Kolleginnen aus der Kunst bzw. Kunstpädagogik zusammengearbeitet und auch mit politischen Gruppen und Initiativen, beispielsweise mit dem a.i.d.a. Archiv München und mit der Initiative OEZ-Erinnern. Teil dieses Projekts war die Arbeit mit Studierenden der Akademie der Bildenden Künste. Die Studierenden haben sich eigenständig mit Fragen der Erinnerung an rechte Gewalttaten auseinandergesetzt, auch mit den eigenen Wissenslücken, und künstlerische Arbeiten entwickelt, die im NS-Dokumentationszentrum in München ausgestellt wurden. Kunst kann auch noch einmal andere Räume öffnen, zum Diskurs einladen und Reflexionsprozesse anstoßen.
Dabei geht es Ihnen weniger um einzelne Betroffene, sondern Erinnerungsbündnisse. Was meinen Sie damit?
Im Projekt haben wir an das Selbstverständnis erinnerungspolitischer Bündnisse angeknüpft, die sich vor allem im Nachgang der Terroranschläge in Halle und Hanau gebildet haben. Hierbei geht es darum, unterschiedliche Erfahrungen und Formen von Betroffenheit zusammenzubringen, ohne sie zu vereinheitlichen. Ich möchte in meiner eigenen Arbeit diesen Ansatz weiterdenken und fragen, was es heißt, über Vorstellungen von Betroffenheit oder Identität hinauszugehen und an einem Gemeinsamen zu arbeiten, das sich nicht über geteilte Erfahrungen definiert. Einzelne Terroranschläge werden oft als singuläre Ereignisse betrachtet, die einzelne Bevölkerungsgruppen betreffen. Ich möchte fragen: Was ist die gemeinsame gesellschaftliche Ursache dieser Gewalt und wie können wir sie trotz unterschiedlicher Betroffenheiten als gemeinsames Problem adressieren? Es geht nicht darum, die jeweiligen Erfahrungen gegeneinanderzustellen, sondern sie in einen größeren Zusammenhang zu setzen.
Sie möchten die Gesellschaft also nicht nur beschreiben, sondern auch nach Möglichkeiten ihrer Veränderung fragen. Greifen Sie damit auch einen Gedanken der kritischen Theorie auf?
Ja, wobei ich den Anspruch (im Sinne der Kritischen Theorie) nicht so formulieren würde, dass die Philosophie unmittelbar Lösungsvorschläge liefern muss. Vielmehr möchte ich die kritische Analyse bestehender Verhältnisse zum Ausgangspunkt nehmen, um zu verstehen, woran sich ansetzen ließe, um sie zu überwinden. Damit ist natürlich auch die Idee einer „Philosophie der Gegenwart“ verbunden. Ich finde es sehr schön, im Rahmen der Professur unter diesem Begriff arbeiten zu können und zu versuchen, mit Hilfe der Philosophie, also mit Hilfe der Arbeit am Begriff, die Gegenwart zu begreifen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Marina Martinez Mateo studierte Philosophie und Politikwissenschaft in Jena, Frankfurt und Santiago de Chile. Von 2013 bis 2016 promovierte sie an der Goethe-Universität Frankfurt. Anschließend war sie dort bis 2021 wissenschaftliche Mitarbeiterin und von 2021 bis 2026 Juniorprofessorin für Medien- und Technikphilosophie an der Akademie der Bildenden Künste München. 2022/23 forschte sie als Feodor-Lynen-Stipendiatin an der Northwestern University.
Seit 2024 ist sie Mitglied des Kollegiums des Instituts für Sozialforschung Frankfurt. 2022 gründete sie die AG „Philosophie und Diversität“ der Deutschen Gesellschaft für Philosophie und ist deren Co-Sprecherin. Seit April 2026 ist sie Professorin für Philosophie der Gegenwart an der Leuphana.