Land. Vorteil. Gründung: Mit "Creative Construction" das lokale Gründungsökosystem stärken
21.07.2026 Wie kann Gründung in ländlichen Räumen stärker und wirksamer unterstützt werden? Und wie trägt dies zur regionalen Entwicklung bei? Mit solchen Fragen befasst sich “Land.Vorteil.Gründung”, ein WIR!-Projekt, das im November 2025 als Verbundvorhaben der Leuphana Universität Lüneburg, der Universität zu Lübeck, dem Think & Do Tank neuland21 e.V., der Wir bauen Zukunft e.G., und den assoziierten Partnern, den Landkreisen Herzogtum Lauenburg (insbesondere Wirtschaftsförderung WFL) und Ludwigslust-Parchim (insbesondere Fachdienst 64 mit DeveLUP), startete.
"Land.Vorteil.Gründung" ist Teil des, vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten, Bündnisses Landvorteil, das sich zum Ziel gesetzt hat, zukunftsfähige Lebens- und Arbeitskonzepte in den beiden Landkreisen zu erforschen, zu entwickeln und zu erproben.
Dazu soll auch das Projekt “Land.Vorteil.Gründung” beitragen, indem es das lokale Gründungsökosystem kontextsensibel und kooperativ weiterentwickelt und den Beitrag von Gründung zur Daseinsvorsoge, Gemeinwohl und Zukunftsfähigkeit aufzeigt und stärkt. Mithilfe des Ansatzes "Creative Construction" – einem alternativen Verständnis von Entrepreneurship – soll an bereits bestehende Orte, Netzwerke und Institutionen in den beiden Landkreisen angeknüpft werden, um somit Aufbauarbeit zu leisten. Untersucht werden, welche Zielgruppen für die Region von Bedeutung sind, welche Bedarfe, Zugänge und Hürden sich für Gründende auftun, wie die Schnittstelle zwischen Gründung und Verwaltung gestaltet sein sollte und welche regionalen Charakteristika einen Einfluss auf die Gründung haben könnten.
©WIR!-Projektteam "Land.Vortei.Gründung"
Leonie Dienst und Dr. Verena Meyer, die zusammen mit Prof. Dr. Matthias Wenzel für die Leuphana Universität Teil des Projektteams sind, erläutern im Interview das Projekt:
Almut Schafner: Warum Creative Construction statt Creative Destruction? Und was bedeutet das eigentlich?
Dr. Verena Meyer: Im US-geprägten Entrepreneurship Diskurs überwiegt das klassische Konzept der “Creative Destruction”, zurückgehend auf den Ökonom Joseph Schumpeter. Dieses setzt auf den Prozess der Verdrängung und Neuaufbau, um Neues entstehen zu lassen. Das finden wir in dem Kontext ländlicher Räume und vor dem Hintergrund von Ressourcenknappheit aber schwierig. Mit der “Creative Construction”, also einer schöpferischen aufbauenden Gestaltung, richtet sich der Blick auf bereits bestehende Ressourcen, Netzwerke und Institutionen. Bestehendes soll aufgegriffen und kollaborativ weiterentwickelt werden, so werden Kooperation statt Konkurrenz und die gesellschaftliche und regionale Wirkung zu Leitprinzipien im gemeinsamen Aufbau des Gründungsökosystems.
Leonie Dienst: Das Gründungsökosystem im ländlichen Raum ist auch viel vielfältiger als man vielleicht denken könnte. Es gibt zwar auch die klassischen, technologieorientierten Start Ups, aber neben den kommerziellen Gründungen spielen vor allem soziale und nachhaltigkeitsorientierte Vorhaben eine Rolle, die einen wichtigen Teil zur regionalen Daseinsvorsorge und Lebensqualität leisten. Diese wollen wir mit unserem Vorhaben stärker in den Fokus setzen und hervorheben.
Schafner: Im November letzten Jahres startete euer Projekt. Wo steht ihr nach mehr als einem halben Jahr Forschung?
Meyer: In den ersten Monaten lag der Schwerpunkt der Projektarbeit darin, die regionalen Strukturen und Akteurslandschaften besser kennenzulernen. Dazu konnten wir zum Teil schon auf Erkenntnissen aus dem Vorprojekt LIONA aufbauen. Dort lag der Fokus auf dem regionalen Innovationssystem, während wir hier den Fokus auf das Gründungsökosystem setzen. Dazu analysierten wir bestehende Unterstützungsangebote und das Netzwerk an Institutionen des Gründungsökosystems, und führten Gespräche mit Gründenden sowie mit Akteur:innen aus Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Ein wichtiger Schritt innerhalb dieses Arbeitspakets war die Identifikation und Auswahl von Zielgruppen und ihrer jeweiligen Hürden und Bedarfe, der wir uns im weiteren Projektverlauf annehmen.
Dienst: Gleichzeitig war die erste Zeit wichtig, um sich als Projektteam zu finden und über die verschiedenen Partner hinweg ein gemeinsames Verständnis von Zielen, Arbeitsweisen und Erwartungen zu entwickeln. Gerade in so einem transdisziplinären Team wie unserem ist diese Aufbauarbeit sehr wichtig für den Projektverlauf.
Schafner: Welche Erfahrungen machen Gründende und Gründungsinteressierte in den Landkreisen Herzogtum Lauenburg und Ludwigslust-Parchim? Gibt es bereits erste Muster oder Erkenntnisse?
Meyer: Viele Gesprächspartner:innen sprachen von einer gewissen Orientierungslosigkeit zu Beginn ihres Gründungsprozesses. Weniger der Mangel an Angeboten scheint das Problem zu sein, sondern vielmehr die Frage, welche Angebote für die eigene Situation relevant sind und an wen man sich überhaupt wenden kann. Hinzu kommen bürokratische Anforderungen, die insbesondere in der frühen Phase häufig als Herausforderung wahrgenommen werden. Durch kurze Wege und persönliche Kontakte konnten sich die meisten Gründenden Abhilfe schaffen. Hier zeigt sich dann, wie wichtig der Zugang zu lokalen Netzwerken ist.
Dienst: Dass es teilweise zu Überforderung kommt, zeigt auch nochmal wie viele Angebote eigentlich schon vorhanden sind. Denn es gibt bereits eine Vielzahl engagierter Akteure, Institutionen und Unterstützungsstrukturen. Die Herausforderung besteht häufig eher darin, dass diese Angebote nicht immer sichtbar sind oder nebeneinander bestehen, ohne ausreichend miteinander verknüpft zu sein oder die richtige Zielgruppe zu erreichen. Daraus ergibt sich für uns eine zentrale Frage: Wie können bestehende Strukturen, Netzwerke und Institutionen denn besser verbunden werden, damit Gründende schneller und einfacher die Unterstützung finden, die sie benötigen? Unsere bisherigen Erkenntnisse zeigen, wie wichtig gerade in der frühen Gründungsphase niedrigschwellige Anlaufstellen, persönliche Begleitung und gut funktionierende Netzwerke sind.
Schafner: Welche Herausforderungen sind zwischenzeitlich aufgetreten?
Meyer: Eine Herausforderung besteht darin, die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen in den beiden Landkreisen zu verstehen und in unserer Arbeit zu berücksichtigen. Obwohl beide Regionen Teil des Landvorteil-Bündnisses sind, unterscheiden sie sich in ihren gewachsenen Strukturen, Netzwerken und institutionellen Rahmenbedingungen. Hinzu kommt, dass im Bereich der Gründungsunterstützung viele engagierte Akteure mit unterschiedlichen Schwerpunkten, Erfahrungen und Arbeitsweisen aktiv sind. Diese Perspektiven zusammenzubringen und die Zusammenarbeit über Organisations-, Landkreis- und Bundeslandgrenzen hinweg zu stärken, ist ein wichtiger, aber auch anspruchsvoller Teil unserer Arbeit.
Dienst: Gleichzeitig beschäftigt uns die Frage, wie die Ergebnisse des Projekts langfristig Wirkung entfalten können. Unser Ziel ist es, die gewonnenen Erkenntnisse nicht nur wissenschaftlich aufzubereiten, sondern gemeinsam mit unseren regionalen Partnerinnen und Partnern in konkrete Formate und Handlungsmöglichkeiten zu übersetzen. Darüber hinaus denken wir bereits jetzt darüber nach, wie erfolgreiche Ansätze über die Projektlaufzeit hinaus verstetigt werden können und auch anderen ländlichen Regionen zugänglich gemacht werden. Die Frage, wie aus einem zeitlich begrenzten Projekt langfristig tragfähige Strukturen entstehen können, begleitet uns deshalb von Anfang an.
Schafner: Wie geht es weiter?
Dienst: Nun geht es nun zunehmend in die Umsetzungsphase, die sehr viel praxisorientierter wird. Auf Grundlage der bisherigen Erkenntnisse entwickeln wir derzeit erste Modellformate, die wir gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern in den Regionen erproben und evaluieren wollen. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung einer KI-Lotsin, die Gründungsinteressierte dabei helfen soll, sich im bestehenden Unterstützungsangebot besser zurechtzufinden und passende regionale Anlaufstellen zu finden. Darüber hinaus entwickeln und testen wir in zwei Etappen weitere Formate, die dazu beitragen können, Zugänge zu Informationen, Netzwerken und Unterstützungsangeboten zu erleichtern. Dazu gehören niedrigschwellige Onlineangebote wie auch 2-tägige Hackathons.
Meyer: Damit verwoben ist natürlich auch unser übergeordnetes Forschungsinteresse. Neben den grundlegenden Fragen, wie eine Region aufgestellt sein muss, um als gründungsfreundlich gelten zu können, und wie die verschiedenen Akteure, Angebote und Strukturen innerhalb eines regionalen Gründungsökosystems zusammenspielen, interessiert uns vor allem, wie Gründende diese Strukturen tatsächlich wahrnehmen und nutzen. Wo entstehen Zugänge, wo gibt es Lücken, und welche Formen der Unterstützung werden in unterschiedlichen Gründungsphasen benötigt? Die Erprobung der Modellformate verstehen wir deshalb nicht nur als praktische Umsetzung, sondern auch als Lernprozess. Im kommenden Jahr ist eine weitere Runde der Erprobung und Evaluation geplant, in die die Erfahrungen und Erkenntnisse aus der ersten Phase direkt einfließen werden. So wollen wir herausfinden, was in der Praxis funktioniert, welche Wirkungen erzielt werden und wie erfolgreiche Ansätze langfristig verstetigt und möglicherweise in andere Regionen übertragen werden können.
Schafner: Vielen Dank euch beiden für diesen tiefgehenden und spannenden Einblick in eure Arbeit.
©WIR!-Projektteam "Land.Vortei.Gründung"
Über die Interviewpartnerinnen
Dr. Verena Meyer ist Postdoktorandin an der Leuphana mit Schwerpunkt auf Entrepreneurship, Transformation und alternativen Organisationsformen. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie Organisationen und Entrepreneurship zu einer besseren Gesellschaft in der Gegenwart und in der Zukunft beitragen können.
Leonie Dienst hat einen Hintergrund in Nachhaltigkeitswissenschaft. Ihr Forschungsinteresse gilt vor allem der nachhaltigen Entwicklung und Resilienz ländlicher Räume sowie der Frage, wie lokale Gemeinschaften und regionale Netzwerke gesellschaftliche Transformationsprozesse mitgestalten können.