Nachhaltigkeitswissenschaften: Dr. Milena Groß – Wissen, das verbindet
21.09.2026 Die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin studierte am College Umweltwissenschaften, absolvierte ein Double-Degree-Masterprogramm in Global Sustainability Science an der Graduate School und der Arizona State University und promovierte auch an der Leuphana. Heute forscht die Postdoktorandin zu Nachhaltigkeitstransformationen in Tansania. Dabei sollte sie eigentlich BWL studieren.
©Philip Bachmann
Nach dem Abitur ging es Milena Groß wie vielen jungen Menschen: Vielfältige Interessen, große Neugier, dennoch war sie überwältigt vom reichen Studienangebot in Deutschland. Die gebürtige Berlinerin entschied sich für eine Studienberatung. „Dort wurde mir ein BWL-Studium mit dem Schwerpunkt Umwelt empfohlen.“ Ganz richtig fühlte sich der Vorschlag nicht an: „Ich suchte dann nach Universitäten, die Umweltwissenschaften anbieten mit der Möglichkeit, sich auch mit wirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Die Leuphana überzeugte mich mit ihrer interdisziplinären Breite und dem Studienmodell.“ Milena Groß wählte im Minor Wirtschaftspsychologie: „An der Leuphana habe ich vor allen Dingen gelernt, die Ansätze verschiedener Denkschulen zu verstehen und Brücken zu schlagen.“
Auch ihrer Leidenschaft für die Ökologie konnte sie im Bachelor nachgehen: „Mein Auslandssemester habe ich in Kristianstad in Schweden verbracht und dort hervorragende ökologische Exkursionen erlebt.“ Zum Ende ihres Bachelorstudiums suchte Milena Groß bewusst eine praktische und zugleich forschungsorientierte Erfahrung. Für mehrere Monate lernte sie die Grundlagenforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle kennen. Dort untersuchte sie Grünlandökosysteme und beschäftigte sich unter anderem mit dem Zusammenhang von Mahdhäufigkeit, Stickstoffhaushalt und Produktivität von Pflanzen. Über die Ergebnisse ihres ökologischen Experiments schrieb sie dann auch ihre Bachelor-Arbeit.
Die Ökologie begleitete sie weiter in den Master: Milena Groß absolvierte an der Leuphana und der Arizona State University das Double-Degree-Masterprogramm „Global Sustainability Science“ im ersten Jahrgang. Ihre Masterarbeit behandelte die Frage, wie sich Bäume in subtropischen Regionen nach Feuern regenerieren. In dieser Zeit lernte sie aber nicht nur rein fachlich: „Ich hatte nach meinem Master ein besseres Verständnis für unterschiedliche akademischer Systeme und wie diese in einem Studiengang harmonisiert werden können.“
Nach dem Abschluss arbeitete sie zunächst bei einer internationalen Klimaschutzinitiative sowie einem angewandten Forschungsinstitut, um zu verstehen, wie in der Praxis mit Fragen der Nachhaltigkeit umgegangen wird. Dieses Wissen brachte sie mit in ihre Promotionszeit an der Leuphana: In Tansania untersuchte sie, welche Beiträge die Natur zur Lebensqualität verschiedener Bevölkerungsgruppen leistet und warum Menschen Natur als wichtig erachten. Dafür interviewte sie gemeinsam mit ihren Kolleg*innen unterschiedliche Akteursgruppen – unter anderem aus Naturschutz, Landwirtschaft und Tourismus. „Der Kilimandscharo ist ein einzigartiger Forschungsraum. Der tropische Berg mit seiner Gletscherkrone ragt aus der trockenen Savannenlandschaft auf, verfügt über enorme Wasserressourcen und besitzt durch seine unterschiedlichen Höhenlagen eine beeindruckende landschaftliche und somit auch biologische Vielfalt. Für die Menschen in der Region ist die Natur nicht nur ein abstraktes Schutzgut, sondern Grundlage für kulturelle Identität, Landwirtschaft und Einkommen oder kurzum: ein gutes Leben“, erklärt Milena Groß. Ein zentraler Begriff ihrer Arbeit ist „Nature’s Contributions to People“ (NCP) – also die verschiedenen Beiträge, die Menschen von der Natur erhalten, etwa Trinkwasser, Nahrungsmittel sowie Erholungsmöglichkeiten.
Heute befindet sich Milena Groß in der Postdoc-Phase und arbeitet weiterhin in dem Forschungsverbund, um die wertvoll aufgebauten Beziehungen zu Akteur*innen, die im Naturschutz am Kilimandscharo tätig sind, zu pflegen. Die zweite Phase des Projekts richtet den Blick stärker auf Transformationen. Im Mittelpunkt stehen Initiativen, die gesellschaftliche Wandel von unten voranbringen und dabei natürliche Lebensgrundlage gleichermaßen berücksichtigen. „Methodische Entscheidungen müssen bei dieser Forschung ständig hinterfragt werden, denn sie beeinflussen nicht nur die Forschungsergebnisse. Sie haben letztendlich auch immer Implikationen für Praxis und Politik“, erklärt sie.
Gerade bei internationalen Forschungstätigkeiten in Tansania darf die koloniale Geschichte nicht außer Acht gelassen werden. Für Milena Groß stellt sich die Frage, wie Forschung gestaltet werden kann, ohne dass nicht einheimische Wissenschaftler*innen ihre eigenen Vorstellungen und Lösungsansätze übertragen. Promovierende und Senior-Forschende aus Tansania, sind beispielsweise feste Mitglieder im Projektteam. „Die Zusammenarbeit mit ihnen ist ein wichtiger Bestandteil unserer gemeinsamen Forschung und bietet allen einen wertvollen interkulturellen Austausch“, erklärt Milena Groß.
Ein Teil ihrer aktuellen Arbeit beschäftigt sich mit sogenannten Storymaps, die mit räumlichen Informationen gepaart werden, und sozialen Netzwerkanalysen. Die Forscherin möchte verstehe, welche Initiativen am Kilimandscharo und darüber hinaus miteinander verbunden sind, wie sie zusammenarbeiten und dabei Transformationsprozesse fördern. Ebenso liegt ihr am Herzen, die vielfältigen Bemühungen der Initiativen sowohl für die Wissenschaft als auch die breite Öffentlichkeit sichtbar zu machen.
Für sie steht dahinter ein ganzheitlicher Blick auf den Menschen. Milena Groß absolvierte Ausbildungen in der Körperarbeit. In ihrer Arbeitsgruppe bietet sie deswegen auch Body-Mind-Workshops und universitätsweit bewegte Pausen an. Ebenso ist ihre außeruniversitäre Expertise mit ihrem wissenschaftlichen Alltag vereinbar – sie prägen ihre ethische Reflexion, die Auseinandersetzung mit Verantwortung in der Wissenschaft und die Gestaltung von Teamverträgen in Forschung und Lehre. Für ihre eigenen Entwicklung helfen ihr auch verschiedene Angebote an der Leuphana wie etwa die Mentoring-Programme ProViae und ProScience für Wissenschaftlerinnen (FLINTA*). „Ich habe bereits einmal teilgenommen. Mir haben die verschiedenen Module geholfen, beruflichen Perspektiven zu reflektieren und bewusste Entscheidungen über meinen Lebensweg zu treffen. In der Postdoc-Phase stehe ich nun vor neuen Weggabelungen und würde das Programm deshalb gern ein zweites Mal absolvieren.“
Zudem nutzt sie Angebote des Qualification Hub. Darin bündelt die Leuphana Graduate School zentrale Unterstützungsangebote für Masterstudierende und Promovierende. Beim Qualifizierungsfonds können sie finanzielle Mittel beantragen, um etwa an wissenschaftlichen Konferenzen teilzunehmen oder Forschungsaufenthalte zu realisieren. Auch Milena Groß nutzte diese Möglichkeit schon, um sich internationaler zu vernetzen und ihre wissenschaftliche Expertise zu erweitern. Zuletzt bildete sie sich im Rahmen der Personalentwicklung für Beschäftigte in der Wissenschaft auf dem Campus über Künstliche Intelligenz weiter. „Mir ist es wichtig, KI-Kompetenzen zu entwickeln, um informiert darüber zu entscheiden, ob und wie ich KI in meiner Forschung anwenden möchte“, sagt sie.
Ihre Motivation kommt von innen: „Ich möchte mit meiner Arbeit verschiedene Perspektiven miteinander verbinden und empfinde es als besonders sinnvoll, mit meiner Arbeit einen konkreten Beitrag zur Weitereinwicklung der Nachhaltigkeitswissenschaften zu leisten.“