Umfrage des Niedersachsenpanels zur Kommunalwahl 2026
03.09.2026
Das Niedersachsenpanel zeigt: Bezahlbares Wohnen, Mobilität und Infrastruktur beschäftigen die Menschen besonders. Gleichzeitig glauben viele, mit ihrer Stimme vor Ort tatsächlich etwas bewirken zu können. Bei der Wahlentscheidung zählen Kandidatinnen und Kandidaten stärker als Parteizugehörigkeit.
Das Niedersachsenpanel ist ein langfristig angelegtes, interdisziplinäres Forschungsinstrument zur Erhebung von Daten zu Einstellungen und Verhalten in Niedersachsen. Es wird vom Wissenschaftsraum „Verhaltensökonomik und gesellschaftliche Transformation“ organisiert. Beteiligt sind sieben niedersächsische Universitäten sowie das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik. Die Leuphana Universität Lüneburg leitet das Niedersachsenpanel. Der Wissenschaftsraum wird durch zukunft.niedersachsen gefördert, eine gemeinsame Initiative des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung.
©Leuphana / Kersten Benecke
Was Niedersachsen vor der Kommunalwahl bewegt
Wirtschaft und Arbeit, Wohnen und Stadtentwicklung, Infrastruktur und Mobilität sowie Bildung sind aus Sicht der Menschen in Niedersachsen die wichtigsten Themen auf kommunaler Ebene. Das zeigt eine Befragung von 1.074 Niedersachsen, die Ende August 2026 im Rahmen des Niedersachsenpanels zur Kommunalwahl 2026 durchgeführt wurde.
Während die Sorge um Wirtschaft und Arbeit in städtischen und ländlichen Gebieten ähnlich stark ausgeprägt ist, unterscheiden sich die anderen Prioritäten nach Wohnort: In Städten steht Wohnen und Stadtentwicklung besonders weit oben, während in ländlichen Wohnorten Infrastruktur und Mobilität sowie Gesundheit und Pflege relativ wichtiger eingeordnet werden. Besonders deutlich wird der Handlungsdruck beim Thema Wohnen: 61,5 Prozent der Befragten sehen die Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum als eher oder sehr große Herausforderung. In Städten wird das Problem dabei deutlich stärker wahrgenommen als in ländlichen Wohnorten. „Viele der Themen, die die Menschen vor Ort besonders beschäftigen, werden auf kommunaler Ebene maßgeblich mitgestaltet. Kommunalpolitik ist deshalb keineswegs weniger relevant als Bundes- oder Landespolitik: Ihre Entscheidungen prägen den Alltag der Bürgerinnen und Bürger oft unmittelbar“, sagt Prof. Dr. Mario Mechtel von der Leuphana Universität Lüneburg, Leiter des Niedersachsenpanels.
Auch bei anderen Themen finden sich deutliche Unterschiede zwischen den Ortskategorien. In Städten sind 72,0 Prozent mit dem ÖPNV zufrieden, in ländlichen Wohnorten 27,5 Prozent. Bei der Erreichbarkeit von Fachärzten stehen 57,0 Prozent Zufriedenheit in Städten 25,9 Prozent auf dem Land gegenüber. Umgekehrt wird die Kinderbetreuung in ländlichen Wohnorten häufiger positiv bewertet als in Städten (63,6 gegenüber 51,9 Prozent). Auch Pflegeleistungen schneiden auf dem Land besser ab (50,8 gegenüber 42,5 Prozent). Die Angaben erfassen die subjektive Zufriedenheit, nicht die objektive Angebotsdichte.
Über ganz Niedersachsen hinweg zeigen sich die Befragten besorgt um die finanziellen Möglichkeiten der Städte und Gemeinden zur Finanzierung kommunaler Aufgaben. Zwei von drei Befragten sehen dies als eher oder sehr große Herausforderung – vollkommen unabhängig, ob sie in ländlichen Regionen, kleinen oder größeren Städten leben. Als einer der Gründe für die schwierige Finanzlage von Städten und Gemeinden wird häufig genannt, dass Bund und Länder Aufgaben beschließen, die die Kommunen dann bezahlen müssen. Zu diesem Vorgehen haben die Befragten eine klare Meinung. Der Aussage „Wer Aufgaben an die Kommunen überträgt (z. B. Bund oder Land), sollte auch die Kosten dafür übernehmen“ stimmen 80,8 Prozent zu – auch hier ohne bedeutsame Unterschiede zwischen Stadt und Land.
Können Kommunen die Probleme lösen?
Die Befragung zeigt zugleich, dass die Bürgerinnen und Bürger die kommunale Politik nicht als machtlos betrachten. Im Gegenteil: 71,9 Prozent stimmen der Aussage eher oder voll zu, dass ihre Stimme bei der Kommunalwahl einen echten Einfluss auf die Politik in ihrer Gemeinde oder Stadt hat. Bei der Landtagswahl glauben dies mit Blick auf die kommunale Politik dagegen nur knapp die Hälfte der Befragten. Dagegen gibt es bei der Transparenz und Bürgerbeteiligung aus Sicht der Befragten noch Nachholbedarf: Nur knapp ein Viertel fühlen sich ausreichend darüber informiert, wofür ihre Gemeinde ihr Geld ausgibt. Lediglich ein Drittel sagen, dass ihre Stadt oder Gemeinde die Menschen an kommunalen Planungen beteiligt. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Bürgerinnen und Bürger den Kommunen grundsätzlich zutrauen, vor Ort etwas zu bewegen. Gleichzeitig bestehen klare Erwartungen an Transparenz und Beteiligung. Kommunale Politik muss daher nicht nur konkrete Lösungen entwickeln, sondern auch nachvollziehbar vermitteln, wie Entscheidungen zustande kommen und welche Handlungsspielräume vor Ort bestehen“, betont Dr. Janina Kraus, Koordinatorin des Niedersachsenpanels.
Person statt Parteibuch?
Und wie entscheiden die Niedersachsen bei der Kommunalwahl? Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die lokale Ebene tatsächlich nach eigenen Regeln funktioniert. Für mehr als die Hälfte der Befragten sind bei der kommunalen Wahlentscheidung die Kandidatinnen und Kandidaten vor Ort wichtiger als deren Parteizugehörigkeit. Besonders stark ist dieser persönliche Faktor in ländlichen Regionen. Damit könnte die Kommunalwahl für Parteien und Kandidierende eine besondere Herausforderung darstellen: Wer vor Ort überzeugen will, muss offenbar stärker als auf anderen politischen Ebenen mit der eigenen Person, konkreten Lösungen und der Kenntnis lokaler Probleme punkten. Dazu passen frühere Studienergebnisse, die einen bedeutsamen Einfluss der Berufe von Kandidatinnen und Kandidaten auf ihren Wahlerfolg bei Kommunalwahlen zeigen.