100 Jahre Alumnus James Krüss: „Lernte fleißig Lehrersmann“
26.05.2026 James Krüss zählt zu den bedeutendsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren des 20. Jahrhunderts. Am 31. Mai 2026 hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert. Ursprünglich strebte er in den Schuldienst: 1948 legte er in Lüneburg sein Examen ab.
©Erbengemeinschaft James Krüss
„Kam jedoch aufs Festland dann
lernte fleißig Lehrersmann.“
Aus: Mein Lebens-ABC
1946 war ein prägendes Jahr für James Krüss: Er veröffentlichte sein erstes Buch mit dem Titel „Der rote Faden“ – und begann sein Studium an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg. Das Lehrerseminar befand sich damals im heutigen Gebäude der Hermann-Löns-Schule im Grimm.
Wie bekannt, Lehrer wurde James Krüss nicht: „Das bestandene Examen der Pädagogischen Hochschule zu Lüneburg habe ich nie in ein Monatsgehalt und eine Pensionsberechtigung umgemünzt“, erinnerte er sich augenzwinkernd.
Stattdessen widmete er sich ganz dem Schreiben. Immer wieder Inspiration: Helgoland. 1926 wurde er auf der Hochseeinsel geboren. Schon als Kind begann er zu dichten und Geschichten zu erfinden. Der rote Felsen mitten im Meer, die Weite, der Wind boten viel Platz für Phantasie, Heiteres, Rührendes, Absurdes – und Nachdenkliches. Mit spielerischer Leichtigkeit ließ James Krüss Wörter purzeln, Sätze hüpfen und Gedanken tanzen. Sein Humor war feinsinnig und niemals verletzend.
1949 zog Krüss nach Süddeutschland und arbeitete als freier Autor für Rundfunk und Zeitschriften. Dort begegnete er Erich Kästner, der sein Talent erkannte und ihn ermutigte, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben. 1953 veröffentlichte James Krüss sein erstes Bilderbuch, drei Jahre später den Erzählband Der Leuchtturm auf den Hummerklippen, der für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert wurde. Die Auszeichnung erhielt Krüss schließlich 1960 für Mein Urgroßvater und ich – eine weitere Geschichte mit Helgoland als Schauplatz.
In den 1960er-Jahren moderierte Krüss unter anderem die Fernsehsendung James’ Tierleben und veröffentlichte Werke wie Henriette Bimmelbahn, schrieb Hörspiele wie Den Sängerkrieg der Heidehasen oder den Gedichtband Der wohltemperierte Leierkasten. 1962 erschien sein wohl bekanntester Roman: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen.
„Die Geschichte ist eine Metapher für den Pakt mit dem Teufel, der dem Menschen jede Freude raubt. Sie prangert den Verlust der Menschlichkeit im kapitalistischen Wirtschaftswunder-Deutschland an. Zugleich lässt sich das Paktieren mit dem Bösen als Spiegel des nationalsozialistischen Deutschlands lesen, in dem James Krüss aufwuchs. Doch Krüss verstand es meisterhaft, ernste Themen so zu erzählen, dass sie Kinder berühren, ohne sie zu überfordern“, erklärt Prof. Dr. i. R. Emer O’Sullivan, Professorin für Englische Literaturwissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg.
Vielleicht wäre James Krüss gerade deshalb ein guter Lehrer gewesen. Selbst sah er das anders: „Ich will nicht lehren, sondern lernen (…) Auch fehlt mir jeglicher Sinn für Machtverhältnisse. Die hierarchische Ordnung der Schule ist mir ein Gräuel wie jede Hierarchie.“
Wenn Krüss über Schule schrieb, wurde sie deshalb selten zum Ort strenger Ordnung und Disziplin. Stattdessen bevölkerten merkwürdige Erwachsene, absurde Regeln und sprachspielerischer Unsinn seine Geschichten.
Seine Skepsis gegenüber gesellschaftlichen Normen hatte jedoch nicht nur literarische Gründe. Er erlebte selbst, wie ausgrenzend gesellschaftliche Ordnung sein konnte: 1966 zog Krüss nach Gran Canaria. In Deutschland galt damals noch der Paragraph 175, der männliche Homosexualität unter Strafe stellte. „In Spanien konnte er freier leben – und im Herzen war er immer Insulaner“, sagt Emer O’Sullivan. Mehr als 30 Jahre lebte Krüss dort gemeinsam mit seinem Partner Dario Perez. Nach seinem Tod am 2. August 1997 wurde James Krüss vor Helgoland seebestattet. Dem einzigen Ort auf der Welt, dem er je einen ganzen Gedichtband gewidmet hatte.
Für sein umfangreiches Werk erhielt James Krüss zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Hans-Christian-Andersen-Preis. Die Internationale Jugendbibliothek in München erinnert mit einem James-Krüss-Turm an den Autor, auf Helgoland erinnern zwei historische Hummerbuden im Museum an den berühmten Sohn der Insel.
Quelle der Zitate: Herre, Bettina: James Krüss – Der Meister der Phantasie. Hamburg: Carlsen Verlag, 2001.