Neu an der Leuphana: Prof. Dr. Maren Zeller – Machtverhältnisse mitdenken

20.04.2026 Die Professorin für Sozialpädagogik, insbesondere Diversitätsforschung untersucht die oft unsichtbaren Übergänge und Startbedingungen für sogenannte Care Leaver und Adressat*innen frühkindlicher Hilfe sowie von Menschen mit Fluchtmigration. Bei ihrer Forschung setzt sie auf ein breites Spektrum qualitativer Methoden.

©Leuphana/Tengo Tabatadze
„Neue Perspektiven können helfen, eurozentrische Sichtweisen aufzubrechen“, erklärt Prof. Dr. Maren Zeller.

Allein in Deutschland leben rund 200.000 Kinder und Jugendliche in Heimen oder betreuten Wohnformen. Nochmal 100.000 sind in Pflegefamilien untergebracht. Was wird aus diesen jungen Menschen, wenn sie erwachsen sind und auf eigenen Beinen stehen? Diese Frage steht im Zentrum des Forschungsfeldes „Leaving Care“. Prof. Dr. Maren Zeller richtet ihren Blick auf die Zeit nach der Unterstützung: auf Übergänge, Brüche und ungleiche Startbedingungen ins Erwachsenenleben.

„Die Lebensverläufe sind sehr unterschiedlich, das macht das Feld spannend“, sagt sie. Während viele Gleichaltrige noch lange auf familiäre Unterstützung zurückgreifen können, müssen sogenannte Care Leaver oft früh auf eigenen Beinen stehen. Ein besonderes Interesse von Maren Zeller gilt deshalb der Selbstorganisation. In verschiedenen Ländern schließen sich Care Leaver zusammen, gründen Netzwerke, engagieren sich politisch. „Mich interessiert, wie solche Zusammenschlüsse funktionieren und was sie tatsächlich bewirken“, erklärt sie. Dabei schaut sie bewusst über nationale Grenzen hinaus und ist in einem weltweiten Forscher*innen-Netzwerk organisiert: „Neue Perspektiven können helfen, eurozentrische Sichtweisen aufzubrechen“, erklärt sie.

Diversität ist für Maren Zeller nicht nur ein Forschungsthema, sondern auch für die verwendeten Methoden relevant. Wie lässt sich überhaupt erforschen, was Menschen erleben, ohne ihre Perspektiven zu verzerren? Bei der diversitätssensiblen Forschung geht es im Kern darum, Differenzen ernst zu nehmen, also Kategorien wie Geschlecht, Herkunft oder sozialer Status. Gleichzeitig gilt es die Machtverhältnisse im Forschungsprozess zu reflektieren: „Die Frage ist: Wie können wir möglichst respektvoll und auf Augenhöhe mit den Menschen arbeiten, deren Lebenslagen wir erforschen?“, fragt Maren Zeller.

Hier setzt sie auf ein breites Spektrum qualitativer Methoden: Bei der Narrationsanalyse untersucht sie, wie Menschen ihre Lebensgeschichte erzählen. In der ethnografischen Forschung blickt sie auf soziale Situationen und Alltagspraktiken. Auch die objektive Hermeneutik, ein Verfahren aus der Soziologie, gehört zu ihrem Repertoire. Alle diese Methoden gehen davon aus, dass in Sprache und Handlungen verborgene Sinnstrukturen liegen, die sich schrittweise rekonstruieren lassen: „Die qualitative Analyse ermöglicht gerade in unserem Forschungsfeld tiefe Einblicke“, erklärt die Forscherin.

Eng verbunden mit einem breiten Methodenverständnis ist die Idee der partizipativen Forschung: „Ziel ist es, Menschen nicht nur zu beforschen, sondern sie in den Prozess einzubeziehen.“ Aber partizipative Forschung gilt als anspruchsvoll: „Die Datenerhebung funktioniert oft noch gut, aber spätestes eine partizipative Datenanalyse stellt meist eine große Herausforderung dar und es finden sich fast keine gelungenen Beispiele hierfür“, erklärt Maren Zeller. 

Eine vollständig „gleichberechtigte“ Forschung ohne Bias sei deshalb ein kaum zu erreichendes Ideal.

Neben dem Schwerpunkt „Leaving Care“ arbeitet sie auch zu frühen Hilfen für Familien. Dabei geht es um Unterstützungsangebote rund um Geburt und frühe Kindheit, also den Anfängen der Sorge, aber auch des Eingriffs durch den Staat ins Familienleben. Auch hier adressiert sie Fragen von Diversität und Ungleichheit: „Oft steht bei den Hilfsangeboten ‚Eltern‘. Aber in der Praxis werden vor allem Mütter angesprochen“, sagt sie. Väter bleiben häufig außen vor, ebenso andere Familienkonstellationen. Für sie ist das ein Beispiel dafür, wie sich gesellschaftliche Vorstellungen in professionellen Strukturen fortschreiben.

Auch in der Lehre stellt sie Fragen der Vielfalt in den Mittelpunkt – etwa im Gender und Diversity Zertifikat: „Diversität bedeutet, über die eigene Erfahrung hinauszuschauen und strukturelle Zusammenhänge zu verstehen. Einerseits schauen wir auf gesellschaftliche Themen: Welche Formen von Ungleichheit gibt es überhaupt? Andererseits geht es konkret um den Forschungsprozess. Zum Beispiel: Wie führe ich ein Interview auf Augenhöhe? Wie gestalte ich ein Setting so, dass unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden?“

An der Leuphana findet sie für ihre Forschung und Lehre ein passendes Umfeld: „Internationalität, interdisziplinäres Arbeiten und auch die Bedeutung von Themen wie Diversität sind hier deutlich stärker verankert als an vielen anderen Orten. Das hat mich überzeugt.“

Maren Zeller begann ihre Laufbahn als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesmodellprojekt INTEGRA am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen (2001-2003) und war anschließend am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim tätig (2006-2014). Internationale Forschungserfahrungen sammelte sie als Visiting Scholar am Center for Refugee Studies der York University sowie an der School of Child and Youth Care der Ryerson University in Toronto. Von 2014 bis 2018 war sie Juniorprofessorin für Sozialpädagogik an der Universität Trier, anschließend Professorin im Departement Soziale Arbeit an der OST – Ostschweizer Fachhochschule (2018-2025). Seit August 2025 ist sie Professorin für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity-Forschung an der Leuphana Universität Lüneburg.

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