Matthew Ryan Robinson: Zur Ambivalenz von Religion und Protest
26.06.2026 „Imagine there's no heaven […] and no religion, too“. Mit diesem Protestklassiker ist John Lennon ironischerweise selbst zu einer Prophetengestalt geworden – einer typischen religiösen Figur. Protestbewegungen greifen immer wieder auf religiöse Bilder, Symbole und Erzählungen zurück, bewusst oder auch unbewusst. Welche Rolle spielt Religion also für Protest und Widerstand? Dieser Frage widmet sich der Sammelband Sacred Protest. Autor*innen unterschiedlichster religiöser Hintergründe werfen darin einen Blick auf Protest in verschiedenen Zeiten, Kulturen und gesellschaftlichen Kontexten. Mit herausgegeben wurde der Band von Matthew Ryan Robinson, Gastprofessor für Systematische Theologie und Ethik an der Leuphana Universität Lüneburg.
©Tengo Tabatadze
Was ist der größte Irrtum, wenn es um Protest geht?
Matthew Ryan Robinson: Protest ist in den meisten Fällen etwas anderes als Revolution. Es ist vielmehr eine Form des Reformhandelns und kein Versuch eines revolutionären Umsturzes. Und Protest ist vielfältig, was bei den täglichen Nachrichten schnell aus dem Blick gerät. Protest bedeutet nicht nur, auf der Straße zu demonstrieren. Ein Social Media Post, dessen Weiterleitung oder bewusstes Schweigen – das sind alles Facetten von Protest.
Wenn auch keine Revolution am Ende steht, ist es doch oft der Wunsch nach Wandel. Was sind Bedingungen für wirksamen Protest, der echten Wandel erzeugt?
Das ist eine schwierige Frage und meine Antwort vereinfacht vielleicht etwas. Solidarität und Zusammenarbeit sind wichtige Voraussetzungen. Es ist schwer, allein zu protestieren. Auch beispielsweise Greta Thunbergs stiller Protest vor dem schwedischen Parlament bestätigt diese These. Ihr Anliegen hatte von Anfang an eine Solidaritätsperspektive: sie saß dort nicht für sich selbst, sondern für die ganze Welt, für alle Menschen und den Planeten.
Proteste also, die das Potenzial haben, andere Gruppen, andere Glaubensgemeinschaften für ein größeres Ziel zu aktivieren, auch wenn sie keine gemeinsame religiöse Überzeugung oder Idee haben, haben häufig die größere Wirkung. Im Buch nennen wir diese Beobachtung "Horizontal Solidarity“.
Wenn es um gesellschaftlichen Wandel geht, denkt man heute nicht unbedingt zuerst an die Kirche. Welches Potenzial hat Religion, hat die Kirche heute für Protest?
Ausgangspunkt unseres Sammelbandes Sacred Protest war die Frage nach dem ambivalenten Verhältnis von Religion und Protest. Religion kann auf unterschiedlichen Seiten stehen: Mal stabilisiert sie bestehende Machtverhältnisse, mal liefert sie die Motivation und Kraft, um den Protest überhaupt auf den Weg zu bringen.
Die christlichen Kirchen im Speziellen sind sehr konservative Institutionen. So ist auch ihr Selbstverständnis. Reformbewegungen innerhalb der Kirche entstanden zunächst an ihren Rändern und wurden kritisch betrachtet. Interessant ist hier die religiöse Figur des Propheten als Verkünder des Wandels. Seit etwa einem halben Jahrhundert bezeichnet eine zunehmende Zahl an Kirchen, ihre Arbeit und ihre Berufung als „prophetisch“ – nicht im Sinne einer Vorhersage der Zukunft, sondern im Zusammenhang mit sozialen Bewegungen und gesellschaftlichem Wandel. (Dies ist eine semantische Verschiebung, da das „prophetische“ Wirken der Kirche historisch gesehen eher mit dem Lehramt zu tun hatte.) Als Etikett für die Kirchen taugt der Begriff „prophetisch“ aber meines Erachtens nicht. Denn wer prophetisch handelt, stellt bestehende Verhältnisse infrage und geht Risiken ein. Ich bezweifle aber, dass die großen Kirchen viel riskieren - zumindest auf der höheren Ebene der Leitung. Wenn sie sich als prophetisch verstehen wollten, müssten sie ein bisschen schräger, ein bisschen risikobereiter und sich quer zu den Machtpositionen stellen.
Sie haben gerade die Figur des Propheten angesprochen. Viele Protestbewegungen greifen auf solche religiöse Semantik zurück. Macht das Protest immer auch zu einer From von heiligem Protest – selbst wenn die Beteiligten sich gar nicht als religiös verstehen?
Auf der einen Seite gibt es Proteste, die sich ausdrücklich als religiös verstehen und bewusst religiöse Figuren, Protestformen oder Bilder aufgreifen. Sie könnte man ohne Weiteres als „heilige Proteste“ bezeichnen.
Interessant sind die Fälle, in denen das gar nicht beabsichtigt ist. Henry Jansen untersucht in unserem Sammelband etwa Protestlieder wie John Lennons Imagine: Einerseits explizit anti-religiös entwirft das Lied zugleich die Vision eines Paradieses in einer universellen menschlichen Gemeinschaft. Eine Vision über das Gute aus einer metaethischen Perspektive, die die größten religiösen Traditionen der Welt teilen. Deshalb würde ich argumentieren, dass auch solche Formen des Protests, trotz anderer Intention, eine Art von heiligem Protest darstellen.
Viele solcher Vorstellungen von Gemeinschaft und Wandel werden heute auch digital verhandelt. Sie haben eingangs erwähnt, dass selbst ein Social-Media-Post eine Form des Protests sein kann. Wie bewerten Sie solche digitalen Protestformen, die doch oft auch der Selbstinszenierung dienen?
Nehmen wir das Thema Awareness. In den letzten zwei Jahrzehnten ging es in westlichen Gesellschaften darum, ein neues Bewusstsein zu gestalten, eine Art Selbstbewusstsein als rhetorischer Schlüssel für soziale Selbstidentifikation. Hier hat bloße Kommunikation real in die Gesellschaft hineingewirkt, hat Institutionen, Gesetze und Rechtssystem beeinflusst und die sie leitenden Normen und Werte geprägt. Das kann als Protestform verstanden werden – unabhängig davon, ob es hier um ein Produkt, Aktivismus oder Selbstinszenierung ging.
Wo haben sich solche Wirkungen besonders deutlich gezeigt?
Ich denke an Bewegungen wie #MeToo oder Black Lives Matter in meinem Heimatland, den USA. Die Identifikation mit diesen Bewegungen erfolgte häufig über Hashtags oder T-Shirts. Es gab Bücher dazu, Debatten, Dokumentationen. Diese „Awareness Creation“ der letzten Jahrzehnte ist als eine mit Absicht aufgenommene Protestform interessant. Die absichtsvolle Entwicklung eines kritischen Bewusstseins ist zwar nicht neu; aber, dass sie als Protest funktioniert, dürfte als eine interessante Innovation gesehen werden. Interessant ist aber auch, wie diese Art von Bewusstseinsprotest nun zu einem kritischen Aufbrechen seitens „des Systems“ geführt hat. Diversität und gesellschaftliche Teilhabe als ursprüngliche Forderung dieser Bewegung, stehen jetzt im Zentrum der Kritik in den USA. Daran zeigt sich, wie Protest unterschiedliche Seiten in Bewegung bringen kann.
Welche Rolle nimmt die Wissenschaft in einer solchen Dynamik ein? Sollte sie diese Entwicklung lediglich beobachten oder kann sie selbst Teil von Protest und Aktivismus sein?
Diese Frage beschäftigt mich tatsächlich sehr. Religionswissenschaftlich betrachtet würde man immer sagen, Wissenschaft sollte beobachten, nicht eingreifen. Andererseits steht die Theologie oft per se unter Verdacht, keine Wissenschaft zu sein, sondern eine Art Religion, Aktivismus oder Ideologie.
Ich vertrete eine Zwischenposition: Für die wissenschaftliche Analyse braucht es sowohl teilnehmende Beobachtung als auch be(ob)achtende Teilnahme, um für Menschen, in ihren Biografien, bei ihren Zielen und Hoffnungen Empathie zu kultivieren und sie dadurch besser zu verstehen. Das bedeutet natürlich nicht, dass man bei allem inhaltlich mit geht oder allen Meinungen zustimmt.
Als Randnotiz ist bei dieser Frage der internationale Vergleich vielleicht interessant: In den USA wird die Nähe zwischen Aktivismus und Wissenschaft häufig deutlich positiver bewertet als in Deutschland.
Zu guter Letzt: Haben Sie noch offene Fragen zum Thema Protest, die Sie als nächstes untersuchen möchten?
Mich beschäftigt die Frage wie anfällig Protestbewegungen für die Manipulation von außen sind. Im Buch gibt es ein Kapitel zu Conspiritualities. Gerade dort, wo Verschwörungstheorien, Spiritualität und politische Mobilisierung zusammentreffen, gibt es noch offene Forschungsfragen. Übrigens auch bei der Rolle der Digitalität für Protest. Einerseits ist das Potenzial für ein effektives Vernetzen unter verschiedensten Gruppen rund um die Welt groß, andererseits ist alles, was man im Netz macht, nur möglich, solange es erlaubt wird. Dieses Spannungsfeld aus Möglichkeiten und Abhängigkeiten interessiert mich sehr.
Vielen Dank für das Gespräch!
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- Prof. Dr. Matthew Ryan Robinson