Communicorn: Wie kann gemeinschaftliches Unternehmertum gelingen?
27.08.2025 Communicorn – mit diesem Begriff legt die Leuphana Social Innovation Community den Fokus auf gemeinschaftliches Unternehmertum. Der gleichnamige Podcast sowie eine zweitägige Konferenz unter diesem Titel beleuchten beste Beispiele für communitygetriebene Innovationen aus Lüneburg und der Region. Prof. Dr. Steffen Farny erklärt im Interview, was er unter dem Begriff versteht und warum es gerade jetzt wichtig ist, Wirtschaft neu zu denken.

Was bedeutet der Begriff Communicorn?
Communicorn ist eine Abkürzung für Community Unicorn. In der Startup-Welt sind Unicorns Unternehmen, die besonders schnell wachsen und enorme Bewertungen erzielen. Wir wollen diesen Gedanken aufgreifen, aber nicht im finanziellen Sinne. Uns geht es darum, wie wir möglichst stark in eine Community hineinwirken können. Deswegen: Communicorn.
Und warum ist das so wichtig?
Dafür gibt es viele Gründe. Unternehmertum zeichnet vor allem aus, in Problemen Chancen zu sehen und kreative Lösungen zu entwickeln. Aber das ist meist eindimensional gedacht in Richtung ökonomischer Profite. Diesen Geist kann man aber auch übersetzen, wenn sich Gemeinschaften zusammentun, unternehmerisch agieren und gemeinschaftlich Lösungen entwickeln. Da gibt es unglaublich viel Potenzial, wenn lokale Gemeinschaften lokale Probleme angehen und nachhaltige Lösungen schaffen.
Welche Rolle spielt dabei der lokale Bezug?
Unternehmertum ist immer eingebettet in ein lokales sozio-ökologisches System. Die meisten Aktivitäten von Community Entrepreneurship oder gemeinschaftlichem Unternehmertum adressieren zuerst Probleme auf lokaler Ebene. Das heißt: Man nimmt globale Probleme, projiziert sie auf einen lokalen Kontext und versucht sie dort zu lösen. Dafür ist es ganz zentral, dass die Menschen sich kennen und dieselben Orte besuchen.
Im Communicorn Podcast der Leuphana Social Innovation Community stellen Sie Beispiele vor, die genau das unter Beweis stellen. Was lässt sich daraus lernen?
Wir möchten mit dem Podcast zeigen, dass es Beispiele für Community Entrepreneurship überall gibt – auch in Lüneburg und der Region. Aus der Forschung wissen wir, dass dafür mehrere Faktoren zusammenspielen müssen. Das Humankapital, also die Ressourcen in der Gemeinschaft, gehören dazu, aber auch physische Orte sowie gute Vorbilder in der Umgebung. Wenn diese Faktoren gegeben sind, ist es viel wahrscheinlicher, dass die Kollaboration gelingt, als wenn der Profit im Zentrum steht.
Ein gutes Beispiel ist der FC St. Pauli. In einem total kompetitiven Umfeld schafft der Verein es, mit einer genossenschaftlichen Logik erfolgreich zu sein. Ein Beispiel aus Lüneburg ist das Avenir Café. Die Genoss*innen entscheiden gemeinsam – bis hin zu der Frage, wie viel Geld die Kaffeebauern vorab bekommen, um sicher planen zu können. Das sind ganz andere Denkweisen: nicht Gewinnmaximierung, sondern gemeinsames Handeln. Und trotzdem – und das ist wichtig: Die Wirtschaftlichkeit wird immer mitgedacht.
Welche Voraussetzungen braucht es, damit so etwas funktioniert?
In unseren Studien haben wir dafür drei Pfeiler herausgearbeitet. Erstens: die Haltung. Also der Wille, wirklich inklusiv zu denken und partizipativ zu handeln. Zweitens: die Arbeitskultur. Wie arbeiten wir zusammen, wie treffen wir Entscheidungen – eher gemeinschaftlich als hierarchisch. Drittens: die Strukturen. Das heißt, es gibt Räume für Feedback, klare Regeln, um Konflikte zu lösen und Möglichkeiten, sich zu beteiligen.
Aber es kann oder möchte nicht jede*r ein neues Unternehmen gründen. Wie können sich bestehende Unternehmen verändern und dieses Mindset integrieren?
Früher hätte ich gesagt, das ist eine Frage der Moral. Aber durch TrICo und SINTRA wissen wir, dass es in Zeiten multipler Krisen schlichtweg ökonomisch notwendig ist. In der SINTRA Akademie waren viele Unternehmen anfangs skeptisch. Sie haben Ängste – das sei ineffizient und funktioniere im Alltag nicht. Aber unsere Studien zeigen: Sobald es echten Kontakt mit diesen Modellen gibt, verschwinden die Ängste. Unternehmen berichten dann von mehr psychologischer Sicherheit, besserer Zusammenarbeit, sogar von neuen Ideen. Wichtig ist: Man darf nicht nur an einer kleinen Stellschraube drehen. Es braucht immer die drei großen Punkte: Haltung, Kultur und Strukturen. Nur dann funktioniert die Transformation.
Und wozu braucht es die Wissenschaft dabei?
Viele Unternehmen verändern etwas, weil sie denken: „Das fühlt sich richtig an.“ Aber sie wissen nicht genau, warum es klappt – oder warum nicht. Und genau da kommen wir ins Spiel. Wir prüfen wissenschaftlich: Welche Faktoren tragen zum Erfolg bei? Was lässt sich übertragen? Außerdem kann die Wissenschaft Konzepte und Lösungen entwickeln, die eine Transformation positiv beeinflussen, also auch Inspirieren.