Professor Dr. Klaus Kümmerer in neues UNEP-Gremium berufen
04.08.2026 Ziel des Beratungsgremiums der UNO unter Beteiligung von WHO und der FAO, ist es, nachhaltige Lieferketten insbesondere in der Mode- und Bauwirtschaft zu fördern sowie gefährliche Chemikalien und Umweltverschmutzung zu reduzieren. In einem jetzt erschienenen Beitrag in der sehr renommierten Fachzeitschrift Angewandte Chemie zieht der Professor für Nachhaltige Chemie und Stoffliche Ressourcen zudem Bilanz aus rund 30 Jahren Forschung zu grüner und nachhaltiger Chemie, Ressourcenknappheit sowie Chemikalienmanagement.
©Leuphana/Tengo Tabatadze
Herr Professor Kümmerer, mit der Berufung in das neue Gremium blicken sie stärker auf Lieferketten. Wie relevant ist das Thema?
Chemie und Pharmazie sind unverzichtbar, sichern nicht nur unsere grundlegende Versorgung, sondern auch unseren Wohlstand. Dennoch erzeugen viele Technologien oder Transportwege Umwelt- und Ressourcenprobleme. Nachhaltige Lieferketten sorgen dafür, dass chemische Produkte und ihre Ausgangsstoffe ressourcenschonend, klimafreundlich und sozial verantwortlich hergestellt werden. Damit sind sie zentraler Bestandteil nachhaltiger Chemie und nachhaltigen Wirtschaftens insgesamt.
Ihre aktuelle Publikation in der Angewandten Chemie versteht sich als Grundlagenpapier. Warum war Ihnen die Klärung grundlegender Begriffe wie Grüne und Nachhaltige Chemie oder Circular Chemistry wichtig?
Nachhaltigkeit ist der übergeordnete Rahmen. Die Chemie muss in dieses Konzept eingebettet werden – nicht umgekehrt. Häufig werden viele dieser Begriffe synonym verwendet. Tatsächlich verfolgen diese Konzepte aber unterschiedliche Ziele und haben unterschiedliche Anwendungsbereiche. Nicht alles, was grüner ist, ist auch nachhaltiger. Oft gibt es sogar Widersprüche und dann ist mit grüner Chemie gar nichts gewonnen, ganz im Gegenteil. Wir müssen nicht nur die gesamte Wertschöpfungskette betrachten, sondern den gesamten Lebenslauf von Produkten – von der Frage, welche Funktion überhaupt benötigt wird, über die Synthese bis hin zu Nutzung, Lieferketten und Recycling. Hier wird wieder Energie benötigt und Abfälle entstehen.
Ist Benign by Design bei der Herstellung die Lösung?
Lassen Sie mich nicht mit Ja oder Nein antworten. Natürlich sollte ein Produkt von Anfang an so entwickelt werden, dass es möglichst wenig Schaden anrichtet – sowohl bei der Herstellung als auch am Lebensende, nach dem es seine Dienstleistung erbracht hat. Aber Nachhaltige Chemie beginnt nicht erst im Labor. Die Synthese kann nicht der Anfang sein, sondern der letzte Schritt. Am Anfang steht die Frage nach der Funktion oder dem Service. Manchmal braucht man für eine gewünschte Funktion gar keinen neuen Stoff. Vielleicht reicht eine andere Konstruktion, ein anderes Geschäftsmodell, anderes Verhalten oder eine bessere Nutzung vorhandener Produkte. Erst wenn ein Produkt benötigt wird, müssen wir darüber nachdenken, wo es am Lebensende verbleibt und es dann entsprechend designen: für schnellen und vollständigen Abbau in der Umwelt, wenn es dort endet oder für Recycling, wenn es im Kreislauf geführt werden kann.
Brauchen wir also vielmehr ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept?
Ja, genau. Wir müssen Probleme von Anfang an vermeiden, statt sie erst am Ende des Produktlebens zu lösen. Gerade in Zeiten knapper Ressourcen müssen wir wissen, wo die Stärken, aber auch die Grenzen einzelner Konzepte liegen.
Wo liegen denn Grenzen?
Zum Beispiel in den Gesetzen der Physik. Manchmal entsteht der Eindruck, Kreislaufwirtschaft könne alle Probleme lösen. Das ist aber nicht so. Recycling ist wichtig, ohne Zweifel. Aber Recycling braucht Energie, zusätzliche Ressourcen und erzeugt wiederum Abfälle. Aus thermodynamischen Gründen wird es niemals vollständig verlustfrei funktionieren. Deshalb halte ich Begriffe wie „Zero Waste“ oder vollkommen geschlossene Stoffkreisläufe für problematisch. Natürlich sollten wir möglichst wenig Abfall erzeugen. Aber wir müssen realistisch bleiben und die naturwissenschaftlichen Grenzen berücksichtigen. Deshalb gibt es auch kein Up-Cycling, übrigens auch nicht im ökonomischen Sinne. Man kann zwar einzelne Bestandteile alter Produkte oder Abfälle in Wert setzen, darf aber den Aufwand, den es dafür braucht, nicht vernachlässigen. Erneuerbare Energien benötigen Rohstoffe und Produkte: Die Produktion von Zement etwa geht mit hohen CO2-Emissionen einher oder große Staudämme führen zur Bodenversalzung und Umsiedelung von Menschen. Metalle sind endliche Ressourcen und nur sehr aufwändig zu gewinnen und zu recyceln. Wir können langfristig nicht gewinnen, wir können nur versuchen möglichst wenig zu verlieren.
Sie schreiben, dass die Prinzipien der Grünen Chemie nicht erst in den 90er Jahren entstanden sind. Seit wann gibt es Vorläufer?
Mich hat überrascht, wie viele Ideen bereits Jahrzehnte früher entwickelt wurden. Schon in den 1970er- und 1980er-Jahren wurde intensiv über die Vermeidung der Verschmutzung durch Chemikalien und chemische Abfälle diskutiert, wurden Ressourcenschonung und nachhaltige Produktionsprozesse entwickelt. Viele Ideen, die wir heute mit Grüner Chemie verbinden, wurden damals bereits in der Industrie eingesetzt und Geld damit verdient oder Kosten gespart. In Europa gibt es seit 1996 schon entsprechende Gesetzgebung - nicht nur für die chemische Industrie, Deutschland hat seit 1994 ein Kreislaufwirtschaftsgesetz. Die zwölf Prinzipien der Grünen Chemie sind lediglich so etwas wie eine späte Zusammenfassung und zudem nicht verbindlich, sondern nur freiwillig. Sie führen daher oft zu Green Washing.
Warum reicht Grüne Chemie allein nicht mehr?
Weil Nachhaltigkeit viel mehr ist als Umweltverträglichkeit oder grünere Synthese. Nehmen wir Lithium als Beispiel, wir brauchen es für Batterien. Für die Gewinnung dieses Alkalimetalls werden aber große Mengen Wasser benötigt. Hauptabbaugebiete liegen etwa in Südamerika in Wassermangelgebieten. Wir müssen fragen: Wer trägt die Umweltfolgen? Welche Auswirkungen hat das auf die Menschen vor Ort? Und wer profitiert eigentlich wirtschaftlich? Gleiches gilt aber auch für Produkte aus der Mode- und Bauindustrie, deren Weg wir in dem neu gegründeten UNEP-Gremium verfolgen. Chemie findet eben nicht nur im Labor statt
Vielen Dank für das Gespräch!
Angewandte Chemie gehört zu den international angesehensten Fachzeitschriften der Chemie. Sie wurde 1887 von der Gesellschaft Deutscher Chemiker gegründet. Heute erscheint sie sowohl in einer internationalen englischsprachigen Ausgabe als auch weiterhin auf Deutsch. Sie bewahrt damit die Tradition einer der renommiertesten Chemiezeitschriften weltweit.
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- Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Klaus Kümmerer