Portrait des Juniorprofessors Michael Staab
14.08.2026 Ein Forscher zwischen Insekten, Innovation und Nachhaltigkeit – Michael Staab ist seit 2025 Juniorprofessor für Tierökologie und Trophische Interaktion wurde mit dem Leuphana Early Career Research Award für seine herausragenden Leistungen, seine umfangreiche Publikationsliste und seine empirisch innovativen Forschungsansätze ausgezeichnet.
Seine wissenschaftliche Laufbahn ist geprägt von einer tiefen Faszination für die auf den ersten Blick unsichtbare Welt der Insekten – und der Erkenntnis, dass diese winzigen Lebewesen entscheidende Akteure in der Erhaltung und Wiederherstellung von Ökosystemen sind.
©Brinkhoff-Moegenburg/Leuphana
Ökologische Funktionen auf Gemeinschaftsebene: Innovative Forschung zu Ameisen
Im Zentrum seiner Forschung steht die Ökologie von Insekten, insbesondere die Diversität, Interaktionen und Funktionen in natürlichen und menschengestalteten Landschaften. Besonders faszinieren ihn Ameisen – nicht nur einzelne Arten, sondern die Gesamtgemeinschaft, die sie bilden. „Ich interessiere mich für die Gemeinschaftsebene, nicht nur für einzelne Spezies“, betont er. „Denn die Funktionen, die Insekten erfüllen, entstehen erst im Zusammenspiel.“ Seine Arbeit ist geprägt von einem interdisziplinären Ansatz, der Methoden aus Freilandforschung, Statistik und weiteren Technologien verbindet – von Messungen mit Drohnen bis hin zu thermischen Signaturen und Mikroklima-Analysen.
Die Anerkennung für seine „empirisch innovativen Forschungsansätze“, wie es die Laudatio betonte, beruht auf seiner Fähigkeit, verschiedene Methoden miteinander zu verknüpfen, wie es bisher selten gemacht wurde. „Mir ist wichtig in meinen Projekten, nicht nur an einer spezifischen räumlichen begrenzten Frage zu arbeiten, sondern repräsentativ zu forschen – zum Beispiel über Landschaftstypen oder Regionen hinweg“, sagt er. „Denn nur so kann man echte Erkenntnisse gewinnen.“ Dabei ist ihm wichtig, dass die Methoden nicht primär technisch anspruchsvoll, sondern auch sinnvoll sind: „Jede Erfassungsmethode hat Vor- und Nachteile. Die große Skala verliert an Genauigkeit, die kleine Skala verliert oft an Repräsentativität – das ist eine Herausforderung.“
Aktuelle Forschungsschwerpunkte
Zwei Projekte gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) prägen aktuell seine Arbeit: Im Rahmen einer DFG-Forschungsgruppe werden in China die Auswirkungen der Baumdiversität auf Waldökosysteme untersucht – eine Art „Experiment im großen Stil“, um zu verstehen, was an Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen, etwa was von Insekten verloren geht, wenn Baumarten in einem Waldgebiet verloren gehen.
Das zweite Projekt ist ein Infrastruktur-Schwerpunktprogramm der DFG, die sogenannten Biodiversität-Exploratorien, in dem es um den Einfluss von Landnutzung im Grünland und im Wald in Deutschland auf Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen geht. Hier geht es in einem seiner Teilprojekte um ein Grundmonitoring von Insekten und in einem weiteren Teilprojekt um Mikroklimaeffekte, also wie Landnutzungseffekte wie Mahd, Düngung und Beweidung die jeweiligen Mikroklimata beeinflussen. Die Forscher:innen setzen dabei auch auf moderne Technologien: Mit Drohnen werden thermische Signaturen erfasst, Mikroklimaeffekte analysiert, Strahlungsreflexionen gemessen – alles in Echtzeit und auf einer größeren Skala. „Ein kleinräumig 20 Grad höherer Bodentemperaturwert nach einer Mahd kann Tiere töten – die Überlebenden müssen ausweichen. Das sind indirekte Effekte der Landnutzung, die wir verstehen müssen.“ Mit Modellierung und langfristiger Beobachtung will Staab mit seinen Kolleg:innen die komplexen Wechselwirkungen zwischen Klima, Boden und Lebensgemeinschaften entschlüsseln.
Auf zur Juniorprofessur
Sein Weg zum Wissenschaftler war aus der Retrospektive ein recht gerader Pfad. Nach einem Studium der Biologie mit dem Hauptfach Tropenbiologie in Würzburg und einer Diplomarbeit in Würzburg und Konstanz, folgte eine Promotion an der Leuphana Universität unter der Betreuung von Prof. Alexandra Klein. Danach arbeitete er sieben Jahre als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Freiburg, fünf Jahre in Darmstadt bei Prof. Nico Blüthgen, bevor er 2025 zurück an die Leuphana wechselte.
„Ein entscheidender Wendepunkt war mein Forschungsaufenthalt im Studium in Borneo“, erinnert er sich. „Die Komplexität und Vielfalt der tropischen Wälder hat mich fasziniert – und mich zu Ameisen geführt. Ich wollte ursprünglich Fische oder Amphibien erforschen, aber die Ameisen haben mich bis heute begleitet.“ Heute arbeitet er lieber in biologisch „langweiligeren“ Regionen wie Mitteleuropa– weil dort die Rahmenbedingungen oft vorhersehbarer sind. Mittelfristig plant er jedoch auch wieder Forschung in die Tropen zu betreiben.
Für Staab ist Forschung mehr als eine Karriere – es ist eine Leidenschaft. „Ich habe nie gezweifelt, dass ich es versuchen werde“, sagt er. „Seit meiner Diplomarbeit wusste ich: Das ist mein Weg.“ Er sieht die Wissenschaft als ein Endurance-Game – mit Rückschlägen, aber vor allem auch mit Erfolgen, die Freude machen. Seine starke mathematische und naturwissenschaftliche Ausbildung hat ihm dabei geholfen, auch komplexe Daten zu verstehen – und zu nutzen.
Einbettung in die Fakultät Nachhaltigkeit
Die Frage nach dem Klimawandel ist zentral in seiner Arbeit. „Die Auswirkungen sind lokal – um die Folgen des Klimawandels zu verstehen, braucht man eine kleinräumige Betrachtung“, betont er. „Auf Zentimeterskala geht es um Fitnessvorteile und -nachteile, um Nischen, um zeitliche Aktivitätsmuster.“ Auch in der Lehre ist das Thema Klimawandel allgegenwärtig. Staab unterrichtet unter anderem im Master-Studium und hat in seiner eigenen Zeit als Student viel über gute, und auch nicht so gute Lehre, mitbekommen und versucht dies, in seine eigene Lehrpraxis einfließen zu lassen. Aber: „Mit interessierten und motivierten Studierenden macht Lehre immer Spaß.“
In den Kontext der Nachhaltigkeit an der Fakultät passt Staabs Arbeit perfekt. In Ruanda, wo er im Falle einer Förderung in Zukunft im Projekt „Ein sozial-ökologischer Systemansatz zur Wiederherstellung von Ökosystemen in ländlichen Regionen Afrikas“ unter Leitung von Prof. Jörn Fischer mitarbeiten wird, plant er zu erforschen, wie Insekten – insbesondere Ameisen – bei der Wiederherstellung degenerierter Landschaften helfen: etwa durch Samenverbreitung, Schädlingskontrolle, und als Indikatoren für ökologische Gesundheit. Denn Insekten sind nicht nur Indikatoren für gesunde Ökosysteme – sie sind auch Agenten der Regeneration. „Gerade Agroforstsysteme bieten Chancen – und Ruanda ist hierzu ein idealer Ort zum Forschen, nicht zuletzt weil die Landschaft leider erheblich degradiert ist.“
Ein Blick in die Zukunft
In fernerer Zukunft möchte Staab sich wieder verstärkt mit Alpha-Taxonomie beschäftigen – der systematischen Erfassung und Beschreibung von Arten. „In 20 Jahren sollten wir hoffentlich eine vollständigere Artenkenntnis haben, es gibt einfach noch viel zu viele Insekten, die nicht bekannt sind“, sagt er. „Und mit Bilderkennung, Mikro-CT und anderen Technologien könnte das ein Quantensprung werden.“ Er träumt von einer Welt, in der Insekten nicht nur gezählt, sondern auch verstanden werden. Mit Transmitter an Bienen, Mikroradar auf Wiesen, oder der Analyse von Aktivitätsmustern von Dungkäfern, die sich nach Temperatur, Feuchtigkeit oder Licht richten. „Manche mögen es warm, andere kalt – und das erklärt, warum ihre Aktivitätsmuster so eng sind. Das ist eine Nischendimension, die wir noch nicht vollständig verstehen.“
Für Michael Staab ist Forschung mehr als Wissen sammeln – es ist ein Beitrag zur Welt. „Ich möchte nur ein kleines Puzzlestück beitragen.“ Und wenn dann auch noch Spaß macht, dann ist das das Beste. Denn: „Wenn man etwas macht, das einen fasziniert, dann ist es kein Job – es ist ein Lebensweg.“