Mit Virtual Reality bereit für Elterngespräche
28.04.2026 Für Lehrkräfte gehören Gespräche mit den Eltern von Schüler*innen zum Berufsalltag. Dass die Beziehungsarbeit mit den Eltern eine wichtige Rolle für die Lernmotivation der Kinder spielt, ist wissenschaftlich bewiesen. Im Studium oder den Schulpraktika gibt es für Lehramtsstudierende bislang jedoch wenige authentische Trainingsmöglichkeiten.
Das möchte Friederike Knabbe, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Poldi Kuhl am Arbeitsbereich für Pädagogische Psychologie Institut für Psychologie in der Bildung, ändern. Sie hat ein virtuelles Elterngesprächstraining entwickelt, das realitätsnahe Gesprächssituationen mit einer virtuellen Mutter in einem echten Klassenzimmer simuliert und die Studierenden darin stärkt, mit kommunikativen Herausforderungen in Elterngesprächen umzugehen. Im Interview erläutert Friederike Knabbe, worauf es dabei ankommt.
Stellen wir uns ein typisches Elterngespräch vor: Was sind typische Momente, in denen die Stimmung kippen kann?
Meist kippt die Stimmung dann, wenn kein echter Dialog entsteht: Wenn einem Gesprächsteilnehmenden oder sogar beiden die Perspektivenübernahme nicht gelingt, wenn man voreingenommen ist oder versucht, eine vorgefertigte Lösung durchzusetzen. Auch eine fehlende Struktur im Gesprächsverlauf kann für eine gelingende Gesprächsgestaltung hinderlich sein.
Im Umkehrschluss kann eine klare Gesprächsstruktur also helfen. Ist das ein Lernaspekt Ihres VR-Trainings?Ja, das Kennenlernen der typischen Schritte gelingender Konfliktgespräche ist ein zentraler Bestandteil unseres Trainings. Zu Beginn erfahren die Studierenden, welche Schwierigkeiten der Schüler oder die Schülerin hat und aus welchem Anlass das Elterngespräch stattfindet. Für diese Situation erarbeiten sie mithilfe des bereitgestellten Materials eine strukturierte Vorgehensweise sowie gezielte Fragestellungen und Lösungsansätze. Ziel unseres VR-Trainings ist es, gemeinsam mit der virtuellen Mutter Ursachen und Lösungen für das geschilderte Problem im gemeinsamen Gespräch zu entwickeln.
Als Versuchsleiterinnen können wir im Hintergrund die Reaktionen der virtuellen Mutter auf die Gesprächsinhalte der Studierenden steuern. Hierbei können wir gezielt Herausforderungen einbauen oder durch kooperative Reaktionen der virtuellen Mutter unterstützende Impulse geben. Insgesamt haben wir rund 130 kurze Videos mit einer Schauspielerin in einem Klassenzimmer produziert, mit denen sich das etwa 15-minütige Gespräch individuell gestalten lässt. Das Gespräch mit der virtuellen Mutter kann sich dadurch in unterschiedliche Richtungen entwickeln, je nachdem wie unsere Studienteilnehmer*innen mit ihr interagieren.
Was nehmen die Studierenden aus dem Training mit?
Viele Teilnehmende sind positiv überrascht, wie realistisch das VR-Training ist und wie schnell sie sich in die Situation des Elterngespräches hineinversetzen können.
Während des Gesprächs machen wir uns als Versuchsleiterinnen Notizen und geben im Anschluss ein personalisiertes Feedback: Wir benennen, was gut gelungen, und gehen auf kommunikativen Kompetenzen in den verschiedenen Gesprächsphasen ein. In meiner wissenschaftlichen Studie zu den Effekten des VR-Elterngesprächstrainings konnte ich zeigen, dass das VR-Training unter anderem die Selbstwirksamkeit der Teilnehmenden im Bereich Beratung stärkt, ihr Selbstwertgefühl steigert und die Angst vor zukünftigen Elterngesprächen reduziert.
Mit Blick auf andere Trainingsformate, etwa Rollenspiele im Seminar: Welche Vorteile bietet Virtual Reality?
Rollenspiele werden von Studierenden oft als wenig realistisch erlebt. Oft schlüpfen Kommiliton*innen in die Rolle einer Mutter oder eines Vaters, verhalten sich dabei jedoch eher pädagogisch als authentisch, wodurch realistische Gesprächsdynamiken nur eingeschränkt erfahren werden können.
VR-Trainings bieten zudem einen geschützten Rahmen, um verschiedene Gesprächsstrategien erproben zu können, ohne sich sorgen zu müssen, sich vor anderen vielleicht zu blamieren. Alles, was ausprobiert wird, bleibt in diesem Safe Space.
Welche Rolle kann Virtual Reality künftig in der Lehrkräftebildung spielen?
Ich gehe davon aus, dass VR in der Lehrkräftebildung an Bedeutung gewinnen wird. Dazu kann auch beitragen, dass unser VR- Trainings als Open-Access- Angebot zur Verfügung steht und damit auch an anderen Standorten eingesetzt werden kann. Zudem ermöglicht VR, typische Gesprächssituationen bereits vor den Schulpraktika oder dem Referendariat zu erproben, zu reflektieren und die eigenen Kompetenzen, die für die spätere schulische Praxis wichtig sind, schrittweise zu erlernen, anzuwenden und weiterzuentwickeln.
Das VR-Training für Elterngespräche wurde im Rahmen des DigiTaL-Projekts (Digital Transformation Lab for Teaching and Learning) entwickelt und ist das erste VR-Training an der Fakultät Bildung. Es ist als Open-Access-Anwendung auch für andere Universitäten verfügbar [https://doi.org/10.48548/pubdata-1749].
Die Trainings werden an der Leuphana für alle Lehramtsstudierenden während der Vorlesungszeit mehrmals pro Monat angeboten. Interessierte können sich über die Experience Lab Homepage für einen Termin anmelden.