Gegen Gewalt vor Gericht - Frauen und ihre Strategien im Río de la Plata
12.09.2026 Vor mehr als 200 Jahren wandten sich Frauen in der Region Río de la Plata an die Gerichte, um der Gewalt in ihrer Ehe zu entkommen. Die Historikerin María Laura Mazzoni, LIAS Fellow 2026/27, untersucht rund 470 kirchliche Gerichtsfälle, um ihre Geschichten aufzudecken – und die Strategien, mit denen sie sich Gehör verschafften. In diesem Interview erläutert sie, was diese Fälle über das Leben der Frauen, ihre Gemeinschaften und das patriarchalische Rechtssystem, mit dem sie konfrontiert waren, aussagen. Außerdem erörtert Mazzoni, warum ihre Handlungen sowohl als Akte des Widerstands als auch als politische Handlungen verstanden werden können – und was uns ihre Geschichten heute sagen können.
©Julia Knop
„Das Interview in ganzer Länger finden Sie hier."
Die Frauen, die sich an das Gericht wandten, wussten wahrscheinlich, dass ihre Erfolgschancen gering waren. Was genau hofften sie zu erreichen?
In den Fällen, die ich für dieses Projekt analysiere, beantragten Frauen die Scheidung. Allerdings hatte Scheidung damals nicht dieselbe Bedeutung wie heute. Die Ehe war eine heilige Institution, die von der katholischen Kirche in der Region Río de la Plata – und im weiteren Sinne in ganz Iberoamerika – geweiht und geregelt wurde und daher als unauflösbares Band galt. Was diese Frauen tatsächlich beantragten, war die Erlaubnis des Bischofs, getrennt von ihren Ehemännern zu leben. Obwohl es höchst unwahrscheinlich war, dass die katholische Kirche ihnen die Erlaubnis erteilen würde, getrennte Haushalte zu führen, gab es dennoch solche Fälle, und sie zeigen, dass Frauen sehr spezifische Strategien anwandten, um ihre Ziele vor kirchlichen Richtern zu erreichen.
Welche Strategien entwickelten sie, um sich vor Gericht Gehör zu verschaffen?
Ich sehe sowohl kollektive als auch politische Strategien. Ich bezeichne sie als kollektive Strategien, da eine Analyse der Fälle zeigt, dass Frauen Verbindungen zu Verwandten, Nachbarn und Bekannten pflegten und mobilisierten, die vor Gericht zu ihren Gunsten aussagten. Auf diese Weise bezogen sie ihre Gemeinschaften oft in Konflikte ein, die über die Grenzen des Haushalts hinausgingen. Andererseits handelte es sich auch um politische Strategien. Selbst Handlungen, die auf den ersten Blick individuell erscheinen mögen – wie beispielsweise der Antrag einer Frau auf Trennung –, können und sollten als politische Handlungen verstanden werden. Diese Vorgänge verschoben die Grenzen dessen, was im 18. und 19. Jahrhundert über Frauen bekannt war, akzeptiert oder von ihnen erwartet wurde – natürlich nicht nur im Bistum Tucumán, sondern auch in einem breiteren atlantischen Kontext.
In Dokumenten dieser Art stößt man zudem häufig auf formelhafte oder sich wiederholende Formulierungen. Dies gilt nicht nur für eine juristische und kanonische Terminologie, die an sich schon repetitiv und für die Zwecke der Forschung möglicherweise weniger aussagekräftig ist. Es gibt auch bestimmte „gängige Strategien“: wiederkehrende Muster in den von Frauen verwendeten Wörtern und Ausdrücken, die uns letztlich etwas über gemeinsame Erfahrungen und Vorgehensweisen verraten können. Sie können auf Gespräche innerhalb der Gemeinschaft hindeuten, was vor Gericht zu sagen ist, aber auch auf die Existenz spezialisierter Rechtsvertreter – wie Staatsanwälte, Rechtsbeistände und kirchliche Richter –, die mit dem Gerichtsverfahren vertraut waren und die Frauen wahrscheinlich berieten, was vor Gericht am wirkungsvollsten wäre. Formulierungen wie „mein Leben ist in Gefahr“ oder „ich bin von zu Hause weggelaufen, weil ich wusste, dass er mich umbringen würde“ tauchen in diesen Fällen wiederholt auf, manchmal fast wortwörtlich.
Können Sie ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür nennen, wie ein solcher Konflikt zu einer Angelegenheit der gesamten Gemeinschaft werden konnte?
Es gibt einen Fall, der besonders repräsentativ für das ist, was ich beschreibe, obwohl er sicherlich nicht der einzige ist. Ich erinnere mich daran, weil er den kollektiven Charakter dieser Konflikte so deutlich veranschaulicht. Der Fall stammt aus dem Jahr 1803, als der Pfarrer von Río Cuarto, einer Kleinstadt in Córdoba, an den Bischof schrieb und ihn um Rat bezüglich eines Konflikts bat, der innerhalb einer Ehe ausgebrochen war. Der Pfarrer erklärte dem Bischof, dass „die Stadt wegen des Skandals in Aufruhr“ sei. Der Pfarrer bat den Bischof daher, die notwendigen Genehmigungen und Vollmachten zu erteilen, damit er für die gesamte Gemeinde Exerzitien abhalten könne, mit dem Ziel, den „Skandalen, Unruhen, Streitigkeiten und Ressentiments“ ein Ende zu setzen. Die Lösung für die durch den Konflikt verursachten sozialen Spannungen – die wir heute vielleicht als private oder häusliche Angelegenheit betrachten würden – wurde als gemeinschaftliche Lösung konzipiert: Die gesamte Stadt sollte in die Kirche gehen und an Exerzitien teilnehmen!
Häusliche Gewalt und der Zugang zur Justiz sind bis heute relevante Themen. Welche Erkenntnisse aus Ihrer historischen Forschung können uns helfen, aktuelle Debatten besser zu verstehen?
Ich bin davon überzeugt, dass uns die Untersuchung der Gewalt gegen Frauen in der kolonialen und frühen republikanischen Zeit wichtige Anregungen geben kann. Das gilt auch für die Strategien, die Frauen damals entwickelten, um mit dieser Gewalt umzugehen. Sie können uns konzeptionelle Instrumente an die Hand geben, über Widerstand sowie über Möglichkeiten zur Prävention und zum Umgang mit Gewalt heute nachzudenken.
Beispielsweise halte ich es für wichtig, zu bedenken, dass Einschränkungen und Zwänge, die auf religiösen Überzeugungen beruhen, die Entscheidungsfreiheit von Frauen und ihre Rechte als vollwertige Rechtssubjekte einschränken können.
Ein weiterer Aspekt, der sich aus der Erforschung von Gewalt gegen Frauen im 18. und 19. Jahrhundert ergibt, – auch wenn manche dieses Forschungsgebiet vielleicht lediglich als Trend oder vorübergehende akademische Modeerscheinung betrachten: die Untersuchung dieser historischen Prozesse kann Belege liefern und zu unserem Verständnis beitragen, wie tief Gewalt gegen Frauen in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen verwurzelt ist.