Neue Studie zeigt: Politik unterschätzt die Klimaschutz‑Bereitschaft der Bevölkerung
17.08.2026 Der Sozialpsychologe Dr. Timur Sevincer hat eine neue Studie herausgebracht, die viel mediale Aufmerksamkeit bekommen hat.
Timur Sevincer ist Motivations- und Sozialpsychologe. Sein Forschungsschwerpunkt ist Motivation und Selbstregulation. Insbesondere untersucht er zukunftsorientierte Selbstregulierungsstrategien, deren spontane Anwendung und Auswirkungen auf Verhaltensänderungen in verschiedenen Bereichen, darunter die Förderung nachhaltigen Verhaltens und Verbesserung der Beziehungen zwischen Gruppen. Seine Forschung umfasst eine Vielzahl von Forschungsfragen und -designs, sowie verschiedene Methoden wie physiologische Messungen, implizite Messungen, kognitive Messungen, ökologische Momentaufnahmen, Verhaltensbeobachtungen im Feld, groß angelegte Umfragen, sowie Analysen von Bevölkerungsdaten und Archivaufzeichnungen.
©Timur Sevincer
Interview mit Dr. Timur Sevincer
Sie haben zusammen mit Kolleg*innen eine neue Studie im Nature Portfolio Journal Communications Earth & Environment herausgebracht mit Blick auf die Bereitschaft der Bevölkerung, Klimaschutz zu unterstützen. Können Sie uns erklären, was das Ergebnis der Studie ist?
Prof. Wilhelm Hofmann von der Ruhr-Universität Bochum, die beiden Leuphana-Studentinnen Luisa Hoslowsky und Fenja Styhler und ich haben untersucht, wie gut Politikerinnen und Politiker einschätzen können, wie stark die Bevölkerung Klimaschutzmaßnahmen unterstützt. Dazu haben wir in einer repräsentativen Stichprobe rund 1.000 Menschen in Deutschland zu ihrer Unterstützung für Klimaschutz befragt: zum Beispiel dazu, wie sehr sie den Klimawandel als Problem wahrnehmen, inwieweit sie staatliche Klimaschutzmaßnahmen akzeptieren und ob sie auch selbst bereit wären, einen Beitrag zu leisten. Außerdem haben wir rund 1.600 Politikerinnen und Politiker auf verschiedenen politischen Ebenen – vom Bundestag über die Landtage bis hin zur Kommunalpolitik – gefragt, wie sie glauben, dass die Bevölkerung diese Fragen beantwortet. Zum Vergleich haben wir auch die Bevölkerung gefragt, wie sie die Einstellungen ihrer Mitmenschen einschätzt.
Das zentrale Ergebnis ist: Die Politik unterschätzt die Bereitschaft der Bevölkerung, Klimaschutz zu unterstützen. Dabei sind drei Ergebnisse besonders interessant. Erstens war diese Wahrnehmungslücke unter Politikerinnen und Politikern sogar größer als in der Bevölkerung selbst. Zweitens war sie gerade bei politisch besonders kontrovers diskutierten Maßnahmen wie Regulierungen und Steuern besonders groß. Und drittens fanden wir diese Unterschätzung über fast alle Parteien hinweg. Unterschiede gab es zwar, aber sie waren geringer, als man vielleicht erwarten würde. Besonders groß war die Wahrnehmungslücke allerdings bei der AfD.
Wie kommt es zu dieser Fehlwahrnehmung?
Das haben wir in unserer Studie nicht direkt untersucht. Aus der psychologischen und politikwissenschaftlichen Forschung lassen sich aber einige plausible Erklärungen ableiten. Eine Möglichkeit ist, dass ablehnende und besonders lautstarke Stimmen im öffentlichen Diskurs überproportional sichtbar sind. Politikerinnen und Politiker könnten deshalb den Eindruck gewinnen, dass Widerstand gegen Klimaschutzmaßnahmen weiter verbreitet ist, als er tatsächlich ist. Das könnte durch soziale Medien, aber auch durch den direkten Kontakt mit besonders engagierten Bürgerinnen und Bürgern verstärkt werden. Zehn verärgerte Zuschriften bleiben möglicherweise stärker im Gedächtnis als hundert Menschen, die eine Maßnahme stillschweigend unterstützen.
Hinzu kommt ein psychologischer Mechanismus, für den wir auch in unseren eigenen Daten Hinweise finden: Menschen neigen dazu, ihre eigenen Einstellungen auf andere zu projizieren. Politikerinnen und Politiker, die selbst eine bestimmte Klimaschutzmaßnahme weniger stark unterstützen, schätzen tendenziell auch die Unterstützung dieser Maßnahme in der Bevölkerung niedriger ein.
Das ist politisch interessant, weil solche Fehlwahrnehmungen möglicherweise Konsequenzen haben können: Wenn politische Entscheidungsträger glauben, eine Maßnahme sei in der Bevölkerung sehr unpopulär, werden sie möglicherweise davor zurückschrecken, sie vorzuschlagen oder offensiv zu vertreten – selbst wenn tatsächlich eine größere gesellschaftliche Unterstützung vorhanden wäre.
Gibt es aus wissenschaftlicher Sicht Handlungsempfehlungen, wie mit den Ergebnissen umzugehen ist?
Aus unserer Studie folgt natürlich nicht, welche konkreten Klimaschutzmaßnahmen die Politik beschließen sollte. Das sind politische Entscheidungen, die in demokratischen Aushandlungsprozessen getroffen werden müssen. Unsere Ergebnisse zeigen auch nicht, dass die Bevölkerung jede denkbare Klimaschutzmaßnahme unterstützt.
Was wir aber zeigen können, ist, dass politische Entscheidungen möglicherweise auf einer falschen Annahme beruhen: nämlich darauf, dass die Bevölkerung weniger zu Klimaschutz bereit ist, als sie tatsächlich ist. Eine wichtige Konsequenz wäre deshalb zunächst, diese Wahrnehmungslücke zu verkleinern. Dabei könnte es beispielsweise helfen, Einschätzungen der öffentlichen Meinung stärker auf systematische und repräsentative Daten zu stützen und weniger auf besonders sichtbare Stimmen in sozialen Medien, Zuschriften oder öffentlichen Debatten.
Ähnliche Wahrnehmungslücken sind aus der Forschung zur sogenannten pluralistischen Ignoranz bekannt. Damit sind Situationen gemeint, in denen viele Menschen eine bestimmte Einstellung teilen, gleichzeitig aber glauben, dass andere diese Einstellung weniger stark teilen. In diesem Forschungsbereich gibt es bereits Ansätze, Menschen mit korrekteren Informationen darüber zu versorgen, was andere tatsächlich denken und unterstützen. Ein interessanter nächster Schritt wäre deshalb zu untersuchen, ob solche Interventionen auch bei politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern funktionieren – und ob sich dadurch möglicherweise auch politische Entscheidungen verändern.
Mit welchen Forschungsthemen beschäftigen Sie sich grundsätzlich und wie war der Weg dahin?
Für Umwelt- und Naturschutz interessiere ich mich schon seit meiner Schulzeit. Damals standen teilweise andere Themen im Mittelpunkt als heute: das Ozonloch, saurer Regen und Waldsterben, Blei im Benzin oder die starke Verschmutzung von Flüssen wie Rhein und Elbe. Das Interessante ist, dass bei vielen dieser Probleme seitdem erhebliche Fortschritte erzielt wurden. Das gerät manchmal in Vergessenheit, gerade weil erfolgreicher Umweltschutz ein Problem gewissermaßen unsichtbar machen kann. Wenn wir heute kaum noch über das Ozonloch oder Blei im Benzin sprechen, liegt das auch daran, dass wir gehandelt haben. Für mich ist das eine wichtige Botschaft: Umweltprobleme sind lösbar, auch wenn das häufig nicht von heute auf morgen geht.
Damals habe ich Greenpeace unterstützt, heute engagiere ich mich bei WePlanet. Wissenschaftlich liegen meine Schwerpunkte in den Bereichen Motivation, Selbstregulation, Zukunftsdenken und soziale Wahrnehmung. Mich interessiert grundsätzlich, wie Menschen ihre Ziele in tatsächliches Handeln übersetzen, aber auch wie sie andere Menschen und gesellschaftliche Einstellungen wahrnehmen – und wo dabei systematische Fehleinschätzungen entstehen. Daraus ergibt sich für mich eine sehr natürliche Verbindung zur Nachhaltigkeitsforschung.
Daneben beschäftige ich mich inzwischen auch mit Konflikten zwischen gesellschaftlichen Gruppen und engagiere mich in der Wissenschaftskommunikation.
Mein wissenschaftlicher Weg war dabei weniger geradlinig, als Karrierewege im Nachhinein manchmal erscheinen. Ich habe mich häufig mit Fragen beschäftigt, die mich persönlich interessiert haben oder die gesellschaftlich aktuell waren. Gleichzeitig spielen Zufälle, wissenschaftliche Begegnungen, aber auch erfolgreiche Förderanträge und neue Kooperationsmöglichkeiten eine große Rolle. Forschung entsteht für mich deshalb häufig an der Schnittstelle zwischen langfristigen Interessen und Gelegenheiten, die sich ergeben.
Wie betten Sie Ihre Forschung in den Gesamtkontext an der Leuphana Fakultät Nachhaltigkeit ein?
Die Fakultät Nachhaltigkeit bringt unterschiedliche Disziplinen zusammen, um zu verstehen, wie nachhaltige Entwicklung gelingen kann. Als Psychologe interessiert mich dabei besonders die menschliche Seite dieses Prozesses. Meine Forschung setzt dabei auf zwei Ebenen an. Die erste ist individuelles Verhalten. Wir können nachhaltige Produkte anbieten, Recyclingmöglichkeiten schaffen oder gute Fahrradwege bauen – solche Rahmenbedingungen beeinflussen unser Verhalten erheblich. Gleichzeitig müssen Menschen diese Möglichkeiten aber auch tatsächlich nutzen. Und wir wissen aus der Psychologie, dass Menschen Verhaltensänderungen oft nicht leichtfallen. Das gilt für mehr Sport oder weniger Zeit am Smartphone genauso wie für Mobilität, Ernährung oder Energieverbrauch. Deshalb untersuche ich, welche psychologischen Prozesse Menschen dabei helfen, ihre Absichten tatsächlich in Verhalten umzusetzen.
Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen sowie Studierenden an der Leuphana untersuche ich das in unterschiedlichen Bereichen. Mit Stefan Schaltegger und Sebastian Wallot haben wir beispielsweise untersucht, welche psychologischen Eigenschaften Nachhaltigkeitsmanagerinnen und -managern helfen, Veränderungen in Organisationen durchzusetzen. Mit Astrid Kause habe ich beispielsweise untersucht, wie gut Menschen einschätzen können, mit welchen Lebensmittelentscheidungen sie zur Verringerung des Biodiversitätsverlusts beitragen können.
Individuelle Verhaltensänderungen allein werden aber nicht ausreichen, um Herausforderungen wie den Klimawandel zu bewältigen. Wir brauchen auch strukturelle und politische Maßnahmen. In Demokratien hängt deren Umsetzung wiederum davon ab, ob Menschen sie akzeptieren – und ob politische Entscheidungsträger diese Akzeptanz richtig einschätzen. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Psychologie und politischen Rahmenbedingungen setzt die zweite Ebene meiner Forschung an. Hierzu gehört beispielsweise unsere aktuelle Studie darüber, wie Politikerinnen und Politiker die Unterstützung der Bevölkerung für Klimaschutz einschätzen.