Verlustkultur: Julia Böcker – „Kommunikatives Unbehagen“

22.03.2021 Die Doktorandin forscht aus soziologischer Perspektive zu Tot- und Fehlgeburt. Jetzt diskutierte sie ihre Ergebnisse als Visiting Scholar mit einem interdisziplinären Wissenschaftler*innen-Team an der University of Cambridge.

Julia Böcker ©Leuphana
„Das Thema Fehl- oder Totgeburt sorgt immer noch für ein kommunikatives Unbehagen“, sagt Julia Böcker.

Meghan Markle, Christine Teigen oder Mirja du Mont – immer mehr prominente Frauen sprechen über ihre Fehlgeburten und brechen damit ein gesellschaftliches Tabu. „Das Thema Fehl- oder Totgeburt sorgt immer noch für ein kommunikatives Unbehagen“, sagt Julia Böcker. Die Doktorandin am Institut für Soziologie und Kulturorganisation arbeitet seit längerem zum Thema Verlust und leitete etwa Seminare zur Bestattungskultur, die mit Besuchen des Lüneburger Krematoriums und Workshops zur Erinnerungsarbeit verbunden waren.“ Für ihre Doktorarbeit hat sie Fehl- und Totgeburt aus kultursoziologischer Perspektive untersucht: Wie kann etwas vermeintlich Unsichtbares gesellschaftlich als Verlust anerkannt werden? Die Wissenschaftlerin hat für ihre Arbeit unter anderem Interviews mit Betroffenen, Hebammen und Kinderbestatterinnen geführt. „Nicht selten heißt es ,Stellt Euch nicht so an‘ oder ,Das ist statistisch normal‘“, sagt Julia Böcker. Teilweise sorge auch die Gesetzgebung für eine gesellschaftliche Marginalisierung: „Erst seit 2013 gibt es ein Personenstandsgesetz für Fehlgeborene, das mit einem Bestattungsrecht verbunden ist.“

Julia Böckers Forschungsfeld ist noch jung. Nicht viele beschäftigen sich mit dem Thema Schwangerschaftsverlust. Am Department of Sociology der University of Cambridge hatte sie als Visiting Scholar die Möglichkeit, sich mit einem internationalen Team aus rund 40 Wissenschaftler*innen auszutauschen. In der „Reproductive Sociology Research Group“ wird zu unterschiedlichen Aspekten menschlicher Reproduktion geforscht wie etwa homosexueller Elternschaft, reproduktiver Ungleichheit oder sexueller Citizenship. Das Netzwerk wird von der Soziologie-Professorin Sarah Franklin geleitet. Sie gehört zu den ersten Forscher*innen, die seit den 1980er Jahren den sozialen Wandel im Zusammenhang mit der Einführung neuer Reproduktionstechnologien analysieren. Wegen der Corona-Pandemie fand der Gastaufenthalt ausschließlich online statt. „Die Zeit war dennoch intensiv und lehrreich. Ich bekam gutes Feedback auf mein aktuelles Publikationsprojekt und wünsche mir, dass dieses Netzwerk weiter bestehen bleibt“, sagt Julia Böcker. Sie schließt gerade ihre Promotion ab und bleibt der Wissenschaft erhalten.

Kontakt

Julia Böcker, M.A.
Universitätsallee 1, C5.235
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2502
julia.boecker@leuphana.de