Organisationsforschung: Neues Buch beleuchtet documenta fifteen

16.03.2026 Organisationen bestehen nicht nur aus Strukturen, Abläufen und Plänen. Sie entstehen aus Menschen, Räumen, Objekten und Praktiken, die in einem ständigen Wechselspiel stehen. Genau aus dieser Perspektive haben die Kulturwissenschaftlerinnen Jana Faßbender und Luca Marie Tüshaus die documenta fifteen untersucht. Ihre Ergebnisse, die Atmosphäre als zentrales Organisationsprinzip in den Blick nehmen, sind nun unter dem Titel „Concrete and Water“ im transcript Verlag erschienen.

©Leuphana / Tengizi Tabatadze
Im Zentrum ihrer Analyse steht der Begriff der Atmosphäre. Atmosphären verstehen beide Autorinnen als das, was zwischen Menschen, Räumen und Objekten entsteht – als sinnlich wahrnehmbare Stimmung, die Handeln, Wahrnehmung und Organisation prägt.

Jana Faßbender und Luca Marie Tüshaus gingen für ihre gemeinsame Masterarbeit an der Leuphana Universität Lüneburg einen ungewöhnlichen Schritt: Sechs Wochen vor Eröffnung der documenta fifteen zogen sie nach Kassel und begleiteten die Ausstellung sowohl vor der Eröffnung als auch während ihrer gesamten Laufzeit. Sie führten Gespräche mit über 40 beteiligten Kulturschaffenden, beobachteten Arbeitstage aus nächster Nähe und dokumentierten alltägliche Praktiken im Künstler*innen- und Organisationsumfeld.

Die documenta fifteen bot dafür ein besonders spannendes Feld: „Zum ersten Mal wurde die Ausstellung von einer Gruppe, dem indonesischen Künstler*innenkollektiv ruangrupa, geleitet. Die Gruppe etablierte das Prinzip „lumbung“, erklärt Jana Faßbender. Lumbung ist das indonesische Wort für eine Reisscheune, in der Ernteüberschüsse zum Nutzen der Gemeinschaft gelagert werden. „Auf die Organisation übertragen wird das Wort zur Praxis, die im Zwischenmenschlichen begründet ist: Ressourcen, Wissen und Verantwortung werden geteilt, Entscheidungen kollektiv getroffen. Kunst wird nicht als statisches Objekt, sondern als partizipative Praxis verstanden“, erklärt Luca Marie Tüshaus. 

Im Zentrum ihrer Analyse steht der Begriff der Atmosphäre. Atmosphären verstehen beide Autorinnen als das, was zwischen Menschen, Räumen und Objekten entsteht – als sinnlich wahrnehmbare Stimmung, die Handeln, Wahrnehmung und Organisation prägt. Vereinfacht gefragt: Welche emotionalen und körperlichen Erfahrungen strukturieren den Alltag? Und wie wirken sich diese auf organisationales Arbeiten aus? Ausgehend davon entwickeln sie ein Vokabular sogenannter „atmospheric forces”, insgesamt elf an der Zahl, mit denen sie die documenta fifteen als Organisation ebenso wie als Ort der Gemeinschaft, Krise, Fülle, Intensität, Auf- und Entladung, … beschreiben und analysieren. 

Methodisch wählten die damaligen Masterkandidatinnen einen ethnografischen und dialogischen Ansatz. Das Schreiben selbst wurde Teil ihrer Forschung: Das gesamte Buch entstand dialogisch, im gemeinsamen Denkprozess und dem Verfassen jedes einzelnen Satzes zu zweit. Ihre Hoffnung: Ein immersiver Text, der Theorie und Material zugleich denk- und spürbar werden lässt. 

Heute sind die beiden Absolventinnen weiter in der Kulturbranche tätig: Luca Marie Tüshaus arbeitet für das European Creative Hubs Network, gefördert von der Europäischen Kommission in Athen, während Jana Faßbender als Programmmanagerin bei der Körber-Stiftung in Hamburg tätig ist. 

Dass ihre Masterarbeit als Buch erscheinen würde, war zunächst nicht geplant und zugleich ein großer Traum. Möglich wurde die Veröffentlichung durch die enge Betreuung an der Leuphana und die Unterstützung ihres Betreuers Prof. Dr. Timon Beyes.

Kontakt

  • Prof. Dr. Timon Beyes