Ein Forschungsaufenthalt, der neue Perspektiven eröffnet hat
06.10.2026 Drei Monate am European University Institute in Florenz gaben Everton Carneiro die Möglichkeit, neue methodische Impulse für seine Forschung zu gewinnen und sich intensiv mit anderen Forschenden auszutauschen. Im Interview berichtet er von wissenschaftlichen Chancen, praktischen Herausforderungen und davon, wie ein internationaler Forschungsaufenthalt auch den persönlichen Blick auf Europa verändern kann.
Welche internationale Erfahrung haben Sie während Ihrer Promotion gemacht?
Ich promoviere am Institut für Politikwissenschaft (IPW) der Leuphana. Anfang 2026 war ich für drei Monate als Gastpromovierender am European University Institute (EUI) in Florenz, Italien. Ich sollte ergänzen, dass ich ursprünglich aus Brasilien komme und vor fünf Jahren nach Deutschland gezogen bin, um hier einen Master zu machen. Deutschland war also tatsächlich meine erste internationale Erfahrung.
Was hat besonders gut funktioniert?
Das EUI ist, wie der Name schon sagt, eine europäische Universität. Gleichzeitig unterscheidet es sich deutlich von der Leuphana und von allen anderen Universitäten, die ich zuvor kannte. Dort gibt es ausschließlich Promovierende, keine Bachelor- oder Masterstudierenden. Es ist daher eine sehr kleine Einrichtung, an der alle forschen. Die Lehrveranstaltungen haben nur sehr wenige Teilnehmende, und man kommt leicht mit den Professorinnen und Professoren ins Gespräch. Diese Nähe habe ich als sehr wertvoll erlebt. Sie hat mir ermöglicht, viele Details meines eigenen Forschungsprojekts direkt zu diskutieren.
Welche Herausforderungen gab es?
Ich erlebe Universitäten weltweit grundsätzlich als sehr offene und einladende Orte. Trotzdem bringt ein Aufenthalt in einem anderen Land immer gewisse Herausforderungen mit sich. Eine Unterkunft zu finden, sich in einer neuen Stadt zurechtzufinden und die Abläufe an einer neuen Universität kennenzulernen – all das kostet Zeit und Energie. Bei einem vergleichsweise kurzen Aufenthalt fällt das besonders ins Gewicht, denn die Zeit vergeht sehr schnell.
Die nicht-akademischen Herausforderungen fand ich schwieriger. Während meines Aufenthalts musste ich beispielsweise einmal einen Arzt aufsuchen. Plötzlich stellten sich viele Fragen: Wird meine Krankenversicherung hier akzeptiert? Wie bekomme ich einen Termin? Kann ich das öffentliche Gesundheitssystem nutzen? Reicht mein Italienisch für einen Arztbesuch?
Was haben Sie aus der Erfahrung mitgenommen – persönlich und wissenschaftlich?
Wissenschaftlich sehr viel. Ich bin für drei Monate nach Florenz gegangen, weil ich dort einen bestimmten Methodenkurs besuchen wollte. Ich konnte den Kurs nicht nur bei einer Professorin belegen, die selbst ein Buch zu dieser Methode geschrieben hat, sondern hatte auch die Gelegenheit, ihr mein Forschungsprojekt vorzustellen und mit ihr darüber zu sprechen, wie sich die Methode am besten anwenden lässt. Außerdem habe ich andere Forschende kennengelernt, die mit derselben Methode arbeiten.
Persönlich habe ich mich zwangsläufig mit der Frage beschäftigt, ob ich in Florenz oder generell in Italien leben könnte und worin sich das Leben dort von Deutschland unterscheidet. Als ich vor fünf Jahren aus Brasilien nach Deutschland kam, war das eine große kulturelle Umstellung. Der Aufenthalt in einem weiteren europäischen Land hat mir ermöglicht, darüber nachzudenken, welche Eigenschaften eher allgemein europäisch sind und welche besonders deutsch.
Welchen Rat würden Sie anderen Promovierenden geben, die einen ähnlichen Schritt erwägen?
Macht es! Natürlich ist jede internationale Erfahrung anders und vieles hängt vom jeweiligen Kontext ab. Aber die Organisation meines Forschungsaufenthalts war überraschend unkompliziert. Der Qualifizierungsfonds hat einen großen Teil meiner Ausgaben übernommen, und die Abstimmung mit beiden Universitäten verlief schnell und einfach.
Mein wichtigster Rat wäre, einen Ort zu wählen, der wirklich zum eigenen Forschungsvorhaben passt: wegen eines bestimmten Kurses, wie in meinem Fall, wegen eines Archivs, das man nutzen möchte, wegen einer Professorin oder eines Professors, mit der oder dem man sprechen möchte, oder aus einem anderen konkreten Grund, der mit dem eigenen Projekt verbunden ist.
Everton Carneiro promoviert seit Oktober 2024 am Institut für Politikwissenschaft der Leuphana. Betreut wird er von Prof. Dr. Lukas Hakelberg, Professor für Politische Ökonomie. In seinem vierjährigen Promotionsprojekt untersucht er, warum sich bestimmte Orte zu Steueroasen entwickelt haben und andere nicht. Ein besonderer Fokus liegt auf den historischen Zusammenhängen mit der Kolonialgeschichte. Dafür arbeitet das Forschungsteam intensiv mit Archivmaterial in verschiedenen Sprachen. Everton Carneiro beschäftigt sich insbesondere mit Fällen aus ehemaligen portugiesischen und spanischen Kolonien.