Neuer Minor: Geschichte kennen, um die Gegenwart zu verstehen

18.02.2026 Im Gegensatz zu klassischen Geschichtsstudiengängen ist der Minor Geschichte an der Leuphana bewusst schlank, interdisziplinär und flexibel aufgebaut. Er kombiniert epochenübergreifende Perspektiven mit Mediengeschichte, Wissensgeschichte und praktischer Archivarbeit. Das Studienprogramm richtet sich an Studierende aller Fakultäten und startet im Wintersemester 2026/27. Minor-Verantwortliche Prof. Dr. Christina Wessely, Professorin für Kulturgeschichte des Wissens, zur Idee des neuen Programms.

©Leuphana/Tengo Tabatadze
„[Es] handelt sich bei Geschichtskenntnis aber auch um Bildung im klassischen Sinne: Sie lässt uns erkennen, dass unser heutiges Wissen, unsere Überzeugungen und selbst unsere Gefühle historisch sind", sagt Prof. Dr. Christina Wessely.

Frau Professorin Wessely, warum müssen wir zurückblicken, um die Gegenwart zu verstehen?

Wir leben in einer Zeit großer politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Politische, ökologische und ökonomische Krisen – all diese Phänomene haben eine Geschichte. Wenn wir sie isoliert betrachten, bleiben sie unverständlich. Der Titel ist auch bewusst nicht auf Kultur-, Politik- oder Sozialgeschichte verengt, sondern offengehalten, um Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen anzusprechen. Alle Fakultäten unserer Universität beschäftigen sich intensiv mit Fragen der Gegenwart: Mit Nachhaltigkeit und gesellschaftlichem Wandel, mit den großen Transformationen unserer Zeit. Diese hochaktuellen Themen lassen sich allerdings in ihrer ganzen Komplexität nur verstehen, wenn man sie in ihrer historischen Gewordenheit versteht. Genau hier setzt der Minor an.

Wie sieht die inhaltliche Umsetzung des Studienprogramms aus?

Wir starten im ersten Semester mit einer großen Überblicksvorlesung zur „Geschichte der Moderne“. Wir setzen also um 1800 an, weil wir davon überzeugt sind, dass zentrale Ideen, die um diese Zeit entwickelt wurden – etwa Vorstellungen des Wirtschaftens und Zusammenlebens, der Wissensproduktion und des Naturverständnisses – bis heute wirksam sind. 

Warum ausgerechnet 1800?

Die genannten neuen Vorstellungen gehen zurück auf den Umstand, dass um 1800 „Geschichte“ als eine spezifische Wissensform des Geschehens entsteht. Die Erfahrung der französischen Revolution hat zum Auseinandertreten von „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“ geführt, wie der Historiker Reinhardt Koselleck das genannt hat: Konnte sich der (europäische) Mensch bis dahin sicher sein, dasselbe Leben zu führen, dieselben Erfahrungen zu machen wie die Generationen davor, stellt die Revolution einen Bruch dar, der die Vorstellung einer „offenen Zukunft“ eröffnet. Der Mensch sieht sich dem Geschehen und der – spätestens seit Darwin ebenfalls als historisch erkannten – Natur nicht länger ausgeliefert, sondern versteht sich als aktiver Gestalter. Vor diesem Hintergrund wurden bis dahin geltende Vorstellungen von Menschen, Welt und Wissen neu ausgehandelt.

Welche thematischen Vertiefungen sind für die Studierenden möglich?

Wir reagieren bewusst auf die inhaltliche und disziplinäre Vielfalt an der Leuphana. Einen Schwerpunkt bildet die Geschichte des Wissens. Dabei beschäftigen wir uns zum Beispiel mit der Geschichte ökologischen Denkens und fragen nach der Geschichte von Konzepten wie Umwelt, Ökosystem oder Anthropozän. Möglich sind aber auch Veranstaltungen zur Geschichte der Ökonomie oder technikhistorische Seminare. In all diesen Lehrveranstaltungen geht es darum, zu verstehen, wie Wissen entsteht, wie es sich verändert und gesellschaftlich wirksam wird. 

Im Modul „Medien der Geschichte“ – ein weiterer Schwerpunkt innerhalb des Minor – sind Angebote vorgesehen, die von der Geschichte des Computers bis zur Geschichte der Künstlichen Intelligenz reichen. 

Mit der Archivarbeit schließt das Studienprogramm inhaltlich. Warum setzen Sie die Methodik ans Ende des Studiums? 

Quellenarbeit ist nicht nur eine Technik, sondern verlangt historisches Wissen und begriffliche Sicherheit. Wer keine Vorstellung von den politischen, sozialen und kulturellen Kontexten hat, kann Quellen kaum sinnvoll interpretieren. 

Kann historisches Wissen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen?

Die Vorstellung, „aus der Geschichte zu lernen“, hat selbst schon eine lange Geschichte, ich würde das daher nicht als Motto des Minor ausgeben. Aber über historische Expertise zu verfügen, hilft zweifelsohne, auch die Herausforderungen der Gegenwart besser einordnen und, ja, vielleicht auch, fundierte und reflektierte Entscheidungen zu treffen. Darüber hinaus handelt es sich bei Geschichtskenntnis aber auch um Bildung im klassischen Sinne: Sie lässt uns erkennen, dass unser heutiges Wissen, unsere Überzeugungen und selbst unsere Gefühle historisch sind. Diese Einsicht halte ich gerade angesichts der oft so hitzig geführten Debatten der Gegenwart für ungemein hilfreich. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Kontakt

  • Prof. Dr. Christina Wessely