Utopie-Konferenz 2026: Tanzen im Denkraum
28.08.2026 Ist Großzügigkeit eigentlich nur eine private Tugend? Oder brauchen wir sie längst als politische Dimension? Drei Tage lang loteten Menschen aus der ganzen Republik an der Leuphana Universität Lüneburg aus, wie wir einander entgegenkommen können angesichts gesellschaftlicher Spaltung, rasanten technischen Wandels und zunehmender Unsicherheit.
©Leuphana/Teresa Halbreiter
Jemand weicht aus, um der Drehung eines anderen Raum zu geben. Eine Bewegung wird weitergegeben, angenommen, erneut geteilt. Verbindungen werden geknüpft, gelöst und neu gebunden. Vor dem Zentralgebäude tanzen Besucher*innen der Utopie-Konferenz gemeinsam. Die Company Sasha Waltz hatte zu einer Improvisation eingeladen. Für einen Moment wird dabei sichtbar, was politische Großzügigkeit bedeuten könnte: Raum geben, Unterschiede aushalten und sich aufeinander einlassen.
Mit der Utopie-Konferenz öffnet die Leuphana alle zwei Jahre einen „freien Denkraum“, wie Präsident Sascha Spoun es formulierte: „Die Suche nach etwas Besserem, nach etwas Neuem, nach etwas Gerechterem, das entspricht unserem Selbstverständnis von Universität.“ Abschließend forderte er die Teilnehmer*innen auf: „Reißen Sie also durchaus Grenzen nieder, überwinden Sie Selbstverständlichkeiten und öffnen Sie sich.“ Gerade in krisenhaften Zeiten, so Sascha Spoun, müsse der Blick nach vorne gehen – auf „etwas Neues, das es bislang noch nicht gab“.
Ein Thema, an dem sich dieser Anspruch zeigte, war Künstliche Intelligenz. Autorin Léa Steinacker richtete ihren Blick auch auf die großen Tech-Unternehmen und deren Versprechen. Die Aussicht auf enorme Produktivitätsgewinne und gesellschaftliche Umbrüche sei, so sagte sie, „erstmal getrieben von einer Marktlogik“. Gleichzeitig sei unklar, wie die Vorteile der Technologie verteilt werden sollen. Damit wird die Frage nach Großzügigkeit auch zu einer Debatte über Eigentum und Verteilung: Wer profitiert von den enormen Möglichkeiten der KI – und wie viel davon kommt tatsächlich der Gesellschaft zugute?
Nachhaltigkeitsexpertin Maja Göpel sprach mit Publizistin und Philosophin Şeyda Kurt über ihr Verständnis von Großzügigkeit. Beide lenkten den Blick auf die Frage der Knappheit. Nicht jede Knappheit sei naturgegeben. Manche werde gesellschaftlich hergestellt. „Die kapitalistische Wirtschaftsweise funktioniert auch durch künstliche Verknappung“, erklärte Şeyda Kurt. Gleichzeitig gebe es auch „eine reale Verknappung“ durch den Ressourcenverbrauch der Natur. Deshalb sei für sie nicht zuerst entscheidend: „Worauf verzichten wir?“, sondern vielmehr: „Woher kommt die Verknappung und ist diese Verknappung nicht eigentlich eine Frage von Gerechtigkeit?“
Neue Perspektiven auf Großzügigkeit eröffneten auch die Resonanzkünstler*innen der Utopie-Konferenz. Eine von ihnen ist Leuphana-Vizepräsidentin und Völkerrechtlerin Prof. Dr. Jelena Bäumler. „Tatsächlich ist Großzügigkeit für das Recht erstmal keine Kategorie“, erklärte sie. Dennoch könne sie wichtig werden, wenn die bestehende Balance von Gerechtigkeit infrage gestellt werde. Großzügigkeit könne dann einen „Überschuss“ darstellen, der dazu beiträgt, „dass eine neue Gerechtigkeitsordnung sich entwickelt“.
Eine historische Perspektive brachten Studierende ein. In einem Seminar beschäftigten sie sich mit der Frage, ob es historische Beispiele für gesellschaftliche Großzügigkeit gibt. Dabei untersuchten sie unter anderem den Frauenstreik von 1975 in Island, den KSZE-Entspannungsprozess im Kalten Krieg und die Erfindung des Polio-Impfstoffs. Ihre Ergebnisse präsentierten sie in verschiedenen Formaten – etwa in einem Podcast, einem Kurzfilm und einer interaktiven Station.
Ein Moment bei der Eröffnung machte deutlich: Menschenrechte sind keine Frage der Großzügigkeit. Azadeh Maghsoodi, vor zwei Jahren Artist in Residence an der Leuphana, erinnerte an Jina Mahsa Amini, die 2022 nach ihrer Festnahme durch die iranische Sittenpolizei starb. Die Violinistin führte gemeinsam mit Universitätsmusikdirektorin Rebecca Lang das Lied „Soltane Ghalbha“ auf. „Ich möchte es im Iran spielen, wenn das Regime gefallen ist“, sagte die Musikerin. Viele Zuhörende im Auditorium erhoben sich und zollten ihr Respekt.


