Frieden ist keine Selbstverständlichkeit
07.09.2026 Es gibt Momente im Leben, die rücken einem die eigene Perspektive mal wieder etwas zurecht. Die Absolventinnenrede von Nour Al-Rifai im Rahmen der Graduiertenfeier der Leuphana Professional School im Juni 2026 war für viele Anwesende so ein Moment.
©Leuphana/Floeter
Aber von vorn: Nour Al-Rifai kommt aus Homs in Syrien, wo sie 2008 ihren Bachelor in Architektur anfängt. 2011, im dritten von fünf Studienjahren, beginnt der Syrische Bürgerkrieg und die Situation ändert sich schlagartig: „Als ich in Syrien studiert habe, stand oft ein echter Panzer direkt vor unserem Haustor. Wir durften nicht mal raus. Die Uni war monatelang zu. Ich habe gelernt, während draußen die Bomben fielen. Ich hatte Angst um mein Leben.”, berichtet Nour Al-Rifai aus dieser Zeit. 2013 macht sie ihren Abschluss, während sie mit ihrem ersten Kind schwanger ist. Die Familie trifft die Entscheidung, Syrien zu verlassen und flieht zunächst in den Libanon.
Drei Jahre lebt Frau Al-Rifai mit ihrem Sohn und ihren Eltern im Libanon, während ihr Mann sich in Deutschland um seine Approbation und eine Stelle als Apotheker bemüht.
Während der Zeit im Libanon steht für Frau Al-Rifai bereits fest, dass sie sich in Richtung Baumanagement weiterbilden möchte. Dafür macht sie im Libanon ein Zertifikat als Associate Project Managerin und sammelt erste Berufserfahrung. Und sie beginnt, Deutsch zu lernen.
Berufserfahrung sammeln und Deutsch lernen, bleiben auch nach dem lang ersehnten Umzug nach Deutschland ihr Fokus. Parallel wird sie zum zweiten Mal schwanger.
2018 findet sie den berufsbegleitenden Master Baurecht und Baumangement an der Leuphana Professional School, aber mit zwei kleinen Kindern verwirft sie die Idee zunächst. Doch ihre Mutter mahnt: „Vergiss nie, wer du bist und vergiss niemals deine Träume.” Als ihre Mutter an Krebs erkrankt, nimmt sie ihrer Tochter das Versprechen ab, den Master endlich anzugehen. Nach dem Tod der Mutter löst Nour Al-Rifai das Versprechen ein – für ihre Mutter, für sich und auch als Vorbild für ihre Kinder.
2022 geht das Studium los. Der Start läuft gut, sie fühlt sich angekommen – bis zur ersten Vorlesung in Baurecht, als sie vor lauter Paragrafen kurz zweifelt, ob sie in der richtigen Vorlesung sitzt. Es folgt eine intensive und anstrengende Zeit mit viel Pendelei zwischen Uelzen, dem Wohnort der Familie, ihrem Arbeitgeber in Hamburg und dem Studium in Lüneburg. Ihre Tochter ist zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt und hängt sehr an ihr. Sie verpasst Fußballspiele und Ballettstunden – es braucht viel Verständnis von allen Seiten. Ihr größter Unterstützer ist ihr Mann, der ihr den Rücken freihält und ihr immer wieder Mut zuspricht. Nour Al-Rifai macht 2026 ihren Abschluss und feiert ihn auf der Graduiertenfeier im Beisein ihrer Familie.
Nour Al-Rifai steht, zwar sichtlich aufgeregt, aber wie immer lächelnd, am Redner*innenpult und spricht nicht etwa über sich selbst oder ihren Erfolg, sondern über den Frieden: „Hier nimmt man den Frieden oft so selbstverständlich. Man lernt, man macht seinen Abschluss, man feiert. Aber ich will den Menschen da draußen sagen: Frieden ist ein riesiges Geschenk. Er ist absolut keine Selbstverständlichkeit.” Warum sie diese Worte an dieser Stelle wählt? Weil sie durch die Geschichte ihrer Heimat gelernt hat, dass es wichtig ist, die eigene Stimme für Frieden und Menschlichkeit zu erheben. „Ich will niemals, dass meine Kinder mich eines Tages ansehen und fragen: Mama, warum hast du damals geschwiegen?“, erklärt sie.
Für Nour Al-Rifai ist der Master mehr als ein Abschluss, es ist ein Sieg der Hoffnung und des Lebens über die Angst. „Ich kann nicht kontrollieren, was um mich herum passiert, aber ich kann Verantwortung für meine Taten übernehmen und mein Bestes geben. Und wer weiß, vielleicht macht mein Lächeln den Tag meines Gegenübers ein bisschen besser.”, sagt sie in unserem Gespräch – und lächelt ein strahlendes, hoffnungsvolles Lächeln.
Wir danken Frau Al-Rifai für diesen sehr persönlichen Einblick, gratulieren auch an dieser Stelle noch einmal herzlichst zum Master-Abschluss und wünschen ihr für ihren weiteren Weg nur das Beste.