Neue Publikation kritisiert EU-Wende bei Nachhaltigkeit
19.01.2026 Die EU hat mit dem sogenannten Omnibus-Verfahren zentrale Nachhaltigkeitsregulierungen abgeschwächt, um Unternehmen in Zeiten schwacher Wirtschaft zu entlasten. Warum diese Entscheidung langfristig der Wettbewerbsfähigkeit schadet, erklärt Prof. Dr. Patrick Velte, Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Accounting, Auditing & Corporate Governance.
©Leuphana/Patrizia Jäger
Herr Professor Velte, der „Omnibus“ hat in kurzer Zeit gleich drei große Nachhaltigkeitsregulierungen entschärft, die Sie in einer aktuellen Publikation kritisieren. Was sind die Hintergründe?
Der Omnibus ist im Kern der Versuch der EU-Kommission, mehrere Nachhaltigkeitsregulierungen gleichzeitig zu überarbeiten und abzumildern – vor allem die Nachhaltigkeitsberichterstattungsrichtlinie (CSRD), die europäische Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) und die Taxonomie-Verordnung, die wiederum Kriterien der Nachhaltigkeit definiert. Ursprünglich sollten sehr viele Unternehmen berichts- und sorgfaltspflichtig werden, auch zahlreiche mittelständische Firmen. Dieser Kreis wurde nun massiv verkleinert. Schätzungen gehen davon aus, dass 80 bis 90 Prozent der ursprünglich betroffenen Unternehmen wieder herausgefallen sind. Übrig bleiben im Wesentlichen sehr große Konzerne.
Wie kam es zu diesem deutlichen Kurswechsel?
Es ist ein Bündel aus Gründen. Erstens die geopolitische Lage: der Ukraine-Krieg, die wirtschaftliche Unsicherheit. Zweitens die politischen Verschiebungen – in den USA durch Trumps Anti-Nachhaltigkeitsagenda, aber auch in Europa durch veränderte Mehrheiten. Und drittens hausgemachter Druck: Viele Unternehmen und Verbände waren überfordert und frustriert. Sie haben massiv lobbyiert, weil sie die Regulierung als Bürokratiemonster empfunden haben. Die Kommission hat diesen Druck aufgenommen.
Hand aufs Herz: War diese Kritik nicht auch berechtigt?
Was eigentlich gut gedacht war, wurde zu schnell und zu wenig durchdacht umgesetzt. Vor allem der Mittelstand litt. Viele kleinere Unternehmen hatten weder Personal noch Know-how, um plötzlich umfangreiche ESG-Daten zu erheben. Man muss klar sagen: Die Regulierung war in ihrer ursprünglichen Form für viele schlicht nicht umsetzbar. Gleichzeitig wurde jetzt das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
Was meinen Sie damit?
Klimarisiken, Lieferkettenprobleme, Menschenrechtsfragen, Biodiversitätsverluste – all das bleibt Realität. Nachhaltigkeit verschwindet nicht, nur weil Berichtspflichten reduziert werden. Und Unternehmen stehen weiterhin unter Druck: durch Banken, Versicherungen, große Kunden, Investoren, Mitarbeitende und Konsument*innen. Wer Teil der Lieferkette eines großen Konzerns ist, wird weiterhin Daten liefern müssen – auch ohne gesetzliche Pflicht. Der Unterschied ist nur: Jetzt fehlt der einheitliche Rahmen. Und genau das erhöht Unsicherheit. Fortbildung bleibt für Unternehmen unerlässlich.
Welches Wissen fehlt vielen Unternehmen konkret?
Erstens systematische Informationen: Was bedeutet Nachhaltigkeit jenseits von Berichten? Wie hängen Klima, Lieferkette, Biodiversität, soziale Themen und Wirtschaftlichkeit zusammen? Zweitens methodische Kompetenz: Wie erhebe ich verlässliche Daten? Wie baue ich Managementsysteme auf? Wie verhindere ich Greenwashing? Drittens interdisziplinäres Know-how: Es geht um Umweltwissenschaften, Recht, Risikoanalyse, Digitalisierung. Das klassische Qualifikationsprofil reicht dafür nicht mehr aus. Wer in der Wirtschaft tätig ist muss heute auch naturwissenschaftlich, politisch und rechtlich denken.
Es gibt noch eine andere Seite: die Wirtschaftsprüfer*innen. Was bedeutet die Reform gerade für kleine Kanzleien?
Künftig – selbst im reduzierten Rahmen – müssen Nachhaltigkeitsinformationen geprüft werden. Das ist hochkomplex. Geprüft werden nicht nur Zahlen, sondern auch Emissionsmodelle, Lieferkettenrisiken, Umweltwirkungen. Dafür braucht es neue Kompetenzprofile, sowohl in Unternehmen als auch in Prüfungs- und Beratungsgesellschaften. Wenn wir hier nicht massiv weiterbilden, droht entweder Greenwashing oder eine Machtkonzentration bei wenigen Großanbietern.
Viele sagen: Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, können sich Unternehmen Nachhaltigkeit eben nicht leisten. Haben diese Stimmen recht?
Ich halte das für ein Kurzschlussargument. Natürlich stehen viele Unternehmen unter enormem Druck. Aber Transformation ohne Qualifikation funktioniert nicht. Wenn wir Nachhaltigkeit, Digitalisierung und KI ernst nehmen, dann reden wir über einen tiefgreifenden Strukturwandel. Der entscheidet darüber, ob Unternehmen in fünf oder zehn Jahren noch wettbewerbsfähig sind. Weiterbildung ist Teil der Risikovorsorge, um global als Unternehmen wettbewerbsfähig zu bleiben.
Nachhaltigkeit bleibt also gerade auf lange Sicht ein Faktor, der Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich macht?
Nur ein Beispiel: Die Automobil-Industrie hat Deutschland wirtschaftlich groß gemacht. Nun wurde das Verbrenner-Aus zurückgenommen. Kurzfristig mag das der deutschen Wirtschaft helfen, langfristig hängt uns China ab. Asien dominiert längst die Produktion von E-Autos auf dem Weltmarkt. Nicht nur an diesem Fall wird deutlich: Wer Nachhaltigkeit heute zu teuer findet, zahlt in der Zukunft einen hohen Preis.
Vielen Dank für das Gespräch!